Recorded & Publishing

Dossier: Es wird immer weitergehen

Musik als Gegenentwurf zu einer bürgerlichen Existenz: Für die Independentszene ist das nicht bloß ein hohler Slogan. Unter dem Titel „Wir werden immer weitergehen“ haben der Berliner Labelbetreiber und Journalist George Lindt und der Kameramann Ingolf Rech einen Dokumentarfilm und ein Buch zum Thema gemacht. MusikWoche bringt eine Leseprobe aus dem Kapitel „Life is too short for boring music …“ über die Vertriebsfirma EFA Medien, die eines der ersten Opfer der digitalen Krise wurde.

Dienstag, den 2. März 2004, könnte man vielleicht als den „schwarzen Dienstag“ der alternativen Musikszene in Deutschland bezeichnen. Grund dafür war eine kurze, aber folgenschwere E-Mail- Nachricht an die über 200 Plattenlabels (die mei – sten davon mit Sitz in Deutschland) der Vertriebsfirma EFA Medien GmbH. Der größte, dienstälteste und traditionsreichste Plattenvertrieb Deutschlands teilte mit, dass er einen Insolvenzantrag gestellt habe. Jetzt war offiziell, was sich schon seit Monaten anzubahnen schien und in Fachkreisen hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wurde, aber keiner sich so richtig vorstellen konnte. EFA, die mit dem Slogan „Life is too short for boring music“ das Flaggschiff der Independent-Musikszene Deutschlands bildete, war eines der ersten Opfer der neuen Krise der Musikkultur. Musikkultur deswegen, weil EFA (kurz für „Energie für Alle“) immer mehr war als ein reiner Vertrieb für Schallplatten und CDs. EFA, das war eine Ansammlung von Enthusiasten, Organisationstalenten, Chaoten und vielleicht auch teilweise ein als wahn – sinnig zu bezeichnender Haufen von Musiklieb – habern, die es mehr als zwei Jahrzehnte geschafft hatten, ebenfalls enthusiastischen Labels, Musikern und Einzelkämpfern die Möglichkeit zu geben, einigermaßen professionell ihre Geschäfte zu betreiben. Im Katalog des EFA-Vertriebs fanden sich Labels aus dem In- und Ausland. Labels, die meist von einer oder wenigen Personen betrieben wurden, die Musik als Kulturgut und nicht als Produkt sahen wie Universal, BMG, EMI, Warner und Sony, die das zudem meist als Hobby betrieben, ihre Lieblingsbands zu veröffentlichen. Ein Teil der Labels arbeitete professioneller und hauptberuflich und hatte mehrere Veröffentlichungen im Jahr und ein größeres Programm. Diese Tatsache führte dazu, dass EFA sich rasch zu einem Vollsortimenter aller musikalischen Sparten und Spe – zialgebiete entwickelte und so durch ihre Vertriebslabels als Spürnase für neue Trends fungierte. Nicht selten gab es aus dem Sammelsurium von Veröffentlichungen Glückstreffer, die dann überraschend große Verkaufszahlen erreichten und teilweise sogar in den offiziellen Charts geli – stet wurden. EFA hatte lange Zeit mit den Labels Foto: fotolia d o s s i e r e s w i r d i m m e r w e i t e r g e h e n 12_MusikWoche_05_2013 Verträge, die auch die Möglichkeit der Finanzierung beinhalteten. So wurden kleinen Labels die Pressung von Platten und CDs und die Schaltung von Werbeanzeigen oft vorfinanziert, und erst Monate später wurde das mit den Einnahmen aus den Verkäufen verrechnet, alles zinslos. Das barg ein Risiko in sich, rechnete sich aber lange, weil es immer wieder kleinsten Labels gelang, dadurch Veröffentlichungen zu realisieren, die sonst nie das Licht der Welt erblickt hätten und sich peu à peu refinanzierten, ohne dass eine Bank je diesem Unternehmen einen Kredit gegeben hätte. Das ging natürlich nicht immer auf und war sozusagen das unternehmerische Risiko der Geschäftsphilosophie der 68-sozialisierten Inhaber. Aber immer wieder passierte es, dass kleine Labels größere Erfolge erzielten und sich professionalisierten. Als Indie zur Alternative wurde Ein Beispiel aus jüngerer Zeit ist Buback: Am treffendsten beschreibt es Ale Dumbsky, ehemals Schlagzeuger der Goldenen Zitronen: „Die Plattenfirma war in meinem Zimmer … Was man sich so vorstellen kann: Es gibt da ein Bett und einen Schreibtisch. Der Schreibtisch war das Label, im Flur das Lager … Es gab da keinen Masterplan. Es war einfach so: Ich hab‘ da so ein bisschen Geld, und da gibt es diese Aufnahme von dieser Band, was ich gut finde, dann bring ich das halt raus. Ich habe auch das Freejazz-Album meines Nachbarn veröffentlicht. Ende 1992 habe ich dann das Demo der Absolute Beginners bekommen über einen Plattenladen, und dann fing es langsam an, ,seriös‘ zu werden.