Recorded & Publishing

Dossier: Die Karten werden neu gemischt

2011 war ein Jahr der zarten Hoffnungen und zähen Verhandlungen. Im Internet ging zwar viel voran, aber der Konflikt zwischen GEMA und YouTube blieb ungelöst. Beim Endspurt wurde es noch spannend: Citigroup fand für EMI nach langem Hin und Her mit Universal schließlich doch noch einen potenten Käufer. Und die GEMA hat sich mit dem Bitkom geeinigt. MusikWoche fasst zum Jahreswechsel die wichtigsten Ereignisse zusammen.

Neelie Kroes, als Vizepräsidentin der Europäischen Kommission zuständig für Europas „digitale Agenda“, macht dieser Tage mit der Berufung von Karl-Theodor zu Guttenberg zum Berater in Sachen Internetfreiheit mal wieder von sich reden. Apart ihre Begründung: „Ich suche Talente, keine Heiligen.“ Die Holländerin ist noch immer Aufsichtsratsmitglied des Telekommunikationsunternehmens Lucent Technologies, das unter anderem Service Provider zu seinen Kunden zählt. Beim Urheberrecht hat Neelie Kroes – ebenso wie ihr neuer Berater – anscheinend grundlegende Verständnisprobleme. So führte ihre Initiative für mehr Wettbewerb zwischen den europäischen Verwertungsgesellschaften im Onlinegeschäft, die sie als damalige EU-Wettbewerbskommissarin 2005 anstieß, nicht etwa zu einer Erleichterung von Rechtelizenzierung, sondern zu noch mehr Unübersichtlichkeit. Ihrer Linie bleibt Neelie Kroes treu: Beim französischen Mediengipfel Forum D’Avignon sagte sie am 19. November, das aktuelle Urheberrechtssystem sei kaum dafür geeignet, den rechtlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Viele Nutzer würden mit dem Begriff Urheberrecht inzwischen eher ein System der Bestrafung und Vorenthaltung verbinden als ein Mittel zur Anerkennung und Vergütung kreativer Leistungen. Das Urheberrecht sei zwar wichtig, man dürfe sich aber nicht allein darauf konzentrieren. Mit solchen Aussagen dürfte die einflussreiche Europapolitikerin vielen Internetunternehmen aus der Seele sprechen, die den Dschungel der rechtlichen Regelungen oftmals als Behinderung ihres Geschäftsmodells empfinden. Und den meisten Verbrauchern, die sich im Internet mit kreativen Inhalten selbst versorgen, geht das Urheberrecht sowieso am Allerwertesten vorbei – nachzulesen in Kommentaren, Blogs und Foren von Facebook bis Spreeblick. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich der Zwist zwischen YouTube und GEMA im Lauf des Jahres zum vorherrschenden Diskurs – thema entwickelt hat – als hinge die Rettung der gesamten Eurowirtschaft vom ungehinderten Zugang zu Musikvideos bei YouTube ab. Ohne Zweifel erfordert und erzwingt das Internet auf vielen Gebieten neue Lösungen. Grundlegende wirtschaftliche Regeln gelten aber in der analogen wie in der digitalen Welt. Im Dreieck zwischen Erzeuger/Urheber, Vermarkter/ Verwerter und Verbraucher gilt es stets einen Interessenausgleich zu finden, auch wenn es um immaterielle Güter im Internet geht. Verwertungsgesellschaften wie die GEMA nehmen dabei die Funktion eines Inkassounternehmens im Auftrag ihrer Mitglieder wahr. Wachstumstreiber der Wirtschaft sind freilich andere: Giganten wie Apple (mit einer Liquidität von mehr als 70 Milliarden Dollar) oder Google (mit mehr als 42 Milliarden Dollar in der Portokasse). Auf der anderen Seite stehen die Urheber als Geringstverdiener. Einen Ausgleich zwischen den beiden Polen zu finden – darum ging es im Jahr 2011, und das wird auch weiterhin das Generalthema bleiben. Selbst Neelie Kroes zitierte in Avignon Erhebungen, nach denen weniger als die Hälfte der bildenden Künstler in Großbritannien, die Hälfte der professionellen Autoren in Deutschland sowie 97,5 Prozent aller Mitglieder einer der größten europäischen Urheberorganisationen mit ihrer Arbeit nicht einmal auf ein Monatssalär von 1000 Euro kommen. Kunst halte also die Seele am Leben, aber wer sorge für den Künstler, fragte sie. „Wir müssen noch einmal an der