“Das Reeperbahn Festival entwickelt sich her – vorragend“, lobt Bernd Dopp, Chairman und CEO Warner Music Group Central & Eastern Europe, die Veranstaltung, die vom 20. bis 22. September auf St. Pauli über die Bühne ging. Es sei das Treffen der Musikbranche in Deutschland, sowohl musikalisch als auch was den internationalen Zuspruch betrifft. In der Tat konnte man vor Ort fragen, wen man wollte – fast durch die Bank fielen die Kommentare zur siebten Ausgabe des Events positiv bis euphorisch aus. „Das Reeperbahn Festival hat einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht – und das in jeder Hinsicht“, findet zum Beispiel Stephan Thanscheidt, zuständig für Festivalbooking bei FKP Scorpio, im Gespräch mit MusikWoche. Auch Stefan Herwig, Geschäftsführer Mindbase Music/ Dependent, bekräftigt: „Das ist das beste deutsche Branchenevent seit fünf Jahren.“ Der Erfolg schlägt sich nicht zuletzt in den Zahlen nieder: So ging Reeperbahn Festival & Campus 2012 mit einer Rekordbeteiligung über die Bühne: Nach 1532 Fachbesuchern 2011 kamen in diesem Jahr 2124 Delegierte, das entspricht einem Zuwachs von 40 Prozent. Und alle 2124 Teilnehmer hätten ihre Pässe auch abgeholt, betonte Detlef Schwarte, Geschäftsführer der Agentur Inferno Events, auf der abschließenden Pressekonferenz. „Wir haben keine Karteileichen.“ Stolz mache ihn auch die „deutliche Steigerung“ der bezahlten Akkreditierungen auf 75 Prozent. Für die restlichen 25 Prozent übernahmen die Veranstalter die Regi – strierungsgebühren. Der Anteil der internationalen Professionals, die aus 29 Ländern angereist waren, betrug in diesem Jahr 40 Prozent. Dabei stellten die Dänen die größte Abordnung, gefolgt von den Niederländern, Kanadiern, Briten und Schweizern. „Daran sieht man: Der Reeperbahn Festival Campus ist einen Besuch wert“, resümierte Schwarte. Als geglückt sieht der Agenturchef auch die Zusammenarbeit mit dem Tagungshotel Arcotel Onyx am östlichen Ende der Reeperbahn an. „Wir gehen davon aus, dass wir diesen Platz d o s s i e r r e e p e r b a h n 12_MusikWoche_40_2012 auch künftig bespielen können“, kündigte Schwarte an. Der vor allem für den Konferenzteil Reeperbahn Festival Campus verantwortliche Inferno- Chef räumte dabei ein, dass die beiden Panel – räume „eine Notlösung“ gewesen seien, da die ursprünglich vorgesehenen Konferenzsäle kurz – fristig nicht mehr zur Verfügung standen. Während die umfunktionierte Suite im sechsten Stock des Hotels oft zu voll war und Hämmern im Nebenraum eine Veranstaltung empfindlich störte, litt das vor dem Hotel aufgestellte Zelt vor allem unter dem starken Wind, der an der Konstruktion rüttelte. „2013 werden wir hier andere Lösungen anbieten“, sagte Schwarte. Aber medial sei Reeperbahn Festival & Campus ein Erfolg gewesen, insgesamt hätten sich 370 Medienvertreter akkreditiert. Der NDR übertrug 80 Konzerte im Radio und schnitt 35 Shows für die Fernsehausstrahlung mit. Alexander Schulz, Geschäftsführer des Reeperbahn Festivals, zeigte sich auch mit dem Liveprogramm der Veranstaltungen sehr zufrieden. Denn parallel zum Fachteilehmerrekord stellte das mit 25.000 Besuchern ausverkaufte Clubfestival ebenfalls eine neue Bestmarke auf: Im vergangenen Jahr zählten die Festivalmacher nur 17.500 Konzertgänger. Insgesamt gab es inklusive der Kunstevents bei Reeperbahn Festival Arts mehr als 350 öffentliche Programmpunkte. Darunter fanden sich 290 Musikveranstaltungen in 60 verschiedenen Spielstätten, von denen wiederum 210 von den Machern selbst kuratierte Konzerte waren. Beim Rest handelt es sich um Showcase- Events von nationalen und internationalen Partnern, die zum Teil erstmals auch den regulären Besuchern offen standen. Insgesamt gingen 22 internationale Showcases über die Bühne. Wie in Zufrieden mit der siebten Ausgabe des Reeperbahn Festivals: die Veranstalter Alexander Schulz (links) und Detlef Schwarte den Vorjahren fanden diese bereits am Nachmittag parallel zum Konferenzprogramm und zu den diversen Matchmaking Sessions statt – weshalb Ruud Berends von musicexport.nl kritisch anmerkt. „Diese Gleichzeitigkeit wäre bei unserer Veranstaltung Eurosonic Noorderslag undenkbar. Wir trennen das zeitlich, damit unsere Delegierten die Möglichkeit haben, die Messe zu besuchen, ohne dabei Konzerte zu verpassen.