“Für Audiolith ist es natürlich extrem, sich einem mächtigem Dreigestirn gegenüber zu sehen“, sagt Audiolith-Geschäftsführer Lars Lewerenz und präzisiert: „Extrem egal, da wir wissen, was wir können und was wir nicht können.“ Seit inzwischen zehn Jahren sei Audiolith unabhängig, könne somit 2013 Labeljubiläum feiern und sei „glücklicherweise nicht aufs Major-Business angewiesen“. Was die Marktkonzentration auf drei Majors für die Künstler bedeutet, sei schwierig zu erahnen. „Hoffentlich laufen die Künstler einfach davon.“ Henk Hakker, Managing Director Black Mob Management, Robot Robot und ROTC Music Publishing, verweist auf die Mitarbeiter: „Was bei dieser Entwicklung nicht unterschätzt werden sollte, ist die Tatsache, dass bei jeder Firmen – fusion sehr viel Personal abgebaut wird.“ Das führe dazu, dass die verbliebenen Mitarbeiter bei den Majors wesentlich mehr Themen und Arbeit auf dem Tisch hätten als zuvor. Das wiederum führe im Arbeitsalltag dazu, dass nicht allen Künstlern die volle Aufmerksamkeit zuteil werden könne. „Der Trend geht ganz klar in die Richtung, dass die großen Chartsthemen, die den Löwen – anteil des Gesamtumsatzes ausmachen, noch vorrangiger abgearbeitet und die kleineren Aufbauthemen nicht so konzentriert angegangen werden. Diese Situation führt mittel- und lang – fristig zu Unmut bei Künstlern und Managements.“ Hier sieht der langjährige Roadrunner-Deutschland- Chef eine Chance für kreative Zellen: „Die alten Strukturen werden jetzt mehr und mehr aufgebrochen, was Platz für neue Geschäftsmodelle schafft. Schon jetzt ist erkennbar, dass zum Beispiel größere US- und UK-Managements außerhalb der Major-Infrastruktur nach maß – geschneiderten Modellen für die Vermarktung ihrer Künstler suchen.“ Auch das Direktkunden – geschäft spiele bei Acts mit enger Fanbindung eine zunehmend größere Rolle, „was sich langfri – stig auf die bestehende, klassische Vertriebsstruktur auswirken“ werde. „Diese Entwicklung ist eine Chance für kleinere Labels, Special-Interest-Vertriebe, Verlage, Merchandisefirmen und Marketing- sowie Promotionagenturen. Spezialisten mit mehr Detaildenkweisen sind jetzt mehr gefragt als überarbeitete Alleskönner unter Zeitdruck. Intel-ligente, kreative Köpfe werden dies zu nutzen wissen.“ Nicht ganz so zuversichtlich beurteilt City-Slang-Geschäftsführer Christof Ellinghaus die Lage im Musikgeschäft: „Diese Marktkonzentration hat mit Sicherheit keinerlei positive Auswirkung auf irgendein Marktsegment. Die Dominanz von einigen wenigen kann nicht und wird nicht gut sein für die ganze Branche.“ Stattdessen werfe die Entwicklung neue Probleme und neue Fragen „ohne Ende“ auf, findet Ellinghaus. Er verweist dabei auf das digitale Geschäft ebenso wie auf Fragen im Zusammenhang mit den Verwertungsgesellschaften. Manche sehen den Merger mit Skepsis Auch Stefan Vogelmann sieht die Entwicklung mit Skepsis: „Die Marktanteile sind ins Ungleichgewicht gekommen“, sagt der Geschäftsführer von Broken Silence. Für Thorsten Seif, Geschäftsführer Buback Tonträger, stehen die unabhängigen Musikunternehmen den Majors „schon seit geraumer Zeit“ in einem härteren Wettbewerb gegenüber: „In den Neunzigern und frühen Zweitausendern fielen Künstlerentscheidungen oftmals noch ideologisch und dadurch pro Indie aus. Es herrschte bei einigen Künstlern ein Unbehagen gegenüber dem klassischen Großkonzernkonstrukt, dem multinationalen Player.“ Das aber habe sich in den vergangenen Jahren „weitestgehend“ aufgelöst. „Daher sehe ich durch die EMI-Übernahme keine erneute Gefahr auf die Indies zukommen“ – vielmehr „bleiben die schon vorhandenen Schwierigkeiten“ bestehen, unabhängig zu überleben. „Hier können wir als Indie nur weiter darauf insistieren, dass unsere Arbeit mit dem Künstler nicht dem engen Zeitfenster eines Veröffentlichungsplanes folgt, sondern auf Beständigkeit, langfristiger Zusammenarbeit und ständigem Begleiten fußt“, meint Seif. „Die Übernahme im Major-Bereich ändert für uns gar nichts, die Majors spielen eh auf einem anderen Level und kümmern sich um Themen, um die wir uns erstrangig nicht kümmern“, fasst hingegen Michael Wendt zusammen, Geschäftsführer NMD New Music Distribution. „Nach wie vor ist die Nische unser Segment.