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Dossier ETEP: Austauschprogramm schickt Bands auf europäische Festivals

2003 gründeten die beiden Holländer Ruud Berends und Peter Smidt eine attraktive Plattform für europäische Acts – das European Talent Exchange Programm, kurz ETEP genannt. Nach vier Jahren bescheinigt Ruud Berends dem als Gegenpol zur amerikanischen Übermacht im Live-Sektor gegründeten Projekt eine „Superentwicklung“. Dabei ist erst ein Anfang gemacht.

Die Idee, die hinter dem ETEP steht, ist so einfach wie effizient: Acts aus ganz Europa präsentieren sich während des holländischen Eurosonic/Noorderslag-Festivals in Groningen den europäischen Festival-Machern – eine Art Band-Casting der besonderen Sorte. Als Preis winkt dabei nicht ein Plattenvertrag, sondern ein Auftritt vor großem Publikum bei einem der großen und attraktiven Festivals in Europa. Veranstalter, die aus dem ETEP-Pool schöpfen möchten, müssen verschiedene Kriterien erfüllen und einen einmaligen Beitrag von 1000 Euro bezahlen – der sich indes schnell rechnet. Denn jede Buchung einer ETEP-Band wird finanziell bezuschusst. „Doch das ist nicht der springende Punkt“, so Stefan Reichmann, Gründer und Chef des renommierten deutschen Festivals Haldern Pop und ausgewiesener Noorderslag-Kenner. Die Veranstaltung in Groningen biete vielmehr die einmalige Möglichkeit, sich von den Live-Qualitäten frischer, unverbrauchter europäischer Bands überzeugen zu können: „Wir fahren da seit Jahren hin und sind jedes Jahr fündig geworden.“ Reichmann ist so auf viele mittlerweile namhafte Bands gestoßen wie Kaizers Orchestra, Kashmir oder The Kooks. Für 2007 hat der Initiator von Haldern Pop gleich eine ganze Reihe von vielversprechenden Namen über das ETEP-Programm geordert, darunter The Magic Numbers, Gabriel Rios, The View und Duke Special. Als ETEP 2003 Premiere feierte, machten 23 Acts aus acht Ländern mit. Sie traten anschließend bei 23 Festivals in 13 Ländern auf, absolvierten insgesamt 53 Shows. Drei Jahre später schrieben Ruud Berends und Peter Smidt, die beiden Gründer, schon ganz andere Zahlen: 48 Formationen aus zwölf Ländern traten bei 50 Festivals auf, in 17 verschiedenen Ländern gaben die ETEP-Acts rund dreimal so viele Auftritte wie im Gründungsjahr – 156 Shows. Insgesamt verzeichnen die beiden Macher heute die stolze Zahl von 382 ETEP-Auftritten. Dies belegt, wie Ruud Berends im Gespräch mit MusikWoche sagt, die „Superentwicklung“. Berends, der neben seinen ETEP-Tätigkeiten das holländische Musikexportbüro leitet und beim Noorderslag-Festival für die Promotion und das internationale Marketing zuständig ist, ist nicht nur deshalb guter Dinge. Denn für das Jahr 2007 war das Finanzkonzept anfangs nicht gesichert. Das European Music Office der EU, mit einem jährlichen Zuschuss der wichtigste Finanzgeber des Talentprogramms, steuert in diesem Jahr keinen Euro bei. Nicht nur, weil die finanzielle Unterstützung von Anfang an auf drei Jahre ausgerichtet und befristet war – sondern auch, weil der Amtsschimmel in Brüssel zu kräftig und zu lange wieherte. Ruud Berends: „Die verschiedenen EU-Länder haben so lange gewartet und so lange darüber gestritten, wer was und wie viel bezahlen soll, bis letztlich keine Budgets mehr über waren. Für 2008 gehen wir aber davon aus, dass wir neues Geld bekommen.“ Ohne die Brüsseler Subventionen hat das ETEP-Team aktuell zwar „etwas weniger in der Kasse“, die Finanzierung konnte aber trotzdem sicher- gestellt werden – dank der Exportbüros der verschiedenen Länder, der holländische Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra und der Organisation Sena Performers. In dem neuen, in Brüssel vorliegenden Subventionsantrag ist auch ein Ziel formuliert: Innerhalb von zwei Jahren sollen insgesamt mindestens 75 Festivals bei ETEP mitmachen. Ein ehrgeiziges Ziel, denn heute kann ETEP erst auf 55 Kooperationspartner zählen. Um den Festivalveranstaltern das Buchen von ETEP-Bands schmackhaft zu machen, bekommen sie es mit klingender Münze versüßt: Für die erste Band mit 1500, für jede weitere mit 1000 Euro. Doch nicht jedes Festival darf mitmachen. Zu den Grundvoraussetzungen gehören verschieden große Bühnen und ein landesweit ausstrahlender Radiopartner. Feste Größen im