Recorded & Publishing

Dossier Dance: Abschied vom Major-Gedanken

In den Charts und in den Medien ist weitgehend tote Hose, wenn es um Dance und elektronische Musik geht. Doch zwischen Nische und Underground tut sich weiterhin viel. Denn hier arbeitet ein unabhängiges Netzwerk von Labels, das vor allem vom boomenden Auslandsgeschäft profitiert.

“Wir müssen das ausnutzen, was elektronische Musik so ziemlich als einzige Musikform bietet – nämlich einen globalen Markt“, erklärt Paul van Dyk, Gesellschafter Vandit Records. „Deswegen brauchen wir ein internationales Business-Netzwerk genauso wie einen internationalen Künstlerstamm. Bei uns stehen derzeit auch Italiener, Kolumbianer, Amerikaner und Asiaten unter Vertrag. Diese Internationalität auf allen Ebenen beschert uns vertretbare Umsätze.“ Mit einer solchen Labelphilosophie haben kleine Firmen wie Vandit einen Modus Vivendi gefunden, der ein Überleben abseits von Charts-Präsenz und Medienmacht verspricht. Denn die vom Bundesverband Phono jüngst veröffentlichten Marktzahlen für 2006, die den Marktanteil von Dance-Musik nur noch mit 4,7 Prozent ausweisen, führen ein wenig in die Irre. Viele Indie-Labels werden für die Statistik nicht erfasst; zudem sagt der Wert, der zu Glanzzeiten der Techno-Bewegung fast zehn Prozent erreichte, nichts aus über die weit verzweigten Online- und Auslandsumsätze, die heute das Kerngeschäft in der Dance- und Elektronik-Welt bilden. „Der Absatzmarkt verschiebt sich. Es wird immer weniger kleine Vinyl-Plattenläden geben, dafür wird der digitale Markt immer größer“, meint denn auch van Dyk, der die übliche Trennung von Major und Indie-Strukturen für nicht mehr zeitgemäß hält: „Das Beste für einen Track ist, dass ihn so viele Menschen wie möglich hören. Deswegen halte ich nichts von sturem Indie-Denken. Wenn es die Möglichkeit einer Major-Anbindung gibt, sollte man sie nutzen.“ Dagegen urteilt Carsten Kammerer, zuständig für Produkt- und Labelmanagement beim Berliner Label BPitch Control: „Um sich als unabhängiges Elektronik-Label am Markt zu behaupten, sollte man nicht mehr ausschließlich auf das Labelbusiness setzen, sondern sämtliche Teilgebiete wie Publishing, Booking, Management und Events zusammenfügen. Von einzelnen Lizenzierungen abgesehen, ist der Anschluss an Major-Strukturen keine Alternative zu einem eigenen, gut funktionierenden und internationalen Netzwerk. Die Wege sind kürzer, man kann schneller reagieren.“ Ähnlich argumentiert auch Marc Romboy, Geschäftsführer Alphabet City: „Die beste Strategie kann nur die sein, bei Signings, Labelkonzepten und Marketing vermehrt auf sein Gefühl und seine Vorlieben zu achten, anstatt zu viel über Marketingausgaben und Interessen der Major-Industrie nachzudenken. Nachdem die Majors Anfang dieses Jahrtausends der Club- und Dance-Musik Adieu gesagt haben, wurde es bei vielen Künstlern im kreativen Bereich besser – und dieses enorme Potenzial nutzen wir bei Alphabet City. Auch wenn viele Branchenkenner damals dem Dance das Aus prophezeiten, entwickelt sich erfreulicherweise eher das Gegenteil.“ Für Jens Ophälders, Geschäftsführer Yawa Recordings, liegt der Fokus dabei nicht im Domestic-Geschäft: „Da die Umsätze im eigenen Land mittlerweile recht überschaubar geworden sind, gilt unser Hauptaugenmerk verstärkt der Resonanz in den Clubs und beim Publikum und natürlich dem Auslandsgeschäft und der dort vorherrschenden Nachfrage.“ Den Labels bleibe da keine andere Wahl, erläutert Erik May, Geschäftsführer Great Stuff: „Das Geschäft muss international ausgerichtet sein, denn dann ist der nationale Markt nur einer von vielen und bestimmt nicht mehr allein über den Gesamterfolg einer Platte.