Recorded & Publishing

Dossier: Die Karten werden neu gemischt

Die Banker der Citigroup wollten sich nicht langfristig im Musikgeschäft engagieren. Nun haben sie EMI Music abgestoßen und können mit dem erzielten Preis wohl zufrieden sein. Allerdings geht mit dem Verkauf auch die Zerschlagung des traditionsreichen britischen Musikunternehmens einher.

Universal Music und Sony gingen als Sieger aus dem Bieterwettstreit um den EMIKonzern hervor. Universal Music sichert sich dabei die Plattenfirmensparte EMI Recorded Music, ein von Sony angeführtes Bieterkonsortium setzte sich beim Musikverlag EMI Music Publishing durch. In beiden Fällen entstehen Firmenverbünde, die dem Musikgeschäft ein neues Gesicht geben – und mit Abstand die Marktführerschaft in ihrem Bereich übernehmen. Mit Universal Music erhielt der von Chairman & CEO Lucian Grainge geleitete Weltmarktführer im Musik – geschäft von den Bankern der Citigroup den Zuschlag für die Plattenfirmensparte EMI Recorded Music. Der Universal-Mutterkonzern Vivendi will den fälligen Kaufpreis über bereits bestehende Kreditlinien finanzieren. Zusätzlich kündigt der Konzern an, er wolle einzelne Universal- Music-Teile abseits des Kerngeschäfts verkaufen. Diese Transaktionen sollen ein Volumen von bis zu 500 Millionen Euro haben. Vivendi-Konzernchef Jean-Bernard Lévy zeigt sich stolz, „EMI in der Universal- Familie begrüßen zu können“. Man respektiere die Leistungen des britischen Musikmajors samt all seiner Künstler und Mitarbeiter: „Sie alle werden in unserem Konzern langfristig eine sichere Heimat mit einer europäischen Konzernzen trale finden.“ Im Bieterwettstreit um den Musikverlagsarm EMI Music Publishing kam ein von der US-Niederlassung des Sony-Konzerns geleitetes Konsortium zum Zug. Gelder investierten der Staatsfonds Mubadala aus Abu Dhabi, die Beteiligungsgesellschaften Jynwel Capital Limited und GSO Capital Partners, eine Blackstone-Tochtergesellschaft. Auch der milliardenschwere Musik- und Filmproduzent David Geffen, Mitbegründer von Geffen Records und DreamWorks, steu – erte einen Teil zur Finanzierung des Deals bei und soll dafür auch einen Sitz im Aufsichtsrat des Unternehmens erhalten. Außerdem zählen die Nachlass verwalter von Michael Jackson mit zum Konsor – tium – kein Wunder, schließlich sind sie als Joint-Venture-Partner von Sony am Verlagsmajor Sony/ATV beteiligt. EMI mehr wert als Warner Rob Wiesenthal, CFO der Sony Corpora – tion of America, streicht heraus, dass der Zugriff auf Entertainmentinhalte für einen Unterhaltungselektronikkonzern ganz besondere Möglichkeiten eröffnet. Zugleich macht er klar, dass Martin Bandier die Leitung der Verlagsaktivitäten behalten wird. Der Universal-Mutterkonzern Vivendi lässt sich die Übernahme von EMI Music eine Summe von 1,2 Milliarden Pfund kosten, umgerechnet rund 1,4 Milliar-den Euro beziehungsweise gut 1,9 Milliarden Dollar. Das Bieterkonsortium um Sony legt für EMI Music Publishing 2,2 Milliarden Dollar auf den Tisch, umgerechnet gut 1,6 Milliarden Euro oder knapp 1,4 Milliarden Pfund. Zusammengerechnet erlösen die US-Banker der Citigroup also mehr als 4,1 Milliarden Dollar mit der Zerschlagung von EMI Music. Trotz angeblich schwieriger Marktkonditionen schneiden sie damit im direkten Vergleich besser ab als die ehemaligen Warner-Eigner: Bei der im Mai 2011 verkündeten Übernahme von Warner Music durch Len Blavatnik und dessen Beteiligungsgesellschaft Access Industries wurden 3,3 Milliarden Dollar aufgerufen. Allerdings hatten die Investoren, die Edgar