“Ich möchte mich im Nachhinein nicht in die Reihe der Neunmalklugen und Besserwisser stellen, die jetzt alle meinen, sie hatten das alles schon vorher genau so vorhergesagt“, erklärt ein nachdenklicher Aga Heller, Geschäftsführer der Agentur Supraton Entertainment und langjähriger Begleiter der Loveparade. „Wir alle haben uns vorher Gedanken darüber gemacht, wie das funktionieren soll. Ich habe chaotische Zustände erwartet – aber an solch eine Katastrophe hätte ich nie und nimmer gedacht.“ Er wolle keine Schuldzuweisungen aussprechen, betont Heller, aber es seien auf jeden Fall Fehler gemacht worden – „und zwar mit katastrophalen Auswirkungen“. Die Auswirkungen dieser Fehler waren bereits gegen Mittag des 24. Juli erkennbar. An der Kreuzung Düsseldorfer Straße/Karl-Lehr-Straße, dem westlichen Zugang zu jenem verhängnisvollen Tunnel, stauten sich schon gegen zwölf Uhr schier unüberschaubare Menschenmassen, ohne dass es erkennbar voran ging. Falsche Einschätzung der Situation Im Presse- und VIP-Bereich im Norden des Loveparade-Areals, dem einzigen anderen Zugang zum Gelände, erklärte wenig später Enric Nitzsche, Head of Media Cooperation & Marketing bei der veranstaltenden Agentur Lopavent und schon seit der Berliner Loveparade beim Organisationsteam der Veranstaltung, im Gespräch mit MusikWoche, dass mit Staus zu rechnen gewesen sei. Sie würden sich aber im Laufe des Tages auflösen, glaubte er da noch. Ein fataler Irrtum – wie auch überhaupt die Idee, man könne die Loveparade erstmals auf einem eingezäunten Areal stattfinden lassen. Denn der Reiz des Umzugs lag einst auch gerade in der Aus – einandersetzung mit dem urbanen Raum, in der Konfronta tion der hedonistischen Dancemusik mit der Alltagswelt. Doch auf eine solche Begegnung der Welten wollte sich offenbar keiner der Veranstalter mehr einlassen. Schon der vorgeschriebene Weg vom Hauptbahnhof zu jenem Tunnel war gesäumt von unzähligen Polizeimannschaftswagen; zudem war jeder Strauch eingegittert – ein auf die Spitze getriebenes Sicherheitskonzept, das in der Umzäunung des Loveparade-Geländes seine konsequente Fortsetzung fand. Doch die Absicht, alles zu kontrollieren, schlug ins 3 Ende einer Ära 10 31/2010 dossier.loveparade 2010 fatale Gegenteil um – mit den bekannten Folgen. Oft war das Argument zu hören, Duis burg sei mit 490.000 Einwohnern und einer Fläche von 232,81 Quadratkilometern zu klein für ein Millionenevent wie die Loveparade. Das mag stimmen – aber das Beispiel Zürich, wo 380.000 Einwohner auf 91 Quadratkilometern leben und seit 1992 die Street Parade mit rund einer Million Teilnehmern friedlich um das See – becken zieht, spricht dagegen. Hauptfehler war die Geländewahl „Was in Duisburg passierte, ist unfassbar“, klagt Stefan Epli vom Verein Street Parade Zürich, im Gespräch mit Musik Woche. „Wie kann man nur 500.000 Menschen durch einen Tunnel schleusen wollen?“ Einen Hauptfehler verortet Epli in der Geländewahl. Bei der Street Parade fahren die Trucks in Zürich eine kilometerlange Strecke, bevor am Abend statt einer zentralen Abschlusskundgebung in der gesamten Stadt dezentral viele Bühnen Musik bieten. „Die Teilnehmer haben überall Möglichkeiten, die Strecke zu verlassen“, erläutert Epli, für den die Love – parade einst Vorbild war. „Die Berliner Loveparade war die große Mutter aller Paraden. Sie hat damals allen gezeigt, wie man es macht.“ Zu den heutigen Veranstaltern um Rainer Schaller hat der Schweizer Veranstalter allerdings keinen Kontakt mehr. Er betont: „Unser Sicherheitskonzept muss perfekt sein, sonst hätte es keine Chance. Dafür arbeiten wir sehr intensiv mit allen Behörden und Ämtern sowie mit Polizei und Feuerwehr zusammen. Und unser Sicherheitschef ist bereits seit 17 Jahren für die Street Parade verantwortlich.