Recorded & Publishing

Dossier: Bloß keine Schwarzmalerei!

Die Zahlen des Bundesverbands Musikindustrie sehen nicht so toll aus: Mit einem Umsatzanteil von nur 1,4 Prozent sank der deutsche Jazzmarkt auf den Tiefstand von 2010. Andererseits beflügeln Erfolgsgeschichten wie die von Gregory Porter oder Michael Wollny die Szene. MusikWoche fragte Experten, ob sie sich sorgen.

Die Marktstatistik des Bundesverbands Musik – industrie zeigt wieder einmal, dass Jazz Nischenmusik ist, die nur selten den Sprung in die Mainstreamkultur schafft: Der Jazzanteil am Gesamtumsatz der deutschen Labels fiel von 1,6 Prozent 2012 auf 1,4 Prozent im vergangenen Jahr -auf eine Größenordnung, in der sich der Jazz im vergangenen Jahrzehnt eingependelt hat. Lediglich 2007 erreichte er 2,1 Prozent – den bis dato besten Wert seit 1998. Zum Vergleich: Schlager und Deutschpop kommen auf knapp zwölf Prozent, der Schlager allein lag 2013 bei 5,8 Prozent. Die Statistik des Bundesverbands sollte man jedoch nicht überbewerten, findet Astrid Kieselbach, Senior Director Jazz bei Universal Music International, im Gespräch mit Musik Woche. „Der Anteil von Jazz am Umsatz schwankt seit vielen Jahren stetig. Das liegt vor allem am Anmeldeverhalten der Labels“, weiß die erfahrene Jazzmanagerin. „Ist abzusehen, dass man es kaum in die allgemeinen Top 100 schaffen wird, meldet man sein Produkt gern als Jazz an, denn diese Hürde ist einfacher zu nehmen.“ Auf diese Weise tauchen dann Alben zumindest in Jazzcharts oder in Jazz – medien auf. Für so eine Anmeldung müsse ein Album zwar zumindest einen Jazzbezug haben, nicht aber „lupenreiner Jazz“ sein. „Diese Vor – gänge mag man bedauern oder auch nicht. Würde man Alben mit reinem Core-Jazz in eigenen Charts beobachten, spräche man in der Tat von einem sehr geringen Verkaufsniveau, und solche Charts würden dann gegebenenfalls in der Branche gar nicht mehr wahrgenommen werden.“ Daher begrüßt Astrid Kieselbach, dass auch viele jazzverwandte Themen als „Jazz“ angemeldet werden, denn so hätten sie eine Chance, wahrgenommen zu werden. Grundsätzlich aber spiele der Umsatzanteil keine entscheidende Rolle: „Für mich stellt sich die Frage nicht, ob der Anteil von Jazz am Musikmarkt nun 1,4 oder 1,8 Prozent beträgt. Worin läge hier die größere Bedeutung? Wichtig ist nach wie vor die Pflege dieses Genres, das dem Pop und Rock vorausgegangen und somit ein unverzichtbarer Teil der Musikgeschichte ist.“ Jazz sei der „Urknall von Pop und Rock“ gewesen. „Er war vor Jahrzehnten selbst die populäre Musik. Und wenn sich heute musikbegeisterte Menschen die Zeit nehmen würden, ein Album von Fats Waller von vorn bis hinten durchlaufen zu lassen, würden sie sich über den enormen Spaß wundern, den sie dabei haben.“ Astrid Kieselbach sieht keinen Anlass für Pessimismus: „Immerhin haben viele deutsche Fans zur Zeit eine Menge Spaß mit Gregory Porter. Allein dieser Mann wird mit seinem Erfolg den Umsatzanteil von Jazz in Deutschland wieder kräftig nach oben korrigieren. Insofern sprechen wir dann nächstes Jahr um diese Zeit über das umgekehrte Phänomen.“ Auch der Erfolg des Pianisten Michael Wollny ist nicht von schlechten Eltern. Und deshalb beurteilt natürlich auch Siggi Loch, President von Wollnys Label ACT, die Lage positiv: „Seit der Gründung1982 bis heute ist es ACT gelungen, entgegen den Entwicklungen im Jazz, aber auch entgegen dem in dieser Zeit massiv geschrumpften Gesamtmarkt, kontinuierlich zu wachsen – obwohl oder vielleicht gerade weil ACT es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Fokus auf den Aufbau und das Entdecken neuer Künstler zu legen“. Als Beispiele nennt Loch die Erfolge von Esbjörn Svensson und e.s.t. sowie von Nils Landgren. „Dass es auch unter den heutigen, schwierigen Marktbedingungen möglich ist, neue international erfolgreiche Künstler aufzubauen, zeigen unter anderem die koreanische Sängerin Youn Sun Nah sowie ganz aktuell Michael Wollny.