“ May betont auch, dass es kein Gegensatz sein sollte, sich musikalisch zu spezialisieren, „um treue Zielgruppen zu bedienen“, und sich stilistisch zu öffnen und das Spektrum zu erweitern. So habe sich Great Stuff unter anderem mit HipHop ein starkes zweites Standbein geschaffen. Pragmatisch beurteilt er indes die Frage, ob es auf einen Entscheidungskampf zwischen physischen und digitalen Produkten hinauslaufe. „Hauptsache, die Musik verkauft sich, egal ob auf Vinyl, CD oder als bezahlter Download, wobei die Downloads sich für uns zu einem rasch wachsenden Umsatzfaktor entwickelten.“ Das sieht Dennis Bohn, Geschäftsführer Mental Madness, anders: „Mit der Entwicklung unserer Online-Verkaufszahlen sind wir zufrieden, auch wenn sich noch keine Sensationen abzeichnen. Zur Zeit sehen wir Downloads eher als ein nettes Zubrot.“ Er räumt jedoch ein, dass die veränderten Marktdaten einen Einfluss auf die Labelphilosophie von Mental Madness hatten: „Wir veröffentlichen deutlich mehr Titel. Früher ging es nur um Qualität, heute mische ich Qualität mit Quantität. Denn wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass ein Track, an den wir glauben, auch wirklich ein Hit wird. Die Medien in Deutschland spielen einfach nicht mehr mit. Wir überlassen die Entscheidung, was ein Hit wird, völlig den Käufern. Und wegen des verstärkten Outputs, der uns in Deutschland immer wieder vorgeworfen wird, haben wir im Ausland viele neue Freunde gefunden. Inzwischen verdienen wir mehr im Aus- als im Inland.“ Dagegen sieht Kammerer keinen Widerspruch zwischen Digitalisierung und Vinyl, da beide Formate noch eine ganze Weile koexistieren: „Die Zukunft wird jedoch zeigen, dass sich digitale Angebote gegen physische Tonträger durchsetzen werden. Gegenwärtig beweisen Plattformen wie Beatport, dass dieser Übergang wunderbar funktioniert.“ Vandit veröffentlicht nach wie vor alle Titel auch auf Vinyl: „Der Vinylmarkt ist zwar kleiner geworden, aber nicht so klein, dass wir ihn vernachlässigen würden“, führt Paul van Dyk aus. „Dagegen werden sich die Verhältnisse zwischen Downloads und CDs weiter zugunsten der digitalen Vertriebskanäle verschieben.“ Steffen Harning, Geschäftsführer Future Music und Teil des Duos Milk & Sugar, differenziert: „Der digitale und der physikalische Konsument unterscheiden sich in wichtigen Punkten, deswegen versuchen wir, unsere Produkte individuell auf diese Zielgruppen abzustimmen. So stellen wir dem digitalen DJ mehr Tracks zum Download zur Verfügung, während der Vinyl-DJ ein qualitativ sehr hochwertiges und aufwendig gestaltetes Produkt erhalten soll, für das er dann bereit ist, mehr zu bezahlen, obwohl es weniger Mixes enthält.“ Die steigende Bedeutung des Online-Geschäfts unterstreicht Peter Aleksander, Managing Director Superstar Entertainment: „Der Umsatzanteil von Downloads, der bei den Majors bei ungefähr zehn Prozent liegt, bewegt sich bei uns deutlich höher. Unsere Titel haben durchgehend höhere Platzierungen in den Download-Charts als in den physischen Charts. Deswegen sehnen wir den Tag herbei, an dem der Unterschied zwischen einer Online- und einer physischen Veröffentlichung für eine Charts-Platzierung wegfällt.“ Auf einen anderen Punkt weist Elmar Braun hin, Geschäftsführer More Music & Media: „Es gibt zwei Faktoren, durch die sich ein Indie-Label auszeichnen muss: Kreativität und Flexibilität. Ein unabhängiges Label muss Trends schnell aufspüren und umsetzen können. Darüber hinaus ist es für einen Indie auch sehr förderlich, wenn er ab und zu mal ein bisschen Mut beweist, wenn es darum geht, neue Künstler unter Vertrag zu nehmen. Je mehr ein Indie Paradiesvogel ist und dabei auch noch Erfolg hat, umso bedeutsamer ist seine Position.“ Dietmar Schwenger 3

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