“ Wie entscheidend die Geländewahl beim Sicherheitsaspekt ist, betont auch Frank Klinger, Veranstalter des Hamburger Schlagermove mit rund einer halben Million Teilnehmern, im Gespräch mit MusikWoche. „Die Strecke des Schlagermove weist eine andere Charakteristik auf, so dass keine Vergleichbarkeit herzustellen ist. Es besteht an allen Stellen die Möglichkeit, in Nebenstraßen und -flächen auszuweichen. Weder die Strecke noch das Truckareal auf dem Heiligengeistfeld sind geschlossene Veran – staltungsareale.“ Der Schlagermove sei eine seit 14 Jahren organisch gewachsene Veranstaltung, alle Beteiligten hätten deshalb viel Erfahrung mit den Veranstaltungsflächen, sagt Klinger. „Wirtschaftsfaktor mit Leuchtkraft“ Zu den Befürwortern der Loveparade gehörte neben der Politik auch Dieter Gorny in seiner Funktion als Direktor für das Themenfeld Kreativwirtschaft bei Ruhr.2010. Noch im Januar reagierte er „bestürzt und erschrocken“ auf die drohende Absage der Parade in Duisburg, weil bereits die Bochumer nach ihrer Absage viel Spott und Häme hätten über sich ergehen lassen müssen. „Es gibt keine bessere Gelegenheit, sich international zu blamieren, als wenn man diese Chance verpasste“, sagte er damals der „WAZ“. Man müsse die Veranstaltung als positiven Wirtschaftsfaktor mit internationaler Leuchtkraft verstehen, eine Million Gäste sei für viele Branchen in der gesamten Region ein wirtschaftlicher Segen. „Da wird richtig was umgesetzt.“ Für eine aktuelle Einschätzung der Geschehnisse stand Gorny auf Nachfrage von MusikWoche nicht zur Verfügung. Kritisch äußern sich derweil die deutschen Festivalveranstalter und die Liveverbände über die Organisation der Loveparade. Marek Lieberberg, Geschäftsführer der gleichnamigen Konzertagentur, führt aus: „Duisburg war keine höhere Gewalt wie ein Treppeneinsturz oder ein Unwetter, sondern das Ergebnis eines verhängnisvollen Zu – sammenwirkens von völlig überforderten Behörden und inkompetenten Organisa – toren, die weder mit derartigen Groß – veranstaltungen vertraut noch in der Lage waren, auf Notsituationen zu reagieren.“ Er hält die Ein- und Auslasssituation für eine Todesfalle. „Aus meiner Sicht wurden sämtliche Grundlagen der Versammlungsstättenverordnung, die beispielsweise die Breite der Zu- und Abgänge festlegt, missachtet. Ein einziger Eingang über einen Tunnel ist nach der Gesetzeslage eigentlich überhaupt nicht zulassungsfähig.“ Lieberberg vermutet politische Hintergründe: „Aber offensichtlich wollten die Verantwortlichen der Stadt Duisburg die Veranstaltung um jeden Preis und haben deshalb offensichtlich über alle notwendigen Sicherheitserwägungen hinweggesehen. Der Ordnungsdienst hätte die Besucherströme leiten müssen, was überhaupt nicht der Fall war. Nach meinem Eindruck hätten bei einem Event dieser Größenordnung mindestens 4000 bis 5000 Ordner im Einsatz sein müssen. Es kann sich tatsächlich nur um einen Bruchteil dieser Anzahl, vielleicht um 1000, gehandelt haben.“ Loveparade um jeden Preis Außerdem, so Marek Lieberberg, müsse die Professionalität der Ordner entschieden angezweifelt werden. „Eher waren es wohl völlig unerfahrene Helfer, deren einzige Qualifikation im Tragen eines T-Shirts bestand.“ Die Polizei hätte die Veranstaltung wegen der evidenten Gefahr schließen und abbrechen müssen. „So hieß es bis zum bitteren Ende: Spiel mir das Lied vom Tod.“ Auch zur umstrittenen Frage, ob die Loveparade-Veranstalter nach der Katastrophe die Veranstaltung hätten beenden sollen, hat Lieberberg eine eigene Meinung: „Wenn Gefahr für Leib und Leben herrscht, muss die Musik schweigen. Die Veranstalter hätten die Initiative ergreifen und das Publikum über die gigantischen Anlagen über die Gefahr informieren müssen. Nur ein aktives Einschreiten und die Einbeziehung der bedrohten Massen kann noch Schlimmeres verhinden. Ekelerregend war, dass der Totentanz gnadenlos bis in die Nacht durchgezogen wurde.“ Er selber habe es sich in 40 Jahren seiner Tätigkeit als Veranstalter zur Regel gemacht, nie an der Sicherheit zu sparen. „Die Verantwortung für die Menschen ist die wichtigste Aufgabe. Dahinter muss alles zurücktreten – auch die Stars und die Musik. Da gibt es keine Kompromisse. Auflagen sind einzuhalten, und auch das Undenkbare muss gedacht werden, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Bei Gefahr im Verzug muss der Veranstalter einschreiten, um auf bestimmte Situationen spontan zu reagieren. Natürlich setzt dies Kompetenz und Erfahrung voraus.