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Dossier: Auf der Reeperbahn nachts um halb eins …

Die zweite Ausgabe des Reeperbahn Campus und die bereits fünfte Ausgabe des Reeperbahn Festivals lenkten die Blicke der Musikbranche für drei Tage nach Hamburg. Nur kurz nach der Berlin Music Week mit Popkomm, a2n und Berlin Festival drängten sich Vergleiche nahezu auf, doch mit dem Fokus auf Live Entertainment hatte die veranstaltende Agentur Inferno Events in der Hansestadt bewusst einen anderen Schwerpunkt gesetzt als die Kollegen in der Hauptstadt. Und dieser wurde angenommen: Mit 17.000 Festivalbesuchern in den Clubs und 1500 Fachdelegierten bei der Branchenkonferenz blieben die Zahlen auf Vorjahresniveau.

“Ich bin sehr zufrieden“, schwärmt ein sichtlich begeisterter Karsten Jahnke, der einst das Reeperbahn Festival mitbegründet hat, am Freitagabend auf der Warner Music Night im ausverkauften Gruenspan. „Ich komme gerade vom Donovan-Konzert, habe aber auch sehr viele junge Bands gesehen. Diese Vielfalt ist faszinierend.“ So viel als Fazit des Festivals. Ein abwechslungsreiches, informatives und unterhaltsames Programm prägte dann auch den Reeperbahn Campus, den man am Vortag mit Politprominenz glanzvoll im Schmidt Theater eröffnet hatte. Kulturstaatsminister Bernd Neumann hatte den Startschuss für Reeperbahn Festival und Campus gegeben und die Strahlkraft des Events herausgestrichen. „Das Reeperbahn Festival ist nicht einfach ein lokales Ereignis, sondern vielmehr eines, das regionale und internationale Auswirkung auf die 3 40/2010 9 Foto: Matias Boem 10 40/2010 dossier.reeperbahn Welt der Musik hat.“ Neumann hob außerdem die wirtschaftliche Bedeutung der Kreativbranchen sowie Hamburgs Rolle als Musikmetropole hervor: „Hamburgs groß artige Musiktradition und die einzig – artige Atmos phäre seiner vielen Clubs machen das Reeperbahn Festival zu etwas ganz Besonderem. Musik, die hier erstmals live gespielt wurde, setzte Standards und wurde oftmals weltberühmt.“ Auch Alexander Schulz als Geschäftsführer des Veranstalters des Reeperbahn Festivals und der Erste Bürgermeister der Hansestadt Hamburg, Christoph Ahlhaus, steuerten Grußworte bei. Ahlhaus bezog sich in seiner Rede unter anderem auf das Bild des nicht kopierbaren Live-Ereignisses: „Im Zeitalter der Musik aus der Konserve, in dem sich jeder, wann und wo er will, beinahe jedes Lied aus dem Internet herunterladen kann, müssen wir alle Anstrengungen unternehmen, Musik aus der virtuellen Welt wieder zurück auf die realen Bühnen zu holen.“ Dem Reeperbahn Festival gelinge es bereits seit Jahren, „die Bedeutung der Livemusik wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen“ zu rücken. Viele Sympathiepunkte erntete Schulz anschließend, als er sein Team auf die Bühne bat und die Mitarbeiter einzeln vorstellte. Danach betrat Branchenlegende Seymour Stein die Bühne und erzählte in seiner Keynote Anekdoten von Madonna, die er einst entdeckt hatte. Hamburger Lokalpatriotismus Gefragt nach deutschen Bands, die er schätzte, nannte Stein mit sicherem Gespür für die lokalpatriotische Stimmung des Publikums die 1968 in der Hansestadt gegründete Gruppe Nektar. Zum Ham – burger Lokalpatriotismus hatte sich kurz zuvor auch Bernd Dopp, Chairman & CEO Warner Music Central & Eastern Europe, bekannt: Gemeinsam mit der Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft e.V. (IHM) hatte Warner Music zum Frühstück mit geladenen Gästen der Bundes-, Landes- und Bezirkspolitik, der Hamburger Verwaltung und Musikwirtschaft sowie der Initiative Musik einge – laden. Bernd Dopp, der als Unterstützer der Reeperbahn-Events auftrat, resümierte am Ende der dreitägigen Veranstaltungen im Gespräch mit MusikWoche: „Das Reeperbahn Festival war erneut ein großer Erfolg. Die musikalische Vielfalt war beeindruckend, und auch der Campus hat sich durch die vielen interessanten Panels zu den aktuellen Themen unserer Branche hervor ragend weiterentwickelt.“ Sehr zu frie den war Dopp auch mit den Live- Auftritten seiner Künstler Frida Gold, Marina & The Diamonds und Cee Lo Green auf der Warner Music Night: „Der enorme Ansturm bringt es mit sich, dass wir ernsthaft in Erwägung ziehen müssen, mit der Warner Music Night im nächsten Jahr in eine größere Location umzuziehen. Ich gratuliere unseren Künstlern, den Veranstaltern und dem Warner-Music- Team zum Erfolg.“ Und als Erfolg müsse man die gesamten Reeperbahn-Aktivitäten bezeichnen, betont auch Mick Köppe, Agent bei A.S.S. Concert & Promotion: „Die Reeperbahn war die bessere Popkomm.“ Das findet auch sein Bonner Kollege Ernst Ludwig Hartz von E.L.Promo – tions: „Ich habe sehr gute Bands gesehen, und auch die Organisation war hervor – ragend.“ Dagegen meint Stefan Herwig, Geschäftsführer des Labels Dependent: „Der innovativste Ansatz geht eindeutig nach Köln an die c/o pop, und die Pokomm konnte als einzige Veran staltung mit wahrhaft internationalen Teilnehmern aufwarten. Sie war war trotz organisatorischer Mängel eine richtige Arbeitsmesse.“ Dagegen konnte Hamburg laut Herwig eindeutig Sympathiepunkte gewinnen: „Die beste Organisation, tolle Location, ein gutes Panelprogramm und das Festival gleich nebenan. Für den Branchenneuling ist der Reeperbahn Campus jedoch weniger lohnend, und die wirklichen Deals schließt man ehrlicherweise dann doch woanders.“ Erinnerungen ans Hyatt in Köln Dennoch punktete der Reeperbahn Campus, bei dem 150 Redner aus 20 Nationen sprachen, auch mit den angeschlossenen Networking- Events von Holländern, Skandinaviern oder Schweizern. Auch Ticketmaster hatte zu einem Empfang geladen, der Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft hielt seine Jahrestagung ab. Zudem ließen die Aftershow- Partys der O2 World Hamburg im Planet Pauli, bei der sich zu später Stunde in der Freitag- und Samstagnacht noch der harte Kern der Reeperbahn-Gänger traf, Erinnerungen an das Kölner Hyatt zu alten Popkomm-Zeiten wach werden. Womöglich hat dieser Rock’n‘ Roll-Spirit dafür gesorgt, dass aus dem Treff binnen kürzester Zeit eine etablierte und respektierte Veranstaltung geworden ist. „Der Reeperbahn Campus hat in diesem Jahr den Schritt von der Konferenz zur internationalen Bu siness-Plattform vollzogen“, sagt Detlef Schwarte, der bei Inferno Events für den Reeperbahn Campus verantwortlich zeichnet. „Speziell die thematische Fokussierung auf den Musikund Live-Entertainment-Bereich fand großen Zuspruch.“ Und Alexander Schulz merkt an: „Wir haben 2010 noch kon – sequenter als zuvor den Ansatz verfolgt, Deutschlands größtes Clubfestival als qualitäts orientiertes Entdeckerfestival zu positionieren. Das hat sich als großer Erfolg erwiesen.“

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