“ Wie vorab verkündet, hat ACT am 22. Mai beim Echo Jazz sieben Gewinner. Das ermutige, so Loch, „den eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen und den Herausforderungen eines sich wandelnden Markts positiv entgegen zu sehen – und das stets in the spirit of Jazz!“ ACT hat sich zum Zugpferd entwickelt Bei ACT bedankt sich auch Dirk Mahlstedt, General Manager Edel:Kultur. „Wir haben mit unseren bestehenden Jazzlabelpartnern unter besonderer Berücksichtigung des Zugpferdes ACT die gemeinsamen Ziele und Erwartungen erfüllt. Im laufenden Jahr wird unser Stellenwert im Repertoiresegment deutlich gestärkt sein, da wir uns durch die Übernahme des MPS-Katalogs in zahlreichen Auswertungsbereichen neu positionieren können.“ Edel:Kultur will die rund 400 MPS-Alben bis Ende 2014 digitalisieren und mit einer Sechs-LP-Box von Oscar Peterson, deren Inhalte auf Master – kopien der Originalbänden basieren, den „Weg in die audiophile Welt“ beschreiten. Dagegen stimmen Thomas Glagow, Geschäftsführer C.A.R.E. Music Group, die Zahlen des Bundesverbands „traurig“. Es werde für kleine Firmen immer schwieriger, sich im Markt zu positionieren, sagt er. Angesichts der Erfolge von Gregory Porter, Michael Wollny, Till Brönner, Diana Krall oder Nils Landgren sieht er jedoch auch „ein Publikum mit Geschmack – man muss es halt erreichen.“ Mit TVWerbung wie etwa bei Gregory Porter könne man auch Schläfer wecken. Zugleich kritisiert Glagow, dass der Echo Jazz am 22. Mai in den Dritten Programmen erst gegen 23 Uhr ausgestrahlt wird. „Das ist sehr schade, weil es dort viel zu entdecken gibt.“ Und er fordert: „Der Jazz muss auf die Bühne, muss live entdeckt werden“ – nicht zuletzt, weil bei Konzerten noch viele CDs verkauft werden. Es kommt auf die Veröffentlichungen an Thomas Glagow berichtet von eigenen Künstlern, die ihre bis herigen Verkaufszahlen nach zehn Konzerten verdoppelt hätten. Daher freue er sich auch auf Festivals wie Elbjazz oder Überjazz. „Auch wenn die Verkäufe rückläufig sind – die Besucherzahlen bei Konzerten und Jazzfestivals sind gesund. Die jazzahead! hat bewiesen, dass der Trend eigentlich nach oben zeigt, was sich zumindest in den Onlineverkäufen wider spiegelt.“ Letztlich müsse man an die Künstler glauben und lange mit ihnen arbeiten. Und so sieht auch Miho Nishimoto, Brand Manager Classics & Jazz Warner Music Entertainment, nicht schwarz: „Da der Teilmarkt Jazz traditionell eine eher überschau – bare Größe aufweist, können ein oder zwei maßgebliche Veröffent lichungen in einem Betrachtungszeitraum sofort substanzielles Wachstum erzeugen.“ Angesichts der hohen Innovationskraft des Jazz auch für andere Marktsegmente und der generellen Faszination dieses Genres stehe das Engagement für den Jazz bei Warner Music nach wie vor im strategischen Fokus. „Mit einem Mix aus lebenden Legenden wie Klaus Doldinger oder Pat Metheny, einem hervorragenden Backkatalog und innovativen jüngeren Künstlern wie Nils Wülker, Stacey Kent oder Avishai Cohen sind wir bestens auf gestellt.