“ Auch für Christoph Diekmann, Geschäftsführer Area Entertainment, liegt die Zukunft in der Nische, wenn auch „weniger musikalisch“ sondern vielmehr in Hinblick auf die Produktentwicklung: „Die Musikbranche stand und steht weiter unter dem Stern der Veränderung“, meint Diekmann. Ein Großteil dieser Veränderungen werde auch künftig „über das Finden von Synergien“ stattfinden. „Majors wie Indies müssen sich mit Wertschöpfungsketten noch intensiver auseinandersetzen und Produkte generieren, die in unterschiedlichste Marktsegmente passen.“ Gemäß der Losung „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ liege „die Zukunft in Nischen“. Area werde „als Agentur für Kundenbindung und Absatzoptimierung weiterhin zuverlässiger Partner für Majors wie Indies“ sein. Schulterschluss gegen IT-Konzerne „Die zunehmende Konzentration im Major-Bereich bietet für uns Indies sowohl Chancen als auch Risiken“, findet Frank Fenslau, Managing Director Superstar Entertainment. „Die Chancen liegen darin, dass sich Indies mit ihrem unkonventionelleren und individuelleren Ansatz nun noch deut – licher von den Majors abgrenzen können und dies zunehmend von Künstlern, vor allem Newcomern, honoriert wird.“ Allerdings seien die Majors auch wichtige Lizenzpartner, gerade daher sei der Wegfall von möglichen Vertragspartnern bedauerlich. „Die Zentrierung auf wenige große Unternehmen, die sich einen Großteil des Marktes teilen, ist für uns Musikschaffende keine wirklich neue Entwicklung“, stellt Andy Ludyk klar, Geschäftsführer Ste-reogenuss Entertainment und Monogenuss Records, klar. Das „heterogene Oligopol“ habe bereits eine lange Tradition in der Branche. Dennoch räumt Ludyk ein: „Dass es aber nur noch drei Unternehmen sind, die sich über 70 Prozent des Gesamtmarktes teilen, betrachten wir mit leichter Sorge.“ Schließlich seien die konzernunabhängigen Labels „zu großen Teilen auf eine Zusammenarbeit mit den Major-Firmen angewiesen“, wenn sie halbwegs wirtschaftlich arbeiten wollen: „Sei es im Vertrieb, im Publishing oder Licensing, viele kleinere Unternehmen – so auch wir – arbeiten schon viele Jahre erfolgreich mit den Majors zusammen. Eine Gefahr sehen wir hingegen darin, dass die Organisations- und Preisstruktur einer ganzen Branche komplett von sehr wenigen Firmen bestimmt wird und die Entwicklung des Gesamtmarktes entscheidend von diesen drei Firmen – und ihren hoffentlich klugen Entscheidungen – abhängt.“ Für den auch im VUT engagierten Andy Ludyk ist deshalb klar: „Die konzernunabhängigen Labels werden dem in naher Zukunft nichts entgegensetzen können, solange sie sich nicht schlagkräftig professionell organisieren und mit einer Stimme sprechen.“ Jürgen Sauer, der sich 2012 mit JSMarketing selbstständig machte, sieht angesichts der aktuellen Lage in der Musikwirtschaft große und kleinere Rechteinhaber gemeinsam unter Zugzwang: „Majors und Indies kämpfen an einer gemeinsamen Front gegen die vermeint liche Allmacht derjenigen multinationalen Konzerne, die mit ihrer Propaganda die immer weiter um sich greifende Entwertung von Musik beschleunigen wollen und für die der Content keinen Wert hat.“ Sauer fordert. „Wir brauchen den Schulterschluss aller Firmen und Kreativen in der Musikwirtschaft, um den wahren Herausforderungen der nächsten Jahre zu begegnen. Dafür braucht es einige starke und wirtschaftlich erfolgreiche Companies sowie Verbände, denen es mit geeinten Kräften gelingen sollte, unsere dringenden Anliegen durchzusetzen. Dann wird es auch für alle wieder die Möglichkeit geben, natürlich zu wachsen.“
Dossier: EMI-Verkauf wirkt sich auf die Independentszene aus
Da waren es nur noch drei: Nach der Übernahme von EMI Music kann Universal Music seine Dominanz im Musikgeschäft weiter ausbauen, im Musikverlagsbereich steigt Sony/ATV zusammen mit EMI Publishing zum neuen Marktführer auf. Die unabhängigen Unternehmen haben derweil nach jüngsten Hochrechnungen im Jahr 2012 Marktanteile eingebüßt. Aber ändert sich dadurch etwas an der Lage der unabhängigen Unternehmen? MusikWoche befragte die deutschen Independents nach ihrer Einschätzung der Lage.