“ Einen richtigen Boom erreichte EFA dann in den 90er-Jahren, als sie die ersten Techno-Labels in den Vertrieb nahmen. Wieder waren es vereinzelte Kleinstlabels, meist Einmannunternehmen, gewesen, die sich trauten, diese komplett neue Stilrichtung auf Platte zu pressen und zu veröffentlichen. EFA war zu jener Zeit der größte Vertrieb für elektronische Musik, exportierte diese Musik auch stark ins Ausland und nahm andersrum vermehrt ausländische Labels unter Vertrag, um diese an den Handel in Deutschland zu verkaufen. Ein weltweites Netzwerk entstand, was auch kleinen deutschen Labels die Möglichkeit eröffnete, ihre Platten weltweit zu veröffentlichen und lieferbar zu machen. Es war die Blütezeit, wo aus Spaß ein Label mit dem Namen Interfisch gegründet wurde, „um mal eine Platte oder so zu veröffentlichen“ (Dimitri Hegemann), und daraus mit Tresor eines der weltweit einflussreichsten Labels für elektronische Musik entstand, samt eigenem Club. Die Hippie – bewegten und Krautrocker hatten mit ihrem Vertrieb EFA viele neue Musikrichtungen, auch Techno mit all seinen weiteren Stilblüten wie Acid House, Jungle, Drum & Bass zum wirtschaftlichen Erfolg geführt und einer ganz neuen Generation von Labels das Arbeiten ermöglicht. Als die Welt noch in Ordnung war, wurden meist die Indie-Labels als die Guten bezeichnet, die ihre Musik als Kulturgut und teilweise Lebensphilosophie sahen; die Bösen waren die damaligen Majors wie Universal, Sony, Warner, EMI und BMG, die Musik als reines „Produkt“ sahen. Schon Mitte der Neunziger änderte sich diese schwarz-weiße Welt. Die Majorkonzerne gründeten alle ihre kleinen Satellitenlabels, die auch ein Auge auf das richteten, was nicht unbedingt Chancen hatte, in die Verkaufscharts zu kommen, aber sich dennoch ordentlich verkaufte. Allen voran waren dies Dragnet von Sony Music, Alternation von der Firma Intercord/EMI oder auch Polydor Progressive, das dann später in Motor Music unbenannt und vom PolyGram-Nachfolger Universal gegründet wurde. Der Diversifikationsprozess ging stetig voran, die zunehmenden neuen Herausforderungen an die EFA gingen aber noch weiter. Es gründeten sich immer häufiger Special-Interest-Vertriebe, so auch welche, die ausschließlich elektronische Musik (unter anderem Neuton, Intergroove, Discomania) verkauften, oder auch welche, die sich nur mit Weltmusik (Wergo, Jaro) in allen Facetten beschäftigten. Immer größere Rabatte für die Ketten Auch die Abspaltung dreier Geschäftsführer (Nikel Pallat, Jörn Heinecker und Albrecht Boehm) in den 90er-Jahren, die dann die unmittelbare Konkurrenz Indigo gründeten, war nicht einfach zu verkraften, weil etablierte und starke Labels zu Indigo mitgingen. Mitte der 90er-Jahre kam dann noch völlig neue Konkurrenz ins Spiel: die Markteinführung der bespielbaren CD-R und das MP3-Format und die illegalen Tauschbörsen wie Napster. All das konnte dem sympathischen Koloss EFA noch nichts anhaben, denn Handelsketten wie Media Markt und Saturn hatten die CD als Publikums – frequenzbringer für ihre Elektronikfachmärkte entdeckt, und es wurden mehr CDs verkauft als je zuvor in der Geschichte der Tonträger. Während die Zusammenarbeit mit den großen Elektronikhandelsketten große Umsätze einbrachte, brachte sie gleichzeitig Probleme mit sich, die sich erst schleichend, dann aber immer stärker bemerkbar machten. Der gute alte Plattenladen um die Ecke konnte mit den Preisen, die diese Märkte anboten, nicht mithalten, zumal unfairerweise alle Ver – Musiker, Club- und