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Dossier: Auf der Suche nach dem Supertalent

Zum Jahreswechsel bat MusikWoche Branchenmenschen um ihr Fazit der vergangenen zwölf Monate und um ihre Einschätzung der Herausforderungen fürs kommende Jahr. Dabei lautete die Fragestellung: „Angenommen, die deutsche Musikbranche hätte in Berlin und Brüssel einen Generalbevollmächtigten, einen Cheflobbyisten – welche Vorstellungen, Visionen, Maßnahmen sollte er im kommenden Jahr als erste Prioritäten versuchen umzusetzen?“ Die Antworten kamen zahlreich, und sie fielen so vielschichtig und unterschiedlich aus wie die Arbeitsgebiete der Teilnehmer: Vom Plattenfirmenmanager über den Musikverleger bis zum Konzert veranstalter hat jeder ganz eigene Vorstellungen, was 2011 zuerst umzusetzen sei. Und weil es im Musikgeschäft in erster Linie um die Verwertung kreativer Arbeit geht, kommen auch die Künstler selbst zu Wort. Fortsetzung folgt.

Jens Michow, Präsident bdv – Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft: Wir sollten uns, bevor wir Erwartungen an einen derartigen Generalbevollmächtigten formulieren, zunächst die Frage stellen, ob seine Funktion überhaupt sinnvoll wäre. Ich habe ja in der Vergangenheit immer mal wieder dafür plädiert, dass die Musikbranche ihre Interessen bündeln und gegenüber den Behörden und Politikern mit einer Stimme auftreten sollte. Heute habe ich aber zunehmend Zweifel, dass der von Ihnen angedachte Zentralbeauftragte eine sachdienliche Lösung wäre. Die Herausforderungen allein der Tonträger-, Musikverlags- und Konzertveranstaltungsbranche, die ja nur ein Teil der Gesamtbranche sind, sind bereits derart spezifisch und vielschichtig, dass wir einen Übermenschen bräuchten, wenn er all diese Themen beherrschen und gleichgewichtend nach außen vertreten sollte. Wir schaffen das ja noch nicht einmal auf nationaler Ebene. Dabei bezweifle ich keineswegs, dass sich die Interessen unter einen Hut bringen ließen. Aber wenn ich täglich erlebe, wie schwierig es ist, Unternehmern aus den jeweils anderen Bereichen die aktuellen Probleme der Veranstaltungsbranche überhaupt nur verständlich zu machen, kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass ein Lobbyist mit gleicher Energie und Sachkenntnis die Probleme so letztlich dann doch verschiedener Wirtschaftszweige vertreten kann. Aber wenn Sie tatsächlich möchten, dass ich einmal träume: Eines unserer vorrangigen Themen der nächsten Monate wird sein, den beschränkten Steuersatz für den Verkauf von Eintrittsberechtigungen für Konzert und Theater zu erhalten. Gelingt uns das nicht, wird sich das ohnehin bereits häufig genug gescholtene Kartenpreisreisniveau nochmal zwangsläufig drastisch nach oben München – Zum Jahreswechsel bat MusikWoche Branchenmenschen um ihr Fazit der vergangenen zwölf Monate und um ihre Einschätzung der Herausforderungen fürs kommende Jahr. Dabei lautete die Fragestellung: „Angenommen, die deutsche Musikbranche hätte in Berlin und Brüssel einen Generalbevollmächtigten, einen Cheflobbyisten – welche Vorstellungen, Visionen, Maßnahmen sollte er im kommenden Jahr als erste Prioritäten versuchen umzusetzen?“ Die Antworten kamen zahlreich, und sie fielen so vielschichtig und unterschiedlich aus wie die Arbeitsgebiete der Teilnehmer: Vom Plattenfirmenmanager über den Musikverleger bis zum Konzert veranstalter hat jeder ganz eigene Vorstellungen, was 2011 zuerst umzusetzen sei. Und weil es im Musikgeschäft in erster Linie um die Verwertung kreativer Arbeit geht, kommen auch die Künstler selbst zu Wort. Fortsetzung folgt. 