Mit jeweils zwei Auszeichnungen gingen die Gruppen Silbermond und Billy Talent sowie die junge Sängerin LaFee als die großen Gewinner dieses Jahres nach Hause. Doch unterm Strich war die ganze Veranstaltung für alle Teilnehmer ein Gewinn. „Musik steht für Toleranz und überbrückt Grenzen“, hatte Michael Haentjes als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Phono-Akademie in seiner Eröffnungsrede als Motto des Abends ausgegeben. Und was folgte, gab ihm recht. Es gab jede Menge gute Auftritte, einfallsreiche Bühnenbilder und routinierte Moderationen von Yvonne Catterfeld und Oliver Geissen. Dennoch blieb die Resonanz auf die von RTL zeitversetzt übertragene Show mit 2,87 Millionen Fernsehzuschauern leider hinter den Erwartungen zurück. In der Messehalle, die im Herbst die Popkomm beherbergt und die man professionell zur Glamourbühne ausgebaut hatte, war die Stimmung trotzdem bestens. Dafür sorgte schon mal das musikalische Rahmenprogramm: So begeisterten die Beatsteaks mit einer optisch und musikalisch bombastischen Performance das Publikum ebenso wie ein keck swingender Roger Cicero oder die Fantastischen Vier, deren Auftritt mit Monitoren an Kraftwerk erinnerte. Jennifer Lopez sang auf Spanisch und setzte Pyrotechnik zwecks Intensitätssteigerung ein. So kam das internationale Flair, das viele in den Vorjahren vermisst hatten, endlich zur Geltung, zumal mit Katie Melua und Take That noch weitere internationale Acts dabei waren. Was freilich kein Garant für Qualität sein muss: So konnten Mick Hucknall und Simply Red mit magerem Bühnenbild und laschem Lied nicht punkten. Dennoch war der Abend reich an Überraschungen, Highlights und Emotionen: So ließ sich Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz am Ende seines Auftritts mit dem Song „Spring nicht“ in die Menge fallen, und Jason Orange von Take That glänzte mit einer Breakdance-Einlage. „Wenn das hier eine Privatparty wäre, hätte man mich sicher nicht eingeladen“, unterstrich Rapper Bushido seine Herkunft, und die Kanadier von Billy Talent outeten sich als Fans der deutschen Beatsteaks. Barbara Schöneberger übernahm als Präsentatorin den Part des abwesenden Wladimir Klitschko gleich mit und stellte ihr komödiantisches Talent wieder einmal unter Beweis. Andrea Berg bekam von vier Mitgliedern der Höhner ihren vierten Echo, und DJ Ötzi zog seinen Hut vor den Kastelruther Spatzen, die als Rekordpreisträger für ihren zehnten Erfolg eine mit zehn Diamanten besetzte Spezialanfertigung der Trophäe in Empfang nehmen durften. Michi Beck und Thomas D. von den Fantastischen Vier glänzten mit einer Gesangseinlage für Katie Melua, und der große Fan Klaus Wowereit war als Laudator für Rosenstolz ebenfalls gut ausgewählt. Bei der Preisübergabe an die Sportfreunde Stiller stimmten die Fans dann deren große Hymne „54, 74, 90 2006“ an und riefen so die großen Gefühle des WM-Sommers in die Erinnerung zurück. Gefühle zeigten aber auch die Sieger: LaFee drohte gar „zu dehydrieren“, wie der gewohnt flapsige Moderator Oliver Geissen anmerkte, falls ihre Tränen bei jedem Preis so kullern würden wie bei ihrem ersten Echo (der zweite folgte noch am selben Abend). Nah am Wasser gebaut hatte auch Ralph Siegel, dem schon während der liebevollen Laudatio von Nicole auf seinem Sitz die Tränen in die Augen schossen. Nach der „wunderschönsten Laudatio, die je auf mich gehalten wurde,“ bedankte sich Siegel, der für „ein noch nicht abgeschlossenes Lebenswerk“ ausgezeichnet wurde, auch bei seinen drei Ehefrauen. Absolute Höhepunkte waren aber neben Siegels Lebenswerk-Echo die Verleihungen der Sonderpreise an Yusuf Islam und Bono. Im Vorfeld hatte es Kritik am Preis für Yusuf wegen dessen angeblichen fundamentalistischen Äußerungen in der Vergangenheit gegeben – was Laudator Thomas Gottschalk in gewohnt flapsiger Weise kommentierte, indem er riet, man solle nicht alles so ernst nehmen, was Popstars erzählen. Wie man eine gute Laudatio hält, zeigte dann wenigstens Comedian Michael Mittermeier, der aus seiner Begeisterung für sein Idol Bono kein Hehl machte. Seine Rede und ein Photo, das ihn 1987 gemeinsam mit „seinem Helden“ Bono bei seinem „Erweckungserlebnis“ auf der Bühne zeigte, waren schlicht erstklassig. „Bono ist die UNO der Musik“, erklärte Mittermeier, der die Bühne Arm in Arm mit dem Sänger von U2 verließ. Fazit? Diesmal lief fast alles bestens beim 16. Echo. Auch dass man nach dem Ehrenpreis für Ralph Siegel noch die Doppelsieger von Silbermond auftreten ließ, war im Prinzip eine richtige Entscheidung. So ließ sich die überstürzte Abwanderung großer Teile des Publikums vermeiden, obwohl auch heuer wieder viele Gäste nicht den Respekt aufbrachten, die wenigen Minuten bis zum Ende sitzen zu bleiben. Aber man hat dazu gelernt: Während es früher bei den Preisen für Schlager und Volksmusik allenfalls höflichen Applaus gab, feierte man in diesem Jahr Andrea Berg und die Kastelruther Spatzen angemessen mit rhythmischem Klatschen. Jörn Geipel 3
Dossier: Echo 2007
Im Nachhinein darf man die Tatsache, dass im Estrel Convention Center in Berlin-Neukölln kein Termin mehr frei war, als glückliche Fügung betrachten. Denn so musste die 16. Echo-Verleihung in eine Messehalle neben dem Palais am Funkturm ziehen. Der Ortswechsel tat der Veranstaltung gut. Im Verlauf eines an Standing Ovations reichen Galaabends feierte die Musikbranche entspannt sich selbst und die Preisträger in insgesamt 23 Kategorien.





