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Dossier: Digitales Rechtemanagement als Auslaufmodell?

Der Schritt war allgemein erwartet, aber lange dementiert worden: EMI Music spart sich im Downloadverkauf künftig den Einsatz von DRM-Systemen. Nun wartet die Branche auf erste Resultate dieses Experiments und auf den nächsten Major, der es EMI gleich tut.

Am 2. April ließen EMI Music und Apple die Bombe platzen. Bei einer Pressekonferenz in der Kantine des britischen Majors verkündeten CEO Eric Nicoli und sein Handelspartner Nummer eins in Sachen Downloadverkauf, Apple-Chef Steve Jobs, den neuen Pakt. Genau genommen handelte es sich um zwei Neuigkeiten. Die erste: EMI bietet seinen gesamten digitalisierten Katalog künftig allen interessierten Händlern in beliebigen Dateiformaten ohne Digital Rights Management (DRM) an. Die zweite: Der iTunes Store verkauft künftig auch Musik, die sich nicht nur auf iPods abspielen lässt. Der Haken an den beiden Nachrichten: EMI will für die ungeschützte Ware mehr Geld von den Händlern, und Apple verlangt für DRM-freie Downloads 30 Cents mehr als für denselben Song mit Kopierschutz. Nicht nur wird es ab Mai also erstmals zweierlei Preise bei iTunes geben, die EMI-Songs werden zudem in zweierlei Konfigurationen angeboten. Wer sich am FairPlay-DRM nicht stört, erhält seine Downloads weiterhin als AAC-Datei mit einer Kompressionsrate von 128 kBit/s für 99 Cent pro Titel. Wer den Songs mehr Freiheit gönnen will, zahlt 1,29 Euro und erhält dafür AAC-Dateien mit einer Kompression von 256 kBit/s. Apple und EMI nennen das „Premium-Downloads“, und wer bereit ist, für Premium einen Aufpreis zu bezahlen, wird bei iTunes auch nachträglich bedient: Käufer von EMI-Songs können ihre iTunes-Sammlung durch Bezahlen des jeweiligen Differenzbetrags mit DRM-freien Dateien ersetzen. Vollständige EMI-Alben sind jedoch von der Preiserhöhung ausgenommen und kosten ohne DRM genauso viel wie mit. Nicoli erwartet sich dank des neuen Angebots „einen Boost bei den Verkäufen digitaler Musik“. Und Jobs, der Anfang des Jahres mit einem Offenen Brief die Diskussion ums digitale Rechtemanagement angeheizt hatte, assistiert: „Der Verkauf von Musik ohne DRM-Schranken ist für die Musikwirtschaft ein Schritt in die richtige Richtung.“ So revolutionär die Entscheidung der Briten für die Majors auch sein mag: Solange EMI der einzige der großen Konzerne bleibt, der sich den Realitäten des Marktes stellt, erwarten Experten keine signifikanten Auswirkungen auf das Digitalgeschäft. Der Ankündigung von EMI sei keine große Bedeutung beizumessen, „solange die anderen drei Majors nicht auch eher früher als später nachziehen“, meint Analystin Susan Kevorkian von IDC. Bei den Konsumenten werde es noch mehr Unklarheit bezüglich DRM geben, wenn in Downloadshops nur Musik eines einzigen Majors ohne Kopierschutz verkauft wird. Ob Universal Music, Sony BMG und Warner Music so bald mitziehen werden, ist fraglich. Besonders bei Warner und Universal war das Bekenntnis zu DRM zuletzt besonders stark ausgeprägt. Offiziell gibt es bislang keine Stellungnahmen der drei anderen Majors zum DRM-Stopp bei EMI. Branchenintern ist es aber kein Geheimnis, dass man in den Chefetagen der Konkurrenten wenig erfreut über den Alleingang der Briten ist. EMI springe unbedacht ins kalte Wasser, noch fehlten genügend Marktforschungsergebnisse, die eine endgültige Abkehr von den digitalen Kopiersperren rechtfertigten. Doch das will Eric Nicoli nicht gelten lassen: Man habe bei internen Tests herausgefunden, dass die Kunden vor die Wahl gestellt die DRM-freien mp3s im Verhältnis zehn zu eins gegenüber den geschützten Formaten bevorzugen. Von einem Vorteil, den man der Onlinepiraterie einräume, könne folglich nicht die Rede sein, so Nicoli: „Wir vertreten die Ansicht, dass man seinen Kunden vertrauen muss.