51/2010 9 das war 2010.dossier ent wickeln. Wie unzumutbar das ist, ist hinreichend bekannt. Ebenso dramatisch wäre es, wenn die Politik auf die Idee käme, dass dem Konzert- und Theater – bereich mit einer generellen (Umsatz-) Steuerfreiheit gedient wäre. Allein mit der Lösung dieser sehr veranstaltungsspezifischen Probleme hätte ein Chef lobbyist alle Hände voll zu tun. Ich bezweifle, dass ihm da für die Probleme der nächsten Urheberrechtsreform Zeit bleiben wird. Denn er muss sich parallel unbedingt und nachhaltig auch noch für die Dienstlei – stungsfreiheit und den dann hoffentlich entstehenden Wettbewerb der europäischen Verwertungsgesellschaften einsetzen (die Musikverleger, für die er ja auch tätig wäre, dürfte das kaum freuen). Man hört soeben, dass ein derzeit in der Abstimmung zwischen Bund und Ländern befindlicher Erlass zur beschränkten Steuerpflicht erneut gegen europäisches Recht verstoßen könnte. Da bräuchten wir dringend die Unterstützung eines solchen Mannes in Brüssel. Schön wäre es also sicher, ihn zu haben. Aber ich fürchte, dass dieses Supertalent erst noch erfunden werden muss. Der Bundesverband blickt auf ein für ihn aufregendes Jahr zurück: 25-jähriges Jubiläum, ein neues Verbandskürzel, über unsere KSKAusgleichsvereinigung wird mittlerweile jährlich ein Abgabenvolumen von rund drei Millionen Euro abgewickelt, und unsere Mitgliederzahlen steigen ständig. Nun hoffe ich nur noch, dass die kommende Marktstudie uns den Eindruck bestätigt, dass die Umsatzzahlen der Branche wieder angestiegen sind und dass wir – wie üblich drei Tage vor Weihnachten – unsere (hoffentlich) letzten Probleme mit der GEMA lösen können. Und schließlich hoffe ich, dass LEA 2011 in der Frankfurter Festhalle ein großer Erfolg wird. Dann können wir ganz zufrieden sein. 3 Foto: elvira gerecht/fotolia.com 10 51/2010 dossier.das war 2010 Wolfgang Hanebrink, Chairman EMI Music: Ich wünsche mir, dass Urheber- und Lei – stungsschutzrechte in der Politik endlich einen Stellenwert erhalten, der den Künstlern, Managern und Unternehmen Respekt für ihre Leistung und ihren täglichen Einsatz zollt. und keine Politik, die künstlerisches Schaffen unter dem Gesichtspunkt des Verbraucherschutzes diskutiert. Ich wünsche mir, dass unsere Künstler nicht miterleben müssen, wie ihre Rechte aus der Schutzfrist her ausfallen und von Dritten kostenlos ausgewertet werden können, und hoffe, dass die ungarische Ratspräsidentschaft in der EU diese unbefriedigende Situation ändern wird. Ich wünsche mir, dass noch weitere branchenbele – bende Streamingplattformen im nächsten Jahr auf dem deutschen Markt an den Start gehen. Ich wünsche mir, dass Helene Fischer mit Orchester noch bezaubernder singt, dass Herbert Grönemeyer die Stadien auch 2011 wieder zum Toben bringt, dass Pur „akustisch“ ihre Fans begeistern und dass auch alle anderen Künstler und Marktbegleiter ein hoffentlich erfolgreiches und spannendes 2011 erleben. Jörg Heidemann, VUT – Verband unabhängiger Musikunternehmen: Wikileaks enthüllt: Es ist Ende 2010 und kurz vor 2011. Aha! Gerhard Polt stellt fest: „Wir sind so vernetzt wie nie zuvor, und wir kommunizieren so viel miteinander wie nie zuvor. Andererseits sehe ich überall Menschen, die wie Karpfen aneinander vorbeischwimmen.