“ Auch Folkert Koopmans, Geschäftsführer FKP Scorpio, ist erschüttert: „Das ist todtraurig, war aber vorhersehbar. Sonst bin ich sehr vorsichtig, was eine Einschätzung bei solchen Unglücken betrifft. Aber in diesem Fall ist es schlicht offensichtlich, dass die Breite der Zugänge nicht richtig berechnet beziehungsweise falsch genehmigt wurde. Letztlich ist es faktisch nicht möglich, diese Menge an Leuten so durchzulassen.“ Das Gelände sei sowieso zu klein gewesen. Ein Event mit einer Million Menschen auf diesem Areal zu veranstalten, sei schwer fahrlässig, so Koopmans, der auch auf entscheidende Details hinweist: „Ich habe dort nur die Baustall – zäune gesehen, die man nicht als Absperrungen benutzen kann. Da gäbe es ganz andere stabile Gitter, die man dafür nehmen kann.“ Wider den gesunden Menschenverstand Kein Veranstalter sei davor gefeit, sagt Koopmans, in eine schwierige Situation zu kommen, wenn es doch mal Gedrängel gebe. „In dem Fall muss die Notfallplanung so sein, dass man innerhalb von 30 Sekunden etwas korrigieren und verbessern kann.“ Er berichtet er im Gespräch mit MusikWoche von einer kritischen Situa – tion beim jüngsten Hurricane-Festival, wo es eine vierte Bühne mit einer Kapazität von 2000 Besuchern gab: „Am Festivalsamstag entstand dort Gedränge. Wir zögerten keine Minute, machten die Bühne sofort zu und ließen den letzten Act nicht mehr spielen. Aber dazu hatten wir auch die Möglichkeit, weil wir darauf vorbereitet waren.“ Die Frage, ob die Veranstalter nach den Geschehnissen im Tunnel die Loveparade hätten sofort abbrechen sollen, sieht Folkert Koopmans differenziert. „Wir hätten Durchsagen gemacht, hätten allerdings nicht gleich aufgehört. Stattdessen hätten wir die Tore geöffnet und vielleicht auf klassische Musik umgestellt.“ Diese Frage sei aber nicht der Knackpunkt, betont er: „Es kann Gründe geben, weiterzumachen. Letztlich spielt das keine Rolle. Die Fehler wurden vorher gemacht – von einer Stadt, die den Event unbedingt haben wollte, von einem Veranstalter, der normalerweise nicht veranstaltet und die Parade dann wohl der Stadt gegenüber durchgesetzt hat.“ Koopmans zieht ein vernichtendes Fazit: „Es ist unglaublich, dass die Loveparade in irgendeiner Form so erlaubt, genehmigt und durchgeführt wurde, weil mit logischem Menschenverstand einschätzbar war, dass es so nicht funktioniert. Jeder australische Schafhirte weiß das besser. Und jeder Techniker hier im Hause hätte gesagt: Sorry, so geht das nicht.“ Zu diesem Schluss kommt auch Carsten Simon von der S.A.F.E. Sicherheits-Service GmbH aus Frankfurt: „Hätten sämtliche Entscheidungsträger im Vorfeld die Risiken bei der zu erwartenden Menschenmenge richtig eingeschätzt und vielleicht auch unpopuläre Entscheidungen getroffen, müssten wir jetzt nicht um 20 Menschen trauern. In Bochum wurde mit der Absage alles richtig gemacht. Eine Veranstaltung dieser Art muss von Profis geplant werden und darf nicht einer eventuellen Profilierungssucht einer Stadt unterliegen.“ In einer gemeinsamen Stellungnahme bringen der VDKD und der Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft ihre Trauer zum Ausdruck und leiten aus den Sicherheitsmängeln konkrete Forderungen ab. „Die Sicherheit einer Veranstaltung und das Wohlergehen des Zuschauers ist das höchste zu beachtende Gut eines Veranstalters. Dies darf nie einem anderen Ziel geopfert werden. Für unsere Mitglieder ist dies eine Selbstverständlichkeit“, erklärt VDKD-Präsident Michael Russ. „Wir fordern die Verantwortlichen auf, sich zu ihren Fehlern zu bekennen, und verlangen eine lückenlose Aufklärung, die dann die notwendige Bewertung ermöglicht.