“ Dieses Vertrauen werde zwar vereinzelt enttäuscht werden, aber dieses Risiko müsse man eingehen. Damit macht sich Nicoli die Ansicht der meisten Beobachter zu eigen, die DRM-Systemen seit Jahren die Fähigkeit absprechen, Onlinepiraterie wirksam zu verhindern. Auch Barney Wragg, einst bei Universal Music eLabs und inzwischen Head of Digital bei EMI, hält die konservative Haltung der Konkurrenz für falsch: Die von einigen befürchtete Kannibalisierung der Verkäufe werde durch den Verzicht auf DRM nicht eintreten. „Es geht hier um mehr Geschäftsmöglichkeiten. Wir erwarten, dass der Markt dadurch erheblich wachsen wird.“ Wachsen soll auch der DRM-freie Katalog bei iTunes, auf EMI beschränken will man sich in Cupertino nicht. Steve Jobs rechnet damit, dass bis Ende des Jahres die Hälfte des iTunes-Sortiments ohne DRM verfügbar sein wird. Bei den derzeit rund fünf Millionen Tracks im Downloadshop wären das 2,5 Millionen Songs. Das heißt also, dass nicht nur die Independentlabels, die aller Voraussicht nach als nächstes DRM-freie Musik an iTunes liefern werden, dem EMI-Beispiel folgen müssten. Apple verhandle mit allen Plattenfirmen, sagte Jobs, und er hoffe darauf, dass sich keine Firma die 30 Cent mehr pro Titel entgehen lassen wird. Nicht offiziell bekannt ist derzeit jedoch, wie viel von diesem Aufpreis bei EMI beziehungsweise bei Apple landet. Dem Vernehmen nach erhält das Label zehn Cent mehr pro verkauftem Song. Statt 70 Cent bei 99-Cent-Verkäufen gingen demnach also 80 Cent der 1,29-Euro-Tracks an die Rechteinhaber. Apple erhielte demzufolge 49 statt 29 Cents. Insidern zufolge hat Apple den Briten zudem einen Vorschuss in Höhe von fünf Millionen Dollar für den Verzicht auf DRM bezahlt. Andere Downloadhändler wie eMusic oder Wippit hatten in der Vergangenheit angeblich wegen zu hoher Vorschussforderungen von EMI auf eine DRM-freie Kooperation verzichtet. eMusic-CEO David Pakman wird sich aber wohl nicht mehr lange dagegen wehren, wenn er jetzt schon prophezeit: „Das durchbricht die Blockade. Dies ist der Anfang vom Ende für DRM im Musikgeschäft.“ Eine andere Firma durchbrach die Blockade ziemlich schnell: Nur wenige Minuten nach der EMI-Ankündigung hatte der Digitaldienstleister 7 Digital den Downloadshop der EMI-Band The Good, The Bad And The Queen auf mp3-Verkauf umgestellt. Das passte: Schließlich spielte Bandgründer Damon Albarn auf der Pressekonferenz von EMI und Apple. Aber auch andere Shopbetreiber stehen der Entwicklung positiv gegenüber. Und manche sind den Majors schon ein Stück voraus. „Da wir unseren deutschen und internationalen Kunden schon heute mp3-Dateien in einer Auflösung von 192 kBit/s anbieten, benötigen wir kein Upgrade und wollen deshalb spätestens im Mai – vielleicht sogar noch vor iTunes – mit dem DRM-freien Angebot live gehen“, erklärt Jörn Gillys-Niemeyer, Vice President Business & Product Development von 24/7 Music Shop. Ziel von 24/7 sei es zudem, auch die Möglichkeiten einer flexibleren Preisgestaltung zu erörtern – vor allem Katalogverkäufe sollten eher nicht teurer werden. Dass auch andere Majors das Thema digitales Rechtemanagement kreativ angehen, zeige zudem das Beispiel des Warner-Tochterlabels Roadrunner: „Deren Katalog mit Acts wie Nickelback liefern wir seit einiger Zeit im mp3-Format an Kunden wie freenet“, sagt Gillys-Niemeyer. Aber das dürfte noch unter die Rubrik „DRM-freie Experimente“ fallen. Auch Universal Music in Frankreich und Sony BMG in den USA erproben derzeit den Verkauf ohne Kopiersperren. Brancheninsider wie Michael Pohl, General Manager beim Digitalvertrieb Kontor New Media, gehen aber davon aus, dass es maximal noch zwölf Monate dauern wird, bis bei den anderen Majors die DRM-Schranken fallen. Die vergleichsweise schlechten Downloadzahlen in Deutschland und Europa seien zum Teil hausgemacht. „Die Verbraucher wollen keine DRM-Files. Wenn die anderen Majors nachziehen, wird sich der Markt verdoppeln, ja vielleicht sogar verdreifachen“, so Pohl. Nur Stunden nachdem er von der Entscheidung der EMI Group erfahren hatte, habe er den iTunes-Machern angeboten, den Kontor-Katalog ab sofort ebenfalls ohne DRM in den Downloadshop zu stellen. Im Gegensatz zu EMI will Kontor die Preiserhöhung für die DRM-freie Ware nicht mitmachen, es soll beim