“ Ja! Deswegen bitte alle einmal Jaron Lanier lesen: „Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht“. Im Jahr 2010 machte ich zunächst die Erfahrung einer Insolvenz mit einer geliebten Idee (MDM). Nicht gut! Kurz durchatmen und dann das Aben – teuer VUT und damit die Chance, der Leidenschaft für Musik und Musiker verbunden zu bleiben. Sehr gut! 2011 brauchen wir weiter spannende, aufregende Musik, Orte wo man sie entdecken und kaufen kann – Radio, Print, Fachgeschäft, Mail – order, digitale Welten und die Empfehlung von Mensch zu Mensch. Wir brauchen zudem eine reduzierte Mehrwertsteuer für alle Kulturgüter, Bewusstsein dafür, dass Musiker auch von irgendetwas leben müssen und eine freiwillige Arbeitslosenver – sicherung für alle Selbstständigen. Wir brauchen definitiv kein neues Urheberrecht und auch keines der diskutierten Kulturflatratemodelle, die wie alle gängigen Verteilungssysteme eher die Kleinen vernachlässigen. Ich freue mich auf die kommenden deutschen Indie-Charts, die Verleihung der Indie-Axt 2011, tolle Kollegen und auf alle, die ich liebhaben darf und die mich liebhaben. Bernd Hocke, General Manager Edel AG: Für unser Unternehmen verlief das abgelaufene Jahr an sich ausgesprochen erfreulich. Strategien aufgegangen, Zahlen gut, Ruhm, Ehre, Gold und Platin – das klingt erstmal prima. Auch die musikalische Wetterlage in Deutschland erschien mir von mehr Sonne beschienen als sonst, war fast heiter. Ob man das nun mag oder nicht: Danke, Lena, danke, Graf, danke, Stefan Raab. Aber auch in 2010 vergeht nahezu kein Tag, an dem wir aus der Industrie uns nicht über Politikerstatements zur Gesetzeslage ärgern müssen. Im Prinzip – und natürlich klingt das drastisch – ist das Urheberrecht nur noch ein Schatten seiner selbst. Man kann es doch nur noch als überkommene Anregung zur freundlichen Beachtung von Eigentumsrechten ansehen. Es ist eher eine Empfehlung – noch nicht mal ein Appell – zum Schutz des geistigen Eigentums. Diese Vorschrift hat einen noch lächerlicheren und zum Verstoß einladen- Feilen an Steuersätzen und Urheberrechten (v.l.n.r.): Jens Michow (bdv), Wolfgang Hanebrink (EMI Music) und Jörg Heidemann (VUT) Volker Putzmann, Managing Director New Yorker, schreibt einen Brief an den fiktiven Generalbevollmächtigten Sehr geehrter Herr Generalbevollmächtigter, Sie haben mit Ihrem Sitz in Berlin und Brüssel eine strategische Position, um der deutschen und europäischen Politik die Wichtigkeit unserer Branche zu verdeutlichen. Das ist keine leichte Aufgabe, aber ich bin sicher, Sie werden hierbei aktiv aus allen Bereichen der Musikindustrie unterstützt. Zuallererst würde ich mir wünschen, dass das Bewusstsein für Musik als ein kreativer Wert gestärkt wird. Und zwar über alle politischen Ressorts und über Parteigrenzen hinweg. Das fängt schon im Bereich Familie an – Kinder müssen lernen, dass Musik nicht einfach so verfügbar ist, sondern dass Musik „gemacht“ werden muss und dadurch zur kreativen Leistung und Ware wird. Die Förderung von musikalischer Früherziehung ist hierbei ein wichtiger Aspekt. Dann ist es wichtig, Netzwerke zu schaffen. Entscheider, Vordenker und Experten müssen zusammen an einen Tisch finden und in einen regelmäßigen Austausch treten. Mit dem Thema Musik muss eine einheitliche, visionäre Position bezogen werden, die den Politikern Entscheidungen abverlangt. Das funktioniert ja in anderen Bereichen schon ganz gut, zum Beispiel in der Pharmaindustrie. Bei der Musik ist das doch ähnlich, man braucht sie, um Emotionen zu erzeugen und das Wohlbefinden zu steigern. Vielleicht liegt es daran, dass Musik auf der politischen Bühne nicht auffällt, weil sie nicht „greifbar“ ist? Und mit dem zunehmenden