Label – betreiber, Plattenladen – besitzer und andere Musiklieb haber erzählen davon, wie sie trotz gesellschaft – licher und ökonomischer Zwänge ihre ganz unterschiedlichen Lebensentwürfe realisieren. Ausführli – che Essays, Erfahrungs – berichte, Porträts und Interviews widmen sich der alternativen Musik- und Clubszene in Berlin und Hamburg – und damit auch dem Thema, wie es sich anfühlt, um eine Existenz mit Indiemusik, aber dabei manchmal auch am Rand der Gesellschaft zu kämpfen. Mit Rocko Schamoni, Tocotronic, Atari Teenage Riot, Stereo Total, Die Sterne, Die Goldenen Zitronen, Kante, SO 36, Tresor, Kitty- Yo, L’Age D’Or, Buback, Alfred Hilsberg, Klaus Maeck und vielen anderen. Zum Buch gehören eine DVD mit der Doku und eine zweite DVD über Lindts Label Lieblingslied, es ist erhältlich bei www.lieblingslied-shop.de George Lindt und Ingolf Rech: Wir werden immer weiter – gehen – Eine Dokumentation über eine Dekade alternativer Musikszene in Berlin und Hamburg; Hardcover-Buch (196 Seiten) mit Film – dokumentation auf DVD; Lieblingsbuch; 24,90 Euro Das Buch d o s s i e r MusikWoche_05_2013_13 Die Herausgeber und Filmemacher George Lindt, geboren 1971, betreibt gelegentlich die unabhängige Plattenfirma Lieblingslied Records und arbeitete viele Jahre als Fernsehjournalist. 2005 erschien sein Debütroman „Provinzglück“ im S. Fischer Verlag. 2007 führte er Regie (gemeinsam mit Susanne Messmer) bei der Musik – dokumentation „Beijing Bubbles“ (Verleih: Salz – geber) über Undergroundmusik in China. Ingolf Rech, geboren 1968, studierte Kamera an der TFH Berlin. Seitdem ist er als Kameramann für diverse Film- und Fernsehproduktionen tätig, unter anderem „Zwischen Wahn und Wirklichkeit“ (2008), „Ernst Reuter – Ein zerrissenes Leben“ (2009) und „The Anarchist Banker“ (2009). Außerdem ist er Mitglied der Band Sonderburg. Nachgefragt bei George Lindt Was hat Sie veranlasst, dieses Projekt anzugehen? Von meinem Empfinden her kommen die Menschen die hinter den Kulissen im Musikbiz arbeiten, sehr wenig in der Öffentlichkeit vor. Meiner Meinung nach sind die Bands wichtig für die Kultur; die Leute, die aber alles davor, dahinter und daneben möglich machen und organisieren, bewerben, veranstalten, fallen in der öffentlichen Wahrnehmung oft hinten runter. Die Menschen, die sich trauen, neue Bands unter Vertrag zu nehmen, Clubs zu betreiben; die Leute, die in den Plattenläden arbeiten, und so weiter. Diese Menschen sichtbar zu machen und auch das Netzwerk von Arbeit, Träumen und Schicksalen, ist die Idee hinter dem Film und dem Buch. Für mich ist diese Veröffentlichung auch ein ganz starkes politisches Statement für alle die Menschen, die oft in sehr prekären Verhältnissen arbeiten, mit wenig Anerkennung, die aber immens wichtig sind für eine funktionierende, vielfältige und liberale Kulturlandschaft. Wie lange haben Sie daran gearbeitet? Dadurch, dass auch ich viel tun muss für mein tägliches Über – leben, hat sich die Arbeit immer wieder hinausgezögert. Öffentliche Förderung gab es leider nicht. Film und Buch sind nur durch private Mittel entstanden. Zwei bekannte Kulturschaffende haben mir dafür Geld geliehen, sonst hätte ich den Druck nicht zahlen können. Jetzt hoffe ich, dass sich alles irgendwie durch den Verkauf finanziert, ganz wie die meisten Protagonisten. Wer besorgt den Vertrieb? Den Vertrieb für die Kombination Buch mit Film hat Alive für den Tonträgerhandel übernommen. Gleichzeitig gibt es die Kombi – nation auch im regulären Buchhandel via GVA und Libri. Will die Menschen hinter den Kulissen sichtbar machen: George Lindt triebe den Handelsketten unglaublich gute Rabatte und Gesamtkonditionen einräumten, weil diese immer weiter expandierten und immer mehr Fläche mit Ware bestücken mussten. Auch EFA musste dieses Spiel mitmachen, um in diesem Markt neben den Major-Companys bestehen zu können, denn auch immer mehr Kunden kauften lieber in einem Media Markt oder bei Saturn als