Ob Rdio oder WiMP, Spotify, Napster oder Simfy: Alle Streamingservices sind zu 90 Prozent gleich. Das liegt in der Natur der Sache. Denn das Grundkonzept bietet nicht allzu viele Variationsmöglichkeiten: Der Nutzer soll so viele Tracks so einfach wie möglich hören können. Diese Aufgabe haben alle Streamingdienste gelöst; alle bieten Abermillionen von Songs an, Unterschiede im Repertoire zeigen sich allenfalls in Randbereichen. So sucht der Nutzer bei einem Anbieter vielleicht vergeblich nach „Confess“, dem aktuellen, bei 4AD erschienenen Album von Twin Shadow, während der andere Dienst das Album „Silencio“ von Laetitia Sadier nicht im Angebot hat, das über das englische Label Drag City veröffentlicht wurde. Doch für die Entscheidung, an welchen Dienst man sich bindet, dürften solche Unterschiede eher vernachlässigbar sein. Und vermutlich ist es der überwältigenden Mehrzahl aller Nutzer ziemlich egal, ob sie auf 16 oder 17 Millionen Tracks zugreifen können, wenn sie denn wollen. Und da sich die Funktionalitäten der Streamingangebote in der Substanz kaum unterscheiden, lassen sich auch bei der Gestaltung der Plattformen keine radikalen Unter- Taugen Katalogstärke oder Preisunterschiede zur Abgrenzung der diversen Abomodelle? s e r i e MusikWoche_41_2012_11 Mehr zum Thema www.mediabiz.de/musik/ digital-music schiede erkennen, auch die Bezahlmodelle ähneln sich grundsätzlich. Weshalb soll sich also der eine Verbraucher für Spotify, der andere für Napster oder Rdio entscheiden? Wo liegen die USPs der jeweiligen Dienste? Partner und Long Tail als Lösung? Dies war eine der zentralen Fragen beim Auftaktpanel der Content Conference, die am 20. September im Emporio-Gebäude am Dammtorwall nahe der Binnenalster zum ersten Mal über die Bühne ging. An der Diskussionsrunde zum Thema „Streaming The Future: Who Plays The Lead Guitar“ nahmen Oke Göttlich (finetunes), Gerrit Schumann (Simfy), Jan Mehlhose (WiMP) und Alexander Wolf (GEMA, CELAS) teil. Wie die Anbieter von Musik – abos potenzielle Kunden von den Vorzügen des Access-Modells überzeugen können, blieb dabei indes eine der letztlich ungelösten Fragen des Gesprächs, das sich nicht nur wegen der Konferenzräumlichkeiten im 23. Stock mit fantastischem Rundblick auf die Hansestadt auf insgesamt hohem Niveau bewegte. „Partnerschaften sind unerlässlich“, betonte Gerrit Schumann von Simfy und sprach damit einen wichtigen Punkt an, der für alle Streamingservices gilt. So erreiche man „bessere Convenience“ für alle User und mithin eine Win- Win-Situation. Wie das aussehen kann, machen gerade Spotify und die Deutsche Telekom mit ihrer Kooperation vor (siehe MusikWoche 40/2012). Aber auch audiovisueller Content ist ein Wett – bewerbsfaktor. Gerade im Hinblick auf YouTube bestehe Handlungsbedarf, meinte Jan Mehlhose, und Gerrit Schumann sekundierte: „Es gibt hunderttausende von Videos auf YouTube, aber wir müssen bei den Rechteinhabern mühsam um die Genehmigung kämpfen, wenn wir welche zeigen wollen. Das ist Doppelmoral.“ Da stimmte Alexander Wolf zu: Das liege aber daran, dass sich YouTube nicht als Content Provider verstehe, „obwohl sie es sind – aber das wird sich ändern“. Auf längere Sicht hält Gerrit Schumann auch das Thema Long Tail für interessant, das sich in Bezug auf legale Downloaderlöse eher als Enttäuschung erwiesen hat. „Streaming verändert die Nutzergewohnheiten“, stellte er fest. „Man hört Alben, die man sonst nicht gehört hätte.“ Doch wie wirkt sich das auf die Erlöse und damit auf die Vergütung der Rechteinhaber aus? Hierzu lieferte Alexander Wolf Erkenntnisse aus der bisherigen Praxis. „Long Tail ist nicht wirklich interessant“, sagte er, denn die tollen Erlöse im Streaming kämen von sehr wenigen populären Tracks, die jeder hören wolle. Bei den kostenlosen Streamingangeboten bringen, so Wolf, zwei Prozent des gesamten Repertoires rund 80 Prozent der Erlöse; bei den kostenpflichtigen Premiumangeboten seien es immerhin acht Prozent. Zumindest in Deutschland und UK seien die Erlöse aus Downloads noch immer sehr viel wichtiger. Hier sieht Wolf einen entscheidenden Punkt für die Zukunft des Streamings: „Die Dienste müssen erst noch zeigen, ob sie auch nur Mainstream sind.