Verschwinden physischer Tonträger auch immer flüchtiger wird? Dann ist es an der Zeit, die Musik wieder sichtbar zu machen – vielleicht wären hierzu Begriffe wie „nationales Kulturgut“ oder „geschützte musikgeographische Bezeichnung“ brauchbar? Womit wir dann schon beim Wirtschaftsministerium wären. Eine Steuererleichterung auch für die Tonträger wäre sicher machbar, dar – über hinaus ein „Rettungsschirm“ für notleidende musikalische Sparten. Vielleicht wäre es auch eine Überlegung wert, Endgeräte wie MP3-Player mit einer Verwertungssteuer zu belegen, abhängig von der Speichergröße, so dass die Inhalte auch an der Hardware beteiligt werden. Wie dem auch sei – Sie werden sicherlich nicht an Arbeitsmangel leiden. Ich wünsche Ihnen jedenfalls Will iPod-Steuer: Volker Putzmann eine baldige Realitätswerdung. 51/2010 11 das war 2010.dossier war der Gewinn des EBBA Awards ein willkommener Abschluss des Jahres 2010. Für 2011 hoffen wir auf eine Fortsetzung der guten 2010er-Bilanz, spannende Projekte sowie weiterhin Spaß und Inspira – tion bei der Zusammenarbeit mit Künstlern und unseren Branchenpartnern. Auf lange Sicht sehen wir mit Blick auf den Gesamtmarkt eine zunehmend stärkere Fokussierung auf den Adult-Bereich sowie eine weitere Konsolidierung des Marktes aufgrund eines rechtlich weiterhin schwierigen Umfeldes. Im Zuge dessen werden wir sicherlich weitere Reaktivierungen sogenannter Altstars im Umfeld der ProSieben/Sat1 Media AG erleben. Die Etablierung von Newcomern wird daher immer schwieriger in Deutschland, und die Auswertung von Künstlern aus Übersee gewinnt zunehmend an Bedeutung. Solange in der Wahrnehmung der Käufer und Wähler der Wert eines erfolgreichen Songs unterhalb dessen eines Hamburgers liegt, weil weiterhin Musik – legal oder illegal – kostenfrei im Netz konsumiert werden kann, werden Cheflobbyisten der Musikbrache in Berlin und Brüssel nichts erreichen können. Im Ausgleich der Inter – essen und im Zuge der Verhältnismäßigkeit wird beispielsweise bezüglich Vorratsdatenspeicherung der Datenschutz immer höhere Gewichtung gegenüber etwaiger besserer Verfolgungsmöglichkeiten von Urheberrechtsverletzungen haben. Michael Russ, Präsident des Verbandes der Deutschen Konzertdirektionen: Die Musikwirtschaft und ihre Strukturen haben sich in den vergangenen Jahren enorm gewandelt. Digitalisierung, Internationalisierung und damit einhergehende Änderungen im Konsumverhalten der Musikliebhaber werden auch weiterhin für Verschiebungen in der Branche sorgen – wenn auch nicht in dem Maße wie in den vergangenen Jahren. Die privaten Konzertveranstalter leisten nach wie vor einen wesentlichen Beitrag zur Vielfalt, Qualität und Internationalität des musikalischen – Lebens und zu Aufbau und Förderung von Künstlern in Deutschland und Europa. Umso wichtiger ist es, dass die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen ein sinnvolles wirtschaftliches Handeln ermöglichen und nicht unnötig erschweren. Klare Regelungen bei der Umsatzsteuer im Bereich der Unterhaltungsmusik, ein fairer Wettbewerb zwischen öffentlicher Hand und privaten Veranstaltern bleiben Themen, für die sich der Verband der Deutschen Konzertdirektionen auch im Jahr 2011 weiterhin einsetzen wird. Auch die Tarifverhandlungen mit der GEMA im Bereich U-K bleiben momentan ein wichtiges Betätigungsfeld. Michael Schacke, Geschäftsführender Gesellschafter undercover: Wichtig wäre, dass die Tragödie der Love Parade nicht dazu führt, dass den professio – nellen, seriösen und erfahrenen