bewährten Preis von 99 Cent bleiben. So verfahre man schließlich auch mit Musicload und AOL, die bereits mp3-Dateien aus Kontor-Beständen verkaufen. Auch das Downloadportal der Telekom will iTunes nicht lange das Feld alleine überlassen. Man verhandle mit EMI und allen anderen Labels über die Lizenzen für den Verkauf von mp3-Dateien, erklärt Musicload-Vice-President Joachim Franz. Schon vor einigen Wochen hatte Franz betont, dass die mittelfristigen Umsatzprognosen für das Digitalgeschäft nur mit offenen Standards zu erreichen seien. Bestätigt wurde diese Einschätzung von den Ergebnissen eines Testlaufs Ende des vergangenen Jahres, der die Erwartungen übertroffen habe. „Von der Entscheidung der EMI erhoffen wir uns weitere wichtige Impulse für unsere Verhandlungen mit den Musiklabels.“ Die erwartet auch der Digitalvertrieb finetunes. „Wenn EMI seinen Content freigibt, müssen die anderen großen Plattenfirmen unweigerlich mitziehen“, meint finetunes-Mann Patrick Wintter. Aus Sicht der Hamburger Firma komme dieser Schritt zwar zwei Jahre zu spät, aber es sei „nur noch eine Frage der Zeit, bis der Kopierschutz in dieser Form der Vergangenheit angehört“. Die gesamte Branche befinde sich in einer „Einbahnstraße, die eigentlich keine Alternativen erlaubt. Der Weg ist klar, einige müssen sich allerdings erst noch mit der Streckenführung anfreunden“. Es gehe darum, die Bedürfnisse der zahlenden Kundschaft zu befriedigen, so Wintter. „Es gilt nach wie vor: Der Kunde ist König, die Plattenfirmen sind aber nicht der Kaiser.“ Doch bei aller Euphorie mancher Marktteilnehmer werden vereinzelt auch skeptische Stimmen laut. Vor allem das plötzlich zweigleisige Preisschema bei iTunes sorgt für Stirnrunzeln: Bislang zeichnete sich der Shop des Downloadmarktführers durch seine kundenfreundliche Einfachheit aus: ein Song für 99 Cent. Das Bekenntnis zu diesem Credo war über Jahre der Grund, warum sich die Labels mit ihrem Wunsch nach flexiblen iTunes-Preisen die Zähne an Apple ausgebissen haben. Besonders für Warner Music muss die aktuelle Entwicklung ärgerlich sein: Seit Jahren fordert CEO Edgar Bronfman flexible Preise, beharrt aber auf einem Festhalten an DRM. Nun werden sich Warner und Gleichgesinnte überlegen müssen, was ihnen wichtiger ist – höhere Preise oder DRM. Künftig werden Kunden zwischen zwei Preisen für das scheinbar gleiche Produkt auswählen können – allerdings nur bei Titeln aus dem EMI-Katalog. „Wie soll das online vernünftig dargestellt werden?“, fragt Zebralution-Geschäftsführer Sascha Lazimbat. „Die Auswirkungen dieser EMI-Entscheidung sind derzeit noch nicht absehbar. Von einem Dammbruch im Digitalgeschäft würde ich jedenfalls noch nicht sprechen. Dennoch ist es ein schwer wiegender Entschluss. Denn was unternimmt EMI, wenn sich der Verzicht auf DRM als Schuss nach hinten erweist?“ Für Zebralution ändere sich jedenfalls aufgrund der jüngsten Entwicklung nichts. Der Digitalvertrieb bietet die Kataloge seiner Kunden schon länger gemischt – mit und ohne DRM – bei den verschiedenen Downloadhändlern an. Für Apple ist die neue Strategie jedenfalls ein wichtiger Schritt, um sich zumindest gegen die Verbraucherschützer in Europa zur Wehr zu setzen, denen die lückenlose und für Drittanbieter hermetisch geschlossene Verbindung von iTunes und iPod ein Dorn im Auge ist. Aber daran stößt sich die EU-Kommission weniger. Vielmehr geht es den Brüsseler Kartellwächtern nun um die Klärung der Frage, warum iTunes-Downloads innerhalb des EU-Wirtschaftsraums unterschiedlich teuer sind und warum Kunden nicht grenzüberschreitend einkaufen können. Einen Tag nach der EMI-Apple-Pressekonferenz wurde eine Kartellermittlung öffent- lich, die prüfen soll, ob Labels, Verlage und Urheberrechtsgesellschaften Apple zu wettbewerbsfeindlichen Bedingungen gezwungen haben. Weil es bei der Einführung von iTunes in Europa keine paneuropäische Lizenzregelung gab, sei Apple zu gesonderten Filialen in den einzelnen EU-Staaten gezwungen gewesen, so die Vermutung in Brüssel.

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