“ Wird Streaming also zum Mainstreaming? Was haben dann die unbekannten Künstler, die Indies davon? Oke Göttlich nannte hierzu finetunes- Zahlen: Rund zwölf Prozent der Erlöse kämen von Indierepertoire, bei Premiumangeboten seien es rund 15 Prozent. Mit Blick auf die GEMA regte Göttlich an, dass man Streamingerlöse nicht mit Downloads, sondern mit Radioerlösen gleichsetzen sollte. Aber wäre im Sinne einer besseren Profilierung nicht eine variablere Preisgestaltung der verschiedenen Streamingdienste angebracht, deren Abomodelle sich bislang allenfalls in Details unterscheiden? Dafür sei es schlicht und einfach zu früh, meinte Gerrit Schumann: „Wir brauchen noch zwei oder drei Jahre, bis wir die Preisgestaltung differenzieren können.“ Ähnlich sieht es Alexander Wolf, der darauf hinwies, dass die GEMA mit Simfy und Spotify wohl bis Ende 2012 Verträge abschließen werde. Mit diesen Diensten, aber auch mit WiMP gebe es keine großen Meinungsverschiedenheiten mehr, „wir stehen kurz vor einer Einigung“. Das Risiko mit dem Risikokapital Zu sagen, dass die Vergütung der Rechteinhaber bei einer solchen Einigung tatsächlich angemessen sei, wäre indes noch zu früh. „Wir müssen zwei bis drei Jahre lang die Entwicklung abwarten.“ Und dann wurde die Diskussion schließlich doch noch kontrovers, als es um den Standpunkt der GEMA bei Vertragsverhandlungen ging. Alexander Wolf sieht bei Verhandlungen mit Downloadangeboten mehr Sicherheit und Transparenz für die Rechteinhaber, denn solche Anbieter hätten „einen soliden wirtschaftlichen Background“, während die meisten Streaminganbieter „von Risikokapital gesteuert“ seien. „Bei Risikokapital ist es nicht so sicher, dass man irgendwann auch bezahlt wird. Im Moment sehen wir keine Sicherheit, und deswegen schließen wir Verträge nur mit einem Jahr Laufzeit ab, um wenigstens diese Erlöse abzuschöpfen.“ Für Gerrit Schumann zeigt sich hier die „typische GEMA-Denke, das killt jede Innovation“. Venture Capital sei schließlich dazu da, um Innovationen zu ermöglichen. Dem hielt Wolf entgegen: Nichts gegen Innovation – aber: „Ich bin dann zufrieden, wenn monatlich eine Vorauszahlung auf dem Konto ist.“ Schließlich war da noch die Frage nach der Klangqualität. In seiner Keynote zum Auftakt der Content Conference hatte Andreas Spechtler, Vice President für die EMEA-Region bei Dolby, über Trends und Tendenzen an der Schnittstelle zwischen Medienkonsum, Unter – haltungserlebnis und Audioqualität informiert. Wichtige Erkenntnis: Für die Verbraucher ist laut Marktforschung bei allen Musikangeboten die Klangqualität das wichtigste Kriterium – doch nur eine Minderheit der Nutzer ist in diesem Punkt wirklich zufrieden mit dem Angebot. Hier klaffe die Schere noch weit auseinander, so Spechtler, „hier sind Ihre Chancen für die Zukunft“. Das sieht auch Jan Mehlhose so, der für WiMP festhielt: „Wir wollen nicht der größte Anbieter sein, aber der beste.“ Den besten Eindruck machte Mehlhoses norwegischer Kollege Kjartan Slette am Tag darauf allemal. Denn auch beim Reeperbahn Campus stand das Thema Streamingdienste und ihre Profilierungsmöglichkeiten in einer Art Vergleichstest auf dem Kongressprogramm. Die Vertreter von Rdio, Napster, WiMP, YouTube und QTom sollten in jeweils fünf Minuten überzeugend die Stärken und Alleinstellungsmerkmale ihrer Angebote darlegen; eine dreiköpfige Jury mit Vertretern der Aggregatoren Kontor New Media (Tobias Gabler), finetunes (Oke Göttlich) und Zebralution (Kurt Thielen) durfte die Präsentationen kommentieren und wertend gewichten, wie man so schön sagt. Tobias Fröhlich von QTom und Andreas Briese von YouTube saßen wohl deshalb mit auf dem Podium, weil auf beiden Plattformen Videos gestreamt werden. Ansonsten hatten sie eher wenig mit den Kernfragen zu tun. Fröhlich stellte QTom als Musikfernsehen im Inter- Content Conference Knapp ein Jahr nach der Umfirmierung von Arvato mobile zu Mondia Media positioniert sich das Hamburger Unternehmen auch im Eventbereich neu und richtete am 20. September 2012 erstmals die sogenannte Content Conference aus. Der eintägige Kongress löste die App Days ab. Deutsche und internationale Gäste sprachen bei der exklusiven Konferenz über die Entwicklung im Musikstreaming und Mobile Gaming. Am Nachmittag stand unter anderem eine Diskussionsrunde auf dem Programm, die unter dem Motto „Browser vs. Native Games – What Is The Current Outlook?