Veranstaltern die Arbeit durch weitere Auflagen – und geprägt durch Aktionismus – erschwert wird. Als weiteres Arbeitsfeld gilt sicherlich, Planungssicherheit im Bereich der Umsatzsteuerproblematik zu erzielen, und last but not least fände ich es wünschenswert, Initiativen zur Förderung der Newcomerarbeit, sowie die Erhaltung der Clubkultur ins Visier zu nehmen. Für undercover war 2010 ein aufregendes, tolles Jahr mit großartigen Silbermond- Open-Airs, mit erfolgreichem Silly- Management-Debut und innovativen Eigenproduktionen rund um Braunschweig. Dagmar Sikorski-Großmann, Präsidentin des Deutschen Musikverleger-Verbands: Die größten Probleme der Musikbranche stellen sich nach wie vor im Zusammenhang mit der Digitalisierung und der technologischen Weiterentwicklung, die leider immer noch mehr Risiken als Chancen mit 3 deren Charakter als das Personenbeförderungsgesetz. Wir – und damit meine ich handelnde Personen aus allen Bereichen, vor allem natürlich aus der Politik – haben der Entwertung dessen, was wir lieben – Musik, Kunst, Kultur – nicht mehr entgegenzusetzen als lobby istisches Gerede. Dass Künstler dies als Verrat empfinden, kann ich ausgezeichnet nachfühlen. Diese unselige Laviererei ist mehr als nur ein Wermutstropfen in ansonsten eigentlich hoffungsvollen Zeiten. Jörg Hottas, Geschäftsführer aktiv Musik Marketing: Gut ist, dass es 2010 mit der zweiten Plattenladenwoche gelungen ist, die Initiative als jährlich wiederkehrende Veranstaltung für den Fachhandel zu etablieren. Schlecht ist, dass die Wertigkeit von Musik auch 2010 durch idiotisches Preisdumping weiter geschrumpft ist. Themen für 2011 in Berlin und Brüssel sollten nach wie vor ein wirkungsvoller, kompromissloser und zeitgemäßer Schutz des geistigen Eigentums, eine Anpassung des Mehrwertsteuersatzes für das Kulturgut Musik in Form von Ton- und Bildträgern an die Literatur und eine Bildungspolitik sein, die Musik in den Lehr – plänen adäquat berücksichtigt und junge Menschen nachhaltig motiviert, ab und zu Computertastaturen gegen Musikinstrumente auszutauschen. Wenn davon etwas ins Rollen käme und der dadurch entstehende Mehrwert nicht gleich wieder durch Preisdumping zunichte gemacht würde, könnte für die gesamte Branche mittelfristig wieder mehr Quantität entstehen. Andreas John und Erik Macholl, Geschäftsführer JMC Music: Wir blicken auf das bisher erfolgreichste Jahr der Firmengeschichte zurück. Mit über 700.000 verkauften Einheiten des Debütalbums unserer Künstler The Baseballs in Kontinentaleuropa, UK und Australien konnte erstmals ein Act nicht nur in Deutschland, sondern inter – national gebreakt werden. Nach zahl – reichen Platin- und Gold-Auszeichnungen sowie dem Echo Newcomer Award Sehen trotz schwieriger Rahmenbedingungen auch Chancen für das Kulturgut Musik (v.l.n.r.): Bernd Hocke (Edel), Jörg Hottas (aMM) sowie Andreas John und Erik Macholl (JMC Music) 12 51/2010 dossier.das war 2010 sich bringen. Da bekanntlich das Recht der Technik immer hinterherhinkt, müsste 2011 eine juristische Aufholjagd erfolgen. Unseres Erachtens müsste dieser „Generalbevollmächtigte“ sich gleich um zwei Baustellen kümmern: Die erste Baustelle betrifft die Regelung der kollektiven Lizenzierung von Musik bei der Onlineverwertung in der EU. Über dieses Thema wird ja bereits seit vielen Jahren diskutiert. Eine befriedigende rechtliche Grundlage gibt es aber immer noch nicht. Letzte größere Aktion aus Brüssel war 2005 die sogenannte Online-Empfehlung der Kommission. In allen