Bronfman einst halfen, Warner Music aus dem Time-Warner-Konzern herauszukaufen, ihr Investment schon lange vor dem Verkauf an Blavatnik wieder eingespielt. Die Citigroup, die Guy Hands 2007 die teure Übernahme von EMI mit Krediten ermöglichte, bleibt hingegen auf Verlusten von rund 700 Millionen Pfund (rund 816 Millionen Euro oder 1,1 Milliarden Dollar) sitzen. Der Kaufpreis für EMI Recorded Music soll beim siebenfachen Wert des letzten Vorsteuergewinns des Unternehmens liegen, bei EMI Music Publishing wurde angeblich der siebenfache Wert des Net Publisher’s Share erzielt, der Maßeinheit für die Tantiemenerträge eines Verlags abzüglich aller Auszahlungen an Autoren, Künstler und sonstige Bezugs – berechtigte. Mit dem Verkauf von EMI Music an Universal und Sony könnte ein Kapitel in der Geschichte der Musik – industrie enden. Doch lehrt ein Blick auf die vergangenen Jahre, dass sich die Regulierungsbehörden durchaus engagiert mit den Entwicklungen im Musikbiz beschäftigen: So schien schon Anfang 2000 ein Majormerger fix, die damaligen Konzernchefs Roger Ames und Ken Berry lagen sich vor einer gemeinsamen Warner/EMIFotowand in den Armen. Wenig später jedoch ließ Mario Monti, der damalige Wettbewerbskommissar der Europäischen Kommission und der neue starke Mann in Italien, die WEMI auflaufen und die Fusion platzen. Der Impala-Verband wurde damals übrigens gerade erst aus der Taufe gehoben. In zwischen hat sich die Dachorganisation der unabhängigen Musikunternehmen Europas in Brüssel durchaus politisches Gewicht erarbeitet – und macht nun massiv Front gegen den Zusammenschluss auf Majorebene. So dauerte es nach der Bestätigung der Übernahme von EMI Music durch die Vivendi- Musiktochter Universal Music gerade einmal eine Stunde, bis die Indies Kontra gaben. Der Impala-Verband kündigt an, er werde die Kartellwächter der Europäischen Kommission anrufen; Geschäftsführerin Helen Smith gibt sich zuversichtlich, dass den Wettbewerbshütern wohl nur eine Wahl bleibt: „Die grundlegenden Wettbewerbsprinzipien lassen sich nicht damit in Einklang bringen, dass Universal oder Sony weiter an Macht gewinnen. Wir erwarten, dass der Zukauf durch Universal untersagt wird.“ Das gleiche gelte für die Übernahme von EMI Music Publishing durch das Sony-Konsortium: Brüssel habe die fortschreitende Konzentration im Musik- und im Musikverlagsgeschäft bereits untersucht und zum Beispiel bei der 2007 nur unter Auflagen genehmigten Übernahme von BMG Music Publishing durch Universal ein Gespür dafür gezeigt, auf welche Größe ein Musikkonzern durch Zukäufe maximal wachsen dürfe. Sony/ ATV und EMI zusammen würden nun noch einmal erheblich über das Maß der Fusion von Universal und BMG Publishing hinaus gehen. In beiden Fällen gibt sich die Impala-Geschäftsführerin zuversichtlich, dass auch der Verkauf einzelner Firmenanteile oder Verlagskataloge kaum helfen dürfte, die Kartellbehörden umzustimmen. Allerdings verfügt EMI Music Publishing dank der Übernahme durch ein Konsortium künftig über eine andere Eignerstruktur als Sony/ATV: So wird der Verlagsmajor Sony/ATV heute gemeinsam vom Sony-Konzern und den Nachlassverwaltern von Michael Jackson betrieben. EMI Music Publishing hingegen soll in eine neugegründete Firma ein – gebracht werden, an der die Sony/ATVEigner 38 Prozent der Anteile halten, die restlichen Firmenanteile liegen bei den Partnern im Bieterkonsortium. Dieser Umstand könnte helfen, wettbewerbsrecht – liche Hürden zu meistern.

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