“Diese Statistik hat keinen Aussagewert“, kommentiert Kontor-Chef Jens Thele im Gespräch mit MusikWoche die jüngst publizierte Auswertung des Bundesverbands Musikindustrie, der zufolge das Genre Dance im vergangenen Jahr bei den Umsatzanteilen mit drei Prozent den besten Wert seit 2005 erzielte. „Die aktuellen Hits von Usher, Chris Brown oder Rihanna, die für mich lupenreiner Dance sind, werden von den jeweiligen Produktmanagern doch unter,Pop‘ angemeldet“, erläutert Thele und verweist auf die aktuellen iTunes-Charts, bei denen vier Titel der Top 5 rein musikalisch gesehen Dancetracks seien. „Das sagt viel mehr über die wahren musikalischen Verhältnisse aus.“ Dennoch beschreibe die Statistik eine reale Entwicklung, findet Frank Fenslau, Managing Director Superstar Entertainment: „Dieser positive Trend findet in erster Linie im kommerziellen Bereich statt, aber auch im Clubbereich gab es einzelne Nummern, die außerordentlich erfolgreich waren.“ Deutschland sei jedoch immer noch ein Nachzügler im internationalen Vergleich, auch wenn die Medien nach zehn Jahren der Missachtung nun wieder verstärkt Dancethemen aufgreifen. Das werde diesen Trend weiter stützen, glaubt er. Für Superstar war 2010 eines der erfolgreich – sten Jahre der Firmengeschichte, sagt Fenslau, und verweist auf Erfolge mit Yolanda Be Cool, den Disco Boys und Avicii. „Wir sind guter Dinge, an diese Erfolge auch im laufenden Jahr anknüpfen zu können.“ Ähnlich argumentiert Elmar Braun, Managing Director WePlay Music & Management: „Solange es starke Acts und Veranstaltungen gibt, denen es gelingt, die Leute für den Sound zu begei – stern, wird dieser Trend auch weiter nach oben gehen.“ Ein Act wie David Guetta sei für die ganze Branche „sehr, sehr wichtig“ gewesen. „Für WePlay war 2010 sehr erfolgreich, und 2011 geht bislang genauso weiter.“ Optimistisch blickt auch Michael Kronenberger, Geschäftsführer Future Music, in die Zukunft: „Yolanda Be Cool, Martin Solveig und unser Act Milk & Sugar haben bewiesen: Dance ist wieder massentauglich.“ So habe „Hey (Nah Neh Nah)“ von Milk & Sugar vs. Vaya Con Dios in vielen Ländern eine Top 10-Platzie- 3 Foto: Lars Behrendt 10 17/2011 dossier.dance & elektronik rung erreichen können. Das zeige, das der Trend noch eine Weile andauern werde. Auch Sven Koslik, General Manager Ministry of Sound Recordings bei Embassy of Music, sieht eine „eine positive Entwicklung“ im Bereich Dance: „Während sich in den vergangenen Jahren eher wenige Titel aus dem Genre in den Top 10 tummelten, so ist ihre Anzahl in den vergangenen zwölf Monaten deutlich gestiegen.“ Künstler aus anderen Genres verwenden zunehmend Dance-Elemente oder suchen sich Kooperationspartner aus diesem Segment. „Dance wurde schon so oft für tot erklärt, nicht zuletzt durch unsere Majorlabels, die ihre Dance-Abteilungen erst dicht machten, um sie jetzt wieder zu beleben und auf den fahrenden Zug aufzuspringen.“ Für Koslik sei Dance längst kein schnelllebiger Trend mehr, sondern ein Stil, der seine Facetten stetig an die Marktgegebenheiten anpasse und mal populär, mal weniger populär sei. Er verweist auf das Doppeljubiläum 20 Jahre Ministry of Sound in Großbritannien und zehn Jahre Embassy of Music in Deutschland: „Ich bin mir sehr sicher, dass noch viele wunderbare Jahre folgen werden.“ Und auch Tom Keil, Geschäftsführer Holon Group und freier A&R-Manager für Universal Domestic, hält elektronische Musik und Dance nicht für einen Trend, sondern für ein etabliertes Segment mit einer enorm großen Community. „Diese Musik war nie weg – sie hat sich neu organisiert und neue Strukturen geschaffen und erfährt gerade in der Breite wieder mehr Aufmerksamkeit“, führt er aus. Nach dem Dancehype in den Neunzigern habe sich die Branche gesundgeschrumpft. Zudem sei die Qualität der Musik wieder konstant besser. „Ich bin über die Entwicklung im nationalen und internationalen Markt sehr froh, und dieser Trend spiegelt sich natürlich auch bei uns wider: Universal hat mit Zeitgeist eines der führenden Labels der 90er-Jahre wieder aus der Taufe gehoben und sieht dies als langfristiges Commitment für dieses Genre.