Mitteilungen, Verlautbarungen und Informationen aus Brüssel wird regelmäßig auf den Aspekt des Wettbewerbs hingewiesen, gegen den im Prinzip nichts einzuwenden ist. Allerdings muss dabei die spezifische Situation der Urheber berücksichtigt werden, was leider oftmals nicht geschieht. Einen Wettbewerb zulasten der Autoren mit einer sich nach unten drehenden „Tarifspirale“ darf es nicht geben. Wir wünschen uns deshalb, dass dieser Komplex EU-weit im Sinne der Urheber und Rechteinhaber durch eine vernünftige rechtliche Grundlage geregelt wird. Diese könnte ohne weiteres so aussehen, wie kürzlich in einer juristischen Fachzeitschrift beschrieben worden ist. Dort haben zwei Juristen, unter anderem ein Mitarbeiter eines Berliner Musikverlages, vorgeschlagen, ein Kooperationsmodell der Verwertungsgesellschaften einzuführen, das sich an die bewährten Modelle im analogen Bereich anlehnt und Regelungen enthält, wie sie bereits in den Santiago- und Barcelona-Abkommen festgelegt wurden. Der zweite große Komplex betrifft die Tatsache, dass nach wie vor die legale Verwertung von Musik durch die massive illegale Nutzung stark behindert wird – also schon wieder ein Onlinethema. Hier müsste endlich der Gesetzgeber einschreiten. Modelle gibt es hierzu genug. Wir wissen, dass das sogenannte Three-Strikes-Modell beispielsweise von der Bundesjustizministerin abgelehnt wird. Allerdings halten wir auch ein Verwarnmodell für nützlich, so, wie dies auch der Kulturstaatsminister Bernd Neumann unterstützt. Für dringend erforderlich halten wir zudem eine Regelung, die die Providerhaftung verschärft und hier endlich die fehlende freiwillige Zusammenarbeit durch eine gesetzliche Verpflichtung regelt. Wichtig ist, dass bei jeder gesetzlichen Regelung die besondere Bedeutung des Urheberrechts und die hohe Schutzwürdigkeit der Kreativen beachtet werden und diese nicht zum Beispiel den Forderungen des Verbraucherschutzes untergeordnet werden. Im zu Ende gehenden Jahr haben wir mit Interesse die (Neu-)Ausrichtung der verschiedenen Netzwerkplattformen der Musik – industrie beobachtet: Mit dem Reeperbahnfestival, der Berlin Music Week und der c/o pop gibt es drei Veranstaltungen in Deutschland, die sich auf unterschiedlichste Weise mit der Branche auseinandersetzen. Mit all den internationalen Veranstaltungen – von Midem bis zur Womex – wird beinahe das ganze Jahr hindurch über, mit und um die Branche diskutiert. Inwieweit sich die deutschen Messen dabei positionieren und etablieren, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Interessante Ansatzpunkte gibt es jedenfalls genug. Nur bitte keine Panels zum Thema „Die Zukunft der Musikindustrie“. Aus Sicht der Musikverlage war sicher auch die außerordentliche GEMA-Mitgliederversammlung im März in Berlin ein Novum, auf der eine wichtige Änderung des Berechtigungsvertrages beschlossen wurde. Das Ergebnis war eindeutig und für Autoren wie für Musikverleger positiv. Aus Verbandssicht waren zudem – neben der obligatorischen Mitgliederversammlung, die den DMV in diesem Jahr in das Zentrum der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 nach Essen führte – die verschiedenen Workshops sehr positiv. Diese erfreuen sich mittlerweile großer Beliebtheit und bieten regen Erfahrungsaustausch zwischen den Musikverlagen, ob zu GEMA-, Sync- oder anderen Themen. Die Workshops werden 2011 weiter ausgebaut und verstärkt angeboten. Frank Stratmann, Groove Attack, GoodToGo, Rough Trade Distribution: Für einen Cheflobbyisten hätte ich schon ein paar Punkte