“ die Entwicklung bei Mobile Gaming beleuchtete und dabei die Chancen von mobilen Onlinespielen im Vergleich mit fest auf Mobilgeräten installierten Games analysierte. Neben dem Bitkom-Verband zählten MusikWoche und GamesMarkt aus dem Hause G+J Entertainment Media zu den Partnern der Content Conference. Doch welches Konzept wird das Rennen machen? Die schlüssige Antwort der Content Conference: Ein intelligentes, smartes Konzept für Content, der überall und jederzeit verfügbar ist, denn Services müssen überall laufen, man kann sie nicht mehr nur für ein Gerät konzipieren. Im digitalen Heim manifestiert sich ein Paradigmenwechsel, wobei es auf folgende Faktoren ankommt: On Demand, Multiscreen, On the go, Social und Web to TV. Analysierten den Markt für Musikabos: Oke Göttlich (finetunes, links) und Jan Mehlhose (WiMP) s e r i e MusikWoche_41_2012_13 net vor. Und Andreas Briese wiederholte das Mantra, dass YouTube kein Musikservice und kein Videoservice sei, sondern ein Social-Media- Dienst: „Wir sind eine werbefinanzierte Hosting- Plattform.“ Das etwas seltsame Konzept, das wohl an eine Castingshow erinnern sollte, konnte gleichwohl nicht verhindern, dass auch brauch – bare Informationen vermittelt wurden. Castingshow auf der Reeperbahn Kjartan Slette brachte seine Botschaft in der Kürze der Zeit am besten an den Mann. „Ich komme aus der Zukunft“, betonte er, um das WiMP-Motto „Music in the clouds, people on the ground – The inspiring music service“ zu verdeutlichen. „Wir sind eine Music Company“, sagte Slette, „ein Service von Musikliebhabern für Musikliebhaber; um Inspiration zu fördern, setzen wir nicht Algorithmen ein, sondern Menschen“. WiMP sei außerdem der einzige Streamingservice, der im Besitz eines großen Medienhauses ist: Erst kürzlich hat der Zeitungsverlag Schibsted 75 Prozent der Anteile übernommen. „Mehr als fünf bis sieben Streaming – anbieter werden weltweit nicht überleben können“, prognostizierte Slette. WiMP wolle einer dieser Services sein. Auch Rdio will sich von den Mitbewerbern abheben. „Wir glauben nicht an anzeigenfinanzierte Angebote“, sagte Stefan Baumschlager vom Europabüro in London. Rdio wolle sich über Inhalte profilieren und werde deshalb intensiv mit der Indieszene und direkt mit den Künstlern zusammenarbeiten. Wie das gemeint ist, erklärt Rdio-CEO Drew Larner im Gespräch mit MusikWoche (Seite 14). Moderator Steve Mayall von MusicAlly wies schließlich darauf hin, dass 0iTunes der Mainstream sei, und dort gebe es auch Radio. Vielleicht wären Radiosender das fehlende Feature für die Streamingservices, um aus der Nische zu kommen und Mainstreamingservices zu werden, gab er zu bedenken. Dass dieser reizvolle Gedanke in der Umsetzung freilich nicht so einfach sein dürfte, zeigt sich schon, wenn man ein WiFi-System wie zum Beispiel Sonos installiert und dann mit der Control-App per Smartphone das Auswahlmenü ansteuert: Dort findet man die Liste der Streamingdienstleister, für deren Angebot man sich in der Regel registrieren muss, neben einer schier endlosen Liste von Internetradios, die alle nur einen oder zwei Klicks entfernt sind und vom Dominican Broadcasting Service (DBS) bis zum lokalen Schlagerkanal praktisch alles bieten, was des Musikliebhabers ganz speziellen Geschmack bedient. Manfred Gillig-Degrave
Dossier: Der Trend geht zum Mainstreaming
Immer mehr Streamingdienste konkurrieren um die Gunst des musikhörenden Publikums. Für alle stellt sich die Frage nach der Profilierung im Wettbewerb. Das Thema stand in Hamburg bei einem Panel im Rahmen der Content Conference am 20. September sowie beim Reeperbahn Campus auf der Tagesordnung.