Basis beginnen, und dabei den Künstler in den Mittelpunkt stellen“, forderte Neelie Kroes im Hinblick auf die gesamte Kultur- und Wirtschaftspolitik. Die Roadmap für 2012 steht also fest. Das Jahr des doppelten Mergers 2011 begann mit einem doppelten Paukenschlag: Mitte Januar machte die damalige Konzernspitze von Warner Music um Edgar Bronfman klar, dass man sich nun endlich EMI Music einverleiben oder gleich den eigenen Musikmajor ganz verkaufen wolle. Kaum zwei Wochen später landeten dann Anfang Februar die Banker der Citigroup ihren Coup bei EMI Music und pfändeten dem damaligen EMI-Eigner Guy Hands seinen Musikkonzern. Damit war die Grundlage für eine Pokerrunde geschaffen, deren Ausgang die Musikbranche auch 2012 und darüber hinaus beschäftigen dürfte: Bei Warner Music kam Len Blavatnik zum Zug. Rund 3,3 Milliarden Dollar legte der Gründer der Beteiligungsgesellschaft Access Industries für seinen Einstieg ins Musikbiz auf den Tisch. Allerdings war sein Blatt nicht gut genug, um auch noch EMI zu bekommen. Und mit BMG ging beim EMI-Verkauf auch noch ein zweiter Mitspieler leer aus, der zwischenzeitlich die Favoritenrolle inne hatte. Stattdessen erhielt Universal Music den Zuschlag für die Plattenfirmen – sparte von EMI Music, ein Sony-Konsortium setzte sich beim Musikverlagsarm EMI Music Publishing durch. Eigentlich liegen die Karten damit auf dem Tisch: Universal Music baut seine Position als Marktführer im Bereich Recorded Music weiter aus, und Sony/ATV übernimmt in einer wie auch immer neu sortierten Firmenfamilie mit EMI Music Publishing die Spitze in der Verlagslandschaft. Doch das letzte Wort haben bei diesen Deals die Kartellwächter. Das Verfahren um die längst wieder geschiedene Firmenhochzeit von Sony und BMG zog sich einst über vier Jahre hin, obwohl die damalige Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes die Fusion schnell abgenickt hatte. Vielleicht kann die inzwischen für die sogenannte Digitale Agenda der EU zuständige Kroes dem derzeitigen Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia noch einen Berater mit Kenntnissen des Musikgeschäfts vorschlagen? Knut Schlinger Gewinnen im Musikbiz an Gewicht: Sony/ATV-Boss Martin Bandier (l.) und Universal-Chef Lucian Grainge Wolkige Modelle und Musik zur Miete nehmen in Deutschland zu Streamingplattformen bestimmen im Digitalmarkt längst die Schlagzeilen: Einen klassischen Downloadshop, der Tracks oder Alben zum Verkauf anbietet, eröffnet heutzutage kaum noch jemand. Außer Google. Aber auch der Suchmaschinen – gigant koppelt seinen Dienst Google Music an ein wolkiges Schließfach und sein soziales Netzwerk Google+. Ein kostenpflichtiges oder werbefinanziertes Abo – angebot zählt bei Google hingegen nicht zum Angebotsumfang. Dabei sorgen die verschiedenen Streamingplattformen derzeit für die größte Dynamik im Markt: Spotify und Deezer bekommen auf internationalem Terrain gute Presse, während in Deutschland, wo Musicload und Napster den Markt schon lange beackert haben, ein Player wie Simfy nach einem zwischenzeitlichen Höhenflug dank der breit gestreuten „Augenbrauen“-Werbung zuletzt eher Schelte für gekappte Nutzungszeiten beim kostenlosen Angebot einstecken musste. Nachdem sich GEMA und Bitkom nun auf einen Gesamtvertrag geeinigt haben – endlich, wenn auch noch mit Abstrichen – dürften weitere Player auf den deutschen Markt streben. Dann bleibt abzuwarten, ob und wenn ja welcher der verschiedenen Dienste sich beim deutschen Nutzer dauerhaft durchsetzen kann. Und auch im B2B-Bereich muss sich zeigen, in welche Richtung sich die Stimmung bewegt: Bringen Streamingplattformen zumindest eine Form der Vergütung mit sich und sind potenziell dazu angetan, Onlinenutzer an legale Modelle zu binden? Oder kannibalisiert die Musik zur Miete mittelfristig doch eher die derzeit noch lukrativeren Verkäufe?

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