auf meinem Wunschzettel: Da wäre einmal die längst überfällige Regelung zwischen GEMA und YouTube. Dringend nötig wäre in diesem Zusammenhang ebenfalls eine Einigung für die mechanischen Rechte bei Downloads – hier führt das jahrelange Verhandeln nur dazu, Geschäfte zu verhindern. Weiterhin ist nicht nachvollziehbar, warum die Mehrwertsteuer nicht endlich auch analog zu anderen Kulturgütern angesetzt wird. Anson – sten konzentrieren wir uns auf unsere eigene Arbeit und haben zwei Jahre nach dem Kauf der Firma Rough Trade, dem Zusammenschluss unserer Vertriebe und der Neugründung der Servicegesellschaft GoodToGo sowie schließlich im ersten Jahr der gemeinsamen Arbeit von unserem Kölner Standort aus 2010 sehr viel erreichen können. Gute Arbeit wird belohnt, und es ist auch in diesem Jahr – ohne einen Cheflobbyisten – noch möglich, erfolgreich zu sein. So konnten wir unseren Chartsanteil deutlich steigern und sind in diesem Jahr der erfolgreichste unabhängige Musikvertrieb. Nicht zuletzt durch starke Veröffentlichungen wie von Katie Melua, das zweite Album von Philipp Poisel, das Comeback-Album von OMD, dem Gold-Erfolg von Paul Kalkbrenner – aber auch viele Überraschungen wie das Album von Gisberth zu Knyphausen, das unglaubliche Golddebut von Anna F. in Österreich und viele weitere – konnten wir in diesem Jahr den Umsatz um über 20 Prozent steigern. Besonders gefreut hat mich persönlich das entgegengebrachte Vertrauen der Labels Mute, Domino, Paul Kalkbrenner Musik und Grönland, die alle 2010 mit uns Verträge geschlossen haben. Wir sehen positiv in die Zukunft und freuen uns auf ein spannendes Jahr 2011. Blicken voraus: Michael Russ (l.), Michael Schacke und Dagmar Sikorski 51/2010 13 das war 2010.dossier 2010 aus dem Blickwinkel der Kreativen: Erfolge, Tourneen und das Streben nach Bestand München (mw) – Hier kommen die Musiker selbst zu Wort und ziehen ein Fazit des verflossenen Jahres. Mehr Statements mit dem Ausblick auf die Herausforderungen für das kommende Jahr folgen im ersten MusikWoche-Heft 2011. Was waren die einschneidendsten Ereignisse oder Entwicklungen in der Musikbranche? Was waren 2010 Ihre persönlichen Highlights als Künstler? Lassen das Jahr 2010 für MusikWoche noch einmal Revue passieren (oben, v.l.n.r.): The Baseballs, der Klostertaler Markus Wolfahrt, Heinz Rudolf Kunze und Gregor Meyle sowie (unten, v.l.n.r.) Xavier Naidoo, Semino Rossi, Ragna Schirmer und Stoppok Xavier Naidoo: Mit Laith Al-Deen auf unserem Konzert in der SAPArena in Mannheim zugunsten des RTL-Spendenmarathons „The Power Of Love“ von Frankie Goes To Hollywood zu singen. Stoppok: Die Veröffentlichung meines ersten englischsprachigen Titels in Indien. Hätte nie gedacht, dass man mich dazu überreden könnte, englisch zu singen. Ich habe in Kalkutta wunderbare Musiker getroffen, mit denen die Kombination meiner Songs und der indischen Musik außergewöhnlich gut funktioniert. Markus Wolfahrt von den Kloster – talern: Jedes einzelne der knapp 100 Konzerte unserer Abschiedstournee von März bis zum finalen Open-Air im Klostertal am 14. August mit über 30.000 Menschen waren unsere Highlights in 2010. Ein krönender Abschluss nach 34 erfolgreichen Klostertaler-Jahren. The Baseballs: Für The Baseballs war 2010 ein unglaubliches Jahr mit vielen Erfolgen und großartigen Erfahrungen. Mit unserem Debütalbum „Strike!