“ Nur so könne vermieden werden, dass Zuschauer künftig aus Angst nicht mehr zu Großveranstaltungen kommen, ergänzt Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft. Als Konsequenz solle man eine einheit – liche Genehmigungspraxis in Deutschland einführen, die Versammlungsstättenverordnung überprüfen und verbindliche Richtlinien für den Einsatz von Sicherheitskräften formulieren, fordern Michow und Russ. Eine erste Konsequenz aus den tödlichen Vorgängen zog Rainer Schaller am Tag nach der Parade auf einer Pressekonferenz, indem er das Aus für die Loveparade verkündete. Damit geht eine 21-jährige Geschichte zu Ende, die mit 150 Teilnehmern begann und binnen zehn Jahren 1,5 Millionen anzog. Der Event war Symbol für den Aufstieg der elektronischen Musik. Dazu Peter Aleksander, Managing Director Superstar Entertainment: „Wir sind zutiefst bestürzt angesichts der Tragödie in Duisburg. Und es ist sehr schade, dass eine groß – artige Veranstaltung wie die Loveparade durch Miss – management nun ein bitteres Ende gefunden hat. Die Beileidsbekundigungen aus aller Welt zeigen, was für ein Aushängeschild die Loveparade für Deutschland war.“ Allerdings hatten sich die Dancelabels von der Veranstaltung mehr und mehr zurückgezogen. Bildete die Loveparade früher einen zentralen Treffpunkt für die gesamte Branche, so traf man bei der Duisburger Parade nur noch vereinzelt Labelvertreter, dafür verstärkt Sponsoren und Marketingmenschen; Oliver Pocher und seine Lebensgefährtin Sandy Meyer-Wölden kommentierten das Geschehen live für „Bild.de“. All dies erinnert an die späten Jahre der Berliner Loveparade, als eine Medienkooperation mit RTL II und Stargäste wie Gotthilf Fischer Kritik aus der Technoszene provozierten. Dennoch blieb die Loveparade – auch unter der Leitung von Rainer Schaller – immer ein Aushängeschild für elektronische Musik, die es über die massen mediale Aufmerksamkeit einmal im Jahr in den Mainstream schaffte. In diesem Zusammenhang sieht Street- Parade-Veranstalter Stefan Epli im Ende der Love parade einen Verlust für die elektronische Musik wie für eine ganze Generation. Man dürfe das Scheitern der Organisation in Duisburg nicht einer ganzen Musikrichtung zuschreiben, wie das einige Medien bereits tun. „Wenn beim Fußball eine Tribüne einstürzt, wird danach auch nicht der Sport in Frage gestellt.“ Tragisches Ende einer Massenbewegung Aga Heller schätzt die Auswirkungen auf die Danceszene mittelfristig als „wohl nicht allzu groß“ ein: „Es wird weiter gehen – auch ohne Loveparade. Ich finde es aber sehr schade, dass solch eine wichtige Veranstaltung auf diese Art und Weise zu Grabe getragen wird. Allzu oft wird vergessen, dass wir es mit einer Veranstaltung zu tun haben beziehungsweise hatten, die von einer in der Szene entstandenen Massenbewegung ins Leben gerufen wurde. Eine weltweit einzigartige Veranstaltung, mit der sich die Danceszene international präsentieren konnte. Und nur weil einzelne Personen wahrscheinlich unter Sparzwängen oder vielleicht auch unter dem Druck von verschiedenen Seiten falsch geplant haben, wird es die Loveparade nicht mehr geben. Das ist schlimm und traurig. Viel schlimmer und viel trauriger ist aber, dass so viele Menschen ums Leben gekommen sind, noch viel mehr Menschen schwer verletzt wurden und noch viel, viel mehr Menschen das alles live erleben mussten und nun ihr Leben lang mit diesen Bildern im Kopf leben werden.“ Und Heller fasst zusammen: „Das Ganze begann mit,Friede, Freude, Eier – kuchen‘ und endete in einer Katastrophe.“
Dossier: Ende einer Ära
Die Kritik an der Loveparade ist so alt wie die Veranstaltung selbst. Doch erst dieses Mal behielten all jene recht, die schon im Vorfeld Zweifel an der Organisation und vor allem am Sicherheitskonzept geäußert hatten. Tragischerweise. Die Katastrophe von Duisburg setzt einer Veranstaltung ein Ende, die sich vom politischen Manifest zur Megaparty und schließlich zum Maketingvehikel wandelte. MusikWoche-Redakteur Dietmar Schwenger war am
24. Juli vor Ort, schildert seine Eindrücke und sammelte Reaktionen der Branche auf die Tragödie.