Festivalkalender wie Rock im Park/Rock am Ring, Southside, das dänische Roskilde, das ungarische Sziget oder das in der Schweiz ausgetragene Gurtenfestival erfüllen diese Mitmachvoraussetzungen freilich locker. Berends‘ Optimismus, dass die EU ab 2008 wieder die Brieftasche öffnen wird, fußt auf mindestens zwei Gründe. Erstens die europäische Idee. Zweitens der messbare Erfolg. „Wir haben das Ganze gestartet, um der amerikanischen Dominanz auf dem Musikmarkt entgegenzuwirken. Wir glauben daran, dass es in Europa so viele gute und originelle Bands gibt, die einfach mehr Bekanntheit in Europa beziehungsweise in der ganzen Welt verdienen. Das wollen wir durch ETEP erreichen“, sagt Berends. Der Weg führt für den früheren Agenten von Top-Acts wie Nirvana, Lemonheads und Soul Asylum vor allem über große Festivalbühnen. Doch um dort einen Künstler platzieren zu können, muss eine Veränderung im Bewusstsein der Veranstalter her: „Wenn der Markt weiterhin von US-Acts geprägt bleibt, fließen auch die nötigen Promotiongelder wieder zurück nach Amerika“, sagt Ruud Berends. Die Folge: Alles bleibt wie gehabt. Doch nach vier Jahren ETEP kann davon keine Rede mehr sein; ein Umdenken bei den Promotern ist längst Realität: „Etwa vor fünf Jahren haben die Agenten und Promoter circa acht bis neun Prozent europäische Acts gebucht“, sagt Berends und schickt zufrieden hinterher: „Heute sind es zwischen 30 und 60 Prozent. Das ist eine großartige Entwicklung.“ Auch wenn sich nicht belegen lasse, welchen Anteil an dem Prozess das European Talent Exchange Program trage, ist sich Berends sicher: „Das hat schon einen gewissen Einfluss gehabt.“ Um das rockende Europa weltweit bekannt zu machen, arbeiten ETEP-Projektmanager Berends und der für alle politischen Belange zuständige Peter Smidt von Buma Cultuur (einem vor 40 Jahren gegründeten Ableger der niederländischen Urheberrechtsgesellschaft zur Förderung einheimischer Musik) am globalen ETEP-Engagement. Ein amerikanisches Festival macht bereits mit, an Partnern in Japan und Australien sei man dran – mit voller Energie. Schließlich stünden hinter ETEP, wie Ruud Berends augenzwinkernd zu Protokoll gibt, „Männer mit einer Mission“. Welche Musiker in den Genuss des ETEP kommen, entscheidet sich während des alljährlich im Januar im Norden Hollands stattfindenden Noorderslag Festivals. In dessen Rahmen findet das Eurosonic-Festival statt, bei dem jedes Land seine Acts präsentiert. Die Vorauswahl übernehmen die jeweiligen Exportbüros der verschiedenen Länder gemeinsam mit den ETEP-Machern und den Radiostationen in der European Broadcasting Union, die bis zu zwei Bands vorstellen dürfen. Insgesamt haben an den drei Januartagen in Groningen 250 Bands aus ganz Europa die Möglichkeit, sich vor einer hochkarätigen Promoterriege zu präsentieren. Wer gut ankommt, hat auch zu tun – und wird für attraktive Festivals in ganz Europa gebucht. Zu den deutschen Acts, die bereits ihre musikalische Visitenkarte abgeben durften, gehören Seeed, 2raumwohnung und Wir sind Helden. Die Resonanz auf die deutschen Musikbotschafter war durchweg positiv, wie Berends weiß: „Seeed kamen hervorragend an, was auch nicht verwunderlich ist, denn sie sind multikulti angelegt und dazu ein hervorragender Festivalact.“ Obwohl Wir sind Helden als deutsch singende Band wesentlich weniger international ausgerichtet seien, waren sie bei dem europäischen Festivalbühnen-Casting erfolgreich und haben „viele Auftritte geholt“. Doch auch wenn eine Band mit weitgehend leerem Terminkalender von der Reise nach Nordholland heimkommt, hat sich die Teilnahme bei der Festivalmesse gelohnt. Denn die Medienpräsenz ist enorm: Viele der Shows werden von der European Broadcasting Union (EBU) aufgezeichnet und ausgestrahlt, und auch der WDR-Rockpalast ist mit im Boot. Professor Udo Dahmen, Leiter der Popakademie Mannheim, ist deshalb ein erklärter Fan der Einrichtung: „Ein vergleichbares Programm gibt es nicht. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, denn es war wirklich an der Zeit, dass wir uns in Europa stärker vernetzen.“ Eine Verknüpfung – in welcher Art auch immer – mit der Mannheimer Popakademie könnte sich Dahmen deshalb „durchaus vorstellen“.

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