im Fachhandel. Nachdem die Plattenläden um die Ecke so gut wie ausgestorben waren und sich nahezu oligopolistische Verhältnisse entwickelten, verlangten diese Handelsketten immer größere Rabatte und Zahlungsziele von mehreren Monaten, aber weiterhin hundertprozentiges Rückgaberecht. Nur wenige Labels konnten sich retten Das heißt, jede CD, die eine dieser Handelsketten bestellte, konnte sie auch wieder zurückgeben, ohne jegliches unternehmerisches Risiko. Bestand die Kunst der alten Plattenläden damals auch darin, das individuelle Programm ihrer Kundschaft unter der Masse der Veröffentlichungen sorgfältig auszuwählen, so stellten sich die Handelsketten fast alles in die Regale, was auf den Markt kam. Da große Handelsketten aber oft lieber ganze Stapel an CDs von einem Titel hinstellten, als eine CD im Regal wie beim alten Plattenladen, hatte das zur Folge, dass die Labels dazu gezwungen waren, viel mehr CDs herzustellen und durch EFA ausliefern zu lassen, als je verkauft werden konnten. Ein Rückhalt durch kleine Plattenläden war so gut wie weggebrochen. So standen auch die Labels vor der Entscheidung, das Spiel der großen Handelsketten mitzumachen und bei Bestellung auch große Stapel an CDs liefern zu können oder so gut wie gar nicht im Handel mehr vertreten zu sein. Das unternehmerische Risiko wurde somit in vielen Fällen von den Elektronikhandelsketten auf die Labels durchgereicht. Im Jahr 1996 wagte dann EFA einen ungewöhn lichen Schritt. EFA gründete zwei eigene sogenannte In-House-Labels. Clearspot Records, ein Gitarrenpoplabel (unter anderem Go-Betweens) und ESC mit unter anderem Maceo Parker für Jazz. Dass Vertriebe eigene Labels betreiben und damit ihren Vertriebslabels mittelbar oder unmittelbar Konkurrenz machen, ist in der sehr liberalen Unternehmenspolitik von EFA eine fragwürdige Entscheidung gewesen, die vermutlich auch der Tatsache geschuldet war, dass von den ursprünglichen Inhabern und Geschäftsführern nur noch zwei übriggeblieben sind. Die beiden In-House- Labels erhielten ihr Kapital aus den Vertriebseinnahmen von EFA, die eigentlich den Labels zustanden, die aber durch permanenten Cashflow nicht immer gleich fällig waren. Es wurden für die Labels etablierte und teure Künstler unter Vertrag genommen. Der gewünschte Erfolg blieb aber aus. Mehrere Anläufe, im Spiel der großen Labels mitzuwirken, scheiterten ebenfalls. Weiterhin sanken die Einnahmen aus dem operativen Geschäft, da viele Labels durch illegale Downloads und gebrannte CDRaubkopien enorme Umsatzrückgänge zu verzeichnen hatten. In der Summe war dies eine Spirale, die sich nicht mehr zurückdrehen ließ und am Dienstag, dem 2. März 2004, ein Ende mit großen Folgen hatte: Die Insolvenz des Vertriebs kostete d o s s i e r e s w i r d i m m e r w e i t e r g e h e n 14_MusikWoche_05_2013 nicht nur knapp 100 Mitarbeitern an fünf Stand – orten den Arbeitsplatz, sondern im Nachhall bedeutete es auch den Untergang vieler kleiner und mittlerer Plattenfirmen, die durch illegale Downloads und gebrannte CDs teils schon ins Schwimmen geraten waren. Das brachte wiederum weitere, teilweise sehr persönliche Tragödien mit sich. Abgeschlossen wurde die Insolvenz übrigens erst im Frühjahr 2012, da es laut Insolvenzverwalter sehr schwer war, alle Rechtsverhält – nisse, Verbindlichkeiten und das Restkapital zu klären. Für viele der Labels, die Ansprüche aus der Konkursmasse gehabt hätten, war das viel zu spät, sie existieren nicht mehr. Einige wenige Labels konnten sich retten und sind unter hohen Ver – lusten bei anderen Vertrieben untergekommen. Provider sind die heutigen Freibeuter So war im Nachhinein die Insolvenz des EFA-Vertriebs ein herber Schlag für die alternative Musikkultur in Deutschland, die aber auch Kreise im Ausland zog. Wenn man heute die Geschichte der netten kleinen Labels und der bösen Industrie weiterschreiben wollte, dann gibt es zwei entscheidende Punkte: Den Status der Machtbestimmung, den