“ sind wir viel rumgekommen, eine besondere Anerkennung waren dabei die Top-Platzierungen und Gold- und Platinauszeichnungen in Ländern wie Belgien, Dänemark, Finnland, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Schweden, der Schweiz, und in Großbritannien. Auch die Auszeichnungen als „Bester Newcomer national“ beim Echo 2010 sowie „Erfolgreichstes Album“ und eine Nominierung bei den finnischen EMMA Awards waren eine große Ehre für uns. Wir haben Fans in ganz Europa und zuletzt sogar in Südamerika, Australien und Neuseeland gewinnen können. Ein ganz persönliches Highlight für uns war die Reise nach Memphis. Diesen Erfolg haben wir natürlich einem starken Team bei Warner Music, unseren Fans, aber nicht zuletzt auch der sehr erfolgreichen Arbeit in den Social Media zu verdanken, die sicher 2010 für die gesamte Musikbranche ein immer wichtigerer Part bei der erfolgreichen Vermarktung von Künstlern geworden sind und ganz neue Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen eröffnet haben. Heinz Rudolf Kunze: 2010 habe ich viel live gespielt, besonders in der ersten Jahreshälfte. Nach dem ganz ansehnlichen Erfolg meines Albums „Protest“ und der entsprechenden Bandtour 2009 stand die Bühne in diesem Jahr unter anderen Vorzeichen, ich tourte mit meinem kleinen literarisch-musikalischen Programm „Räuberzivil“ und mit „Gemeinsame Sache“, meiner Kooperation mit Purple Schulz, die es im Lauf von dreieinhalb Jahren immerhin nunmehr auf rund 180 Shows gebracht hat – das meistgespielte Programm meines Lebens. Die zweite Jahreshälfte stand vor allem im Zeichen der Studioarbeit – ich habe, jetzt wieder mit meiner eigentlichen Band, mein neues Album „Die Gunst der Stunde“ aufgenommen, das im Januar 2011 erscheint. Der entscheidende Mutmacher für die Branche dürfte wohl der Grand- Prix-Erfolg von Lena und Stefan Raab gewesen sein – und Mut braucht die Branche ja auf jeden Fall in diesen schwierigen Zeiten, deren Entwicklungen für uns alle ansonsten genügend Anlässe zur Sorge liefern. Gregor Meyle: 2010 war für mich ein sehr wichtiges Jahr. Meine zweite Platte „meylenweit“ kam auf die Welt. Fast zwei Jahre haben wir daran gearbeitet. Für mich ein ganz großer Schritt nach vorne – und durch die vielen Konzerte wachse ich mit den Auf – gaben. Ich freue mich jeden neuen Tag, an dem ich als Musiker aufwachen darf. Von der restlichen Musikbranche habe ich keine Ahnung. Außer dass sich, wenn man viel unterwegs ist, der Eindruck verstärkt, dass sich die Leute nach erdigen und eigenständigen Künstlern sehnen, und dass ich mich deshalb sehr freue, auf dem absolut richtigen Weg zu sein. Semino Rossi: Vor allem die Tournee! Es war ein tolles Gefühl für mich, dass mich meine Tournee in sieben europäische Länder geführt hat. Ich durfte mit mehr als 200.000 Besucherinnen und Besuchern meine Musikabende teilen. Ragna Schirmer: Das Jahr 2010 war sehr bunt. Ich habe viel gespielt, viel erlebt. Die einschneidendsten Ereignisse waren für mich diejenigen, die mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ zu tun hatten. Artist In Residence beim Heidelberger Frühling zu sein, dort viermal aufzutreten, ist ein Beispiel dafür. Mich kulturpolitisch zu engagieren ein weiteres. Oder ein neues Stück zu entdecken und mit dem Komponisten Guillaume Connesson beim ImPuls-Festival aufzuführen. In der Musikbranche beobachte ich glücklicherweise eine ähnliche Tendenz. Es gibt nicht mehr ganz so viele kurzfri – stig hochgepuschte Künstler und Projekte, sondern wieder das Bestreben nach Bestand, nach Dauer, nach ehrlicher und nachhaltiger Aussagekraft. Ich hoffe, das setzt sich fort.

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