“ Die stetige Aufwärtsentwicklung bestätigt auch Torsten Katzschner, CEO der N.K.N. Research & Asset Managementgesellschaft, die auch das ostdeutsche Dancelabel Tocabeatz betreibt: „Dieser Trend ist langfristig, vorausgesetzt, der Markt wird nicht wieder massenweise mit Billigproduktionen überflutet, wie wir das Ende der 90er-Jahre erlebt haben. Die Folge war, dass es mit Dance bergab ging. Qualität gewinnt, denke ich.“ Warnende Worte findet indes Dieter Stemmer, Geschäftsführer Sounds United/Dance Street Records: Falls der Aufschwung, den der Bundesverband meldet, lediglich dem Subgenre Electro-House-Music geschuldet sei, so sei der Popularitätszenit bereits erreicht. „Danceproduzenten, die drei bis vier Jahre lang diesem Trend gefolgt sind, gehen mittlerweile andere Wege, wobei ein David Guetta mit seinen poporientierten Dancesongs sicherlich das große Vorbild für manchen ist – auch wenn er mit seinem Sound die Dance Music auch nicht gerade erfunden hat.“ Auch Lady GaGa und andere US-Topstars bedienten sich fleißig beim typischen Euro-Dance-Sound und paaren diesen mit einigen Elektrosounds, allerdings wehrt sich Stemmer dagegen, Guetta und GaGa nun in einen Topf zu werfen. „Das würde sicherlich nicht den wahren Kriterien der deutschen Danceszene entsprechen, denn die sind und bleiben Popmusik“, formuliert der Danceveteran. Dagegen beharrt Jürgen Wiesbeck, Chefredakteur des Dancesenders sunshine live, weniger auf definitorischen Feinheiten, sondern unterstreicht, dass vom Boom letztlich alle profitieren – auch sunshine live. „Wir als Danceformat merken nicht erst seit heute, dass Dance wieder einen richtigen Aufschwung erlebt. Wir spüren das am immer breiteren Angebot guter Musik und natürlich auch am Feedback beim Sender und in unserer Facebook- Community, die nicht umsonst zur größten Community einer Radiostation in Deutschland avanciert ist.“ Er sei vor allem darauf stolz, dass der Sender dem Genre auch dann uneingeschränkt treu geblieben ist, als viele schon dessen Untergang prophezeiten. „Es wurde Zeit, dass sich auch die Musikindustrie dem schon seit etwa zwei bis drei Jahren anhaltenden positiven Trend endlich annimmt – hoffentlich aber auch nachhaltig genug, damit das Dance-Konjunkturhoch auch anhält.“ Von der guten Konjunktur pro – fitiert auch ein kleines Label wie Sound – colours, berichtet Geschäftführer Piet Blank: „Wir schaffen es seit der Gründung 2007, uns Jahr für Jahr zu steigern. Auch für 2011 sieht es bislang gut aus, wobei unsere Releases wie,so8os‘ oder unsere ,Relax‘-Serie nicht mehr zwingend im klassischen Dancebereich einzuordnen sind.“ Aber es mache im Moment einfach Spaß, im Musikbiz zu arbeiten – und das merke man den Veröffentlichungen auch an, findet Blank, der zusammen mit seinem Geschäftspartner Jaspa Jones als letzter Act auf dem Mainfloor der Mayday spielen wird. Dort ist auch Kontor erstmals mit einer Lounge vertreten, nachdem das Label einen Deal mit den Mayday-Machern von I-Motion geschlossen hat und fortan die Compilations der Firma veröffentlicht. Zwar hat Kontor allen Grund zum Feiern, aber Thele weiß: „Wir als deutsches Label profitieren nicht davon, wenn die internationalen Superstars wieder auf Dance setzen.“ Das verhelfe seinen Acs weder zu mehr Radioeinsätzen noch zu höheren Verkaufszahlen. „Deswegen konzentrieren wir uns nur auf uns selbst. Als vor Jahren alle jammerten, dass es dem Segment so schlecht gehe, haben wir diese Musik genauso erfolgreich betrieben, wie im Augenblick, wo die Zeichen wieder auf Dance stehen.“
Dossier: Dance & Elektronik – Der Tanz geht weiter
Kurz vor dem Jubiläum der Maday herrscht in der Dance- und Elektronikszene gute Stimmung. Denn die internationalen wie auch nationalen Charts werden von Tracks geprägt, die zwar nicht unter der Genrebezeichnung „Dance“ laufen, aber wie im Falle der jüngsten Hits etwa von den Black Eyed Peas, Usher oder Jennifer Lopez aus den Clubs kommen. Das ist ein bedeutsamerer Faktor als die jüngst vom Bundesverband Musikindustrie veröffentlichte Statistik, der zufolge das Segment Dance im vergangenen Jahr von 2,2 auf drei Prozent zulegte.