“ Dass es bei Jazz wie auch bei anderen Genres immer auf die Veröffentlichungen ankommt, bekräftigt Bernhard Rössle, Head of A&R in-akustik: „Tatsache ist, dass der Jazz – bereich im stationären Handel teilweise enorm verkleinert wurde.“ Allerdings könne er aus Sicht von in-akustik „keinen Rückgang im Bereich Jazz feststellen – ganz im Gegenteil“, sagt Rössle. Sein Label habe in den vergangenen Jahren Umsatzsteigerungen beim Jazz verzeichnet. „Dies zeigt sich auch darin, dass seit 2012 mehrere Veröffentlichungen aus unserem Haus einen Jazz-Award erhalten haben.“ Verfälschende Einflüsse in der Statistik Auch Rüdiger Herzog, Geschäftsführer Herzog Records, lässt sich vom gesunkenen Umsatzanteil „nicht nervös“ machen. Als entscheidend empfindet er, dass die Klangfarbe Jazz viele Menschen erreicht. „Jazz wird heute weit intuitiver verstanden. Die jüngeren Menschen schaffen sich ihre eigenen Hörkontexte und bewerten Künstlerpersönlichkeiten eben nicht nur über das Klangmaterial.“ Der Kanon des Jazz löse sich zunehmend auf, so wie auch geschichtliche Ereignisse allmählich aus dem kollektiven Gedächtnis verschwänden. „Ich habe im letzten Jahrzehnt meine eigene Vorstellung über Jazz gleichfalls vehement geändert. Wir brauchen Klangkünstler, die in der Gegenwart stehen und dennoch um den Jazz wissen.“ Das werde der Branche die Zukunft sichern. „Wie sich diese Zukunft in Prozentzahlen ausdrücken lässt, ist für mich nicht relevant.“ Volker Dueck, Inhaber und Geschäftsführer deutsche media productions, analysiert die Zahlen jedoch genau: „Seit Erhebung der Marktanteile nach Genres bewegt sich der Jazz in Deutschland irgendwo um ein bis zwei Prozent. Wenn er sich der Ein-Prozent-Marke nähert, sind die Weh klager nicht weit. Bewegt er sich nach oben, hört man Frohlocken.“ Beides sei nicht angebracht, sagt Dueck. „Der Anteil der Jazzkäufer scheint in Deutschland bei diesem einen Prozentpunkt zu liegen, alles darüber sind Sondereffekte – wenn beispielsweise ein Gregory Porter, ein e.s.t. Trio oder ein Roger Cicero ein Publikum in größerer Zahl erreichen, das sonst nur gelegentlich Jazz hört oder bisher noch gar nicht hörte.“ In normalen Jahren repräsentierten die geringeren Zahlen eben die Aficionados. „Höhere Anteile entstehen, wenn der Vertrieb die Veröffentlichung auf Pop umschlüsselt, um die prestigeträchtigeren Popcharts zu erreichen, und wenn bei nachlassenden Verkäufen wieder auf Jazz zurückgeschlüsselt wird, um wenigstens dort noch auf die Plätze zu kommen – frei nach dem Grundsatz des Vertrauens in die selbst gemachte Statistik.“ Hier seien verfälschende Einflüsse zu berücksichtigen. Hinzu komme, dass die Konzertverkäufe nicht erfasst werden. „Mit der extremen Ausdünnung des Jazzangebots im Einzelhandel kaufen Jazzliebhaber nach meiner Beobachtung häufiger eine CD direkt nach einem gelungenen Konzert – weil sie befürchten, sie sonst eventuell nicht mehr zu finden.“ Das allerdings sei reine Spekulation, räumt Dueck ein, denn verlässliche Zahlen der Konzertverkäufe gebe es nicht. „Für uns Jazzplattenfirmen ist der Marktanteil ohnehin keine Qualitätsaussage: Jazz als wichtige Kunstform zu erhalten und zu vermitteln, ist die Basismotivation. Allerdings ist diese Aufgabe ohne wirtschaft – lichen Erfolg auf Dauer nicht zu schaffen.“ Daher hoffe er sehr auf eine breitere Diskussion und Wahrnehmung in den kommenden Jahren. Duecks Fazit: „Es ist egal, ob der Umsatzanteil ein oder zwei Prozent am Gesamtmarkt beträgt. Die Lage für Jazzlabels – und gerade für die unabhängigen, inhabergeführten, ambitionierten – war und bleibt prekär.“

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