früher die Majors hatten, haben heute die Telefongesellschaften und Internetprovider. Sie sind im Moment durch ihre Marktbeherrschung und die vielen rechtlichen Grauzonen, durch ihre Gebühren für Internetanschlüsse und diverse Flatrates die Einzigen, die ohne finanzielles Risiko an der Leistung der kreativen Musik-, Film- und auch Literaturkultur Geld verdienen. Diskutiert wird dies leider nur gelegentlich in kleinen Fachkreisen, aber nicht wirklich in der Öffentlichkeit, was vielleicht für das Bewusstsein der Konsumenten wichtig sein könnte. Natürlich bietet das Internet auch großartige Möglichkeiten, Musik zu bewerben und weltweit erhältlich zu machen, ohne komplizierte Vertriebsverträge im Ausland und langwierige Versendung via Post. Ein wahrlich schöner Demokratisierungsprozess, der alte Independent-Gedanke aus den Achtzigern flackert sofort auf. Nach der Freigabe der Arbeits- und Produktionsmittel nun auch das einfache Kommunizieren und simple Hoch- und Runterladen von Musik von jedem für jeden. Dass dann nach Publikum lechzende neue Bands ihre Musik auf ihrer Website oder auf verschiedenen Plattformen meist kostenlos anbieten und sich über jede erhöhte Zugriffszahl freuen wie kleine Kinder über einen Lolli, ist erst einmal natürlich sympathisch, verdeckt aber die Probleme der schönen neuen Welt: Verdienen lässt sich damit so gut wie nichts! Knapp 50 Prozent der User laden Musik im Netz von illegalen Tauschbörsen, bei Nachfolgern von Megaupload und anderen Plattformen, herunter. Zwar gibt es seit Einführung von iTunes und Music load auch gut funktionierende legale Plattformen, aber die Konditionen, die den Inhabern von Urheberrechten beziehungsweise den Musikern geboten werden, sind katastrophal. „Je digitaler, desto ärmer“ Die Provider sind die heutigen Freibeuter der Computer- und Softwareindustrie. Noch schlimmer sind die Konditionen bei Musikstreamingdiensten. Die Faszination vermeintlich neuer Möglichkeiten (die neueste App) und der herangezüchtete Fetisch permanent neu zu erwerbender Software haben einen Kunden sozialisiert, der seine Abhängigkeit von angeb lichen Flatrates, anderen Tarifsystemen und „seiner“ Cloud nicht mehr sieht. Wie Lemminge folgen diese Kunden jeder Bekannt – machung eines neuen Smartphones wie iPhone oder Samsung Galaxy. Flatrates dienen als Nabelschnur zu Konsumenten und Konsumenten als finanzielle Zapfsäule. Selbst in der „SZ“ jubelt der Autor Helmut Martin-Jung darüber, dass man für nur 4,99 Euro monatlich jetzt jederzeit 16 Millionen Songs werbefrei hören kann – alles legal. Was am Ende dann aber eine Plattenfirma oder ein Label davon bekommt, sind je nach Anbieter etwa 0,001248 Euro. Für diesen Betrag könnte man hier nicht einmal die Worte in Tinte drucken. Die Ber – liner Band Bodi Bill nannte das treffend das „Hartz IV unter den Vergütungsmodellen“, der Autor des Senders Bayern 3, Michael Bartlewski, nannte dies noch treffender: „Je digitaler, desto ärmer!“ Nun wird oft kolportiert, dass heutzutage die Bands mit Konzerten und Events mehr Geld verdienen könnten. Das würde im Umkehrschluss heißen, dass die Bands gezwungen wären, bis zu ihrem Lebensende immer Konzerte zu geben, und zwar auch überall auf der Welt, und bei Auflösung der Band wäre ihr ganzes Werk wertlos. Eine weitere einschneidende Zäsur wird sein, wenn Handels – ketten wie Saturn, Media Markt, Müller-Markt etc. beschließen sollten, dass die CD und DVD als Publikumsfrequenzbringer ausgedient hat, weil immer mehr online konsumiert wird. Saturn, Media Markt und Müller haben zurzeit zusammen etwa 800 Märkte allein in Deutschland, denen gerade einmal 50 Platten- beziehungsweise CD-Fachhändler gegenüberstehen. Aber vielleicht wird das dann auch eine Chance für die Renaissance des guten alten Plattenladens um die Ecke werden. Konnten den Niedergang nicht aufhalten: die EFA-Geschäftsführer Ulrich Vormehr (oben) und Horst Lewald

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