“ Ungeachtet dieser spezifischen Konstellation in Hamburg erwiesen sich die Showcase-Events der inter – nationalen Partner als Anziehungspunkte für das Reeperbahn Festival. Erstmals dabei waren Luxemburg, Estland, Lettland, Portugal, Singapur und Taiwan. Ebenfalls mit eigenen Veranstaltungen vor Ort waren unter anderem die Franzosen, Kanadier, Schweden, Italiener, Israeli und die Dänen. Und auch der neugegründete Verband LiveKomm, AMV Talpa, Sparta Entertainment, Community Promotion und finetunes sowie die Zeitschriften „Rolling Stone“ und „Musikexpress“ luden zu Shows ein. Politiker versprechen Fördergelder Zu den Traditionsterminen gehören bereits Ver – anstaltungen wie „Austria Sounds Great“, der PhonoNet-Empfang, der „Swiss Business Mix“ der Schweizer oder der „Dutch Impact“. Die Nieder – länder luden neben ihrem Showcase-Event auch zu einem Businessdinner im noch nicht fertigen Restaurant R1 in den Tanzenden Türmen ein. Obwohl er sich über den Zuspruch der ersten Reeperbahn-Ausgaben der Yellow Lounge freut, zeigte sich Alexander Schulz nicht ganz zufrieden mit der Auslastung des von Universal Music Classics & Jazz organisierten Klassikkonzerts im Gruenspan, das bei einer Kapazität von 400 Besuchern nur 150 Fans anlockte. Sehr positiv sieht Schulz jedoch die musikalische Öffnung des Festivals, das neben den Klassikkonzerten in Kooperation mit den Hamburger Metal Dayz auch Metalshows anbot. Weitere Veranstaltungen gab es aus den Bereichen HipHop und Elektronik. „Die Idee, unsere Gäste beständig mit etwas Neuem zu konfrontieren, funktioniert“, sagt Schulz. „Wir freuen uns über das Vertrauen in das Festival. Offenbar haben unsere Konzertbesucher die Marke und das Konzept des Reeperbahn Festivals verstanden.“ Glücklich stimme ihn auch die Tat – sache, dass das Reeperbahn Festival ausverkauft war – trotz der Kapazitätserhöhung im Vergleich zum Vorjahr. „Es war eine einzigartige Atmosphäre, in der die Liebe zur Kunst und Musik Künstler, Besucher und Delegierte zusammengebracht hat. Kritisch sahen auch die Veranstalter die Situation der Panelräume; sie versprechen für 2013 Abhilfe. Auch medial erregte das Reeperbahn Festival mit Radio- und TV-Mitschnitten viel Aufmerksamkeit. d o s s i e r MusikWoche_40_2012_13 Genossen die siebte Ausgabe des Reeperbahn Festivals (oben von links): Alexandra Ziem, Markus Wenzel (beide Universal Music Publishing), Peter Aleksander, Frank Fenslau (beide Superstar) nach dem Auftritt von Lena; Christian Baierle (Roba), Verus von Plotho (Deezer), Cornelia Much, Anne-Manuèla Hébert (beide Midem) und Alexander Schulz (Reeperbahn Festival) beim gemeinsamen Empfang von Midem, Deezer und DMV sowie (linkes Foto) Uriz von Oertzen (Hi-Life), Moderator Steve Blame, Achim Fehlau (CMC) und Jakob Kuznicki (The Orchard) Unterwegs in St. Pauli (oben von links): Björn Bauch, Manuel Schottmüller, Hamed Shahi-Moghanni und Paul Cheetham (alle SSC Group); Michael Bisping (A.S.S.) und der Manager Peter Jenner sowie (rechtes Foto) Claudia Knittel (pop-out) und Rory Charles beim „Go Jimmee Showcase Event“; unten die Band Skinny Lister auf dem PIAS-Boot, Daniel Winkel (bureauexport Berlin), Clotaire Buche (Caramba Spec – tacles), Matthias Koch (Naïve Germany) und Emmanuelle Jeanne (bureauexport) d o s s i e r r e e p e r b a h n 14_MusikWoche_40_2012 Für letztere ist die Veranstaltung einer der wichtigsten Marktplätze in Europa.“ Diesen Stellenwert unterstrich auch die Politik, die sich beim Grand Opening des Reeperbahn Festivals am Mittwochabend im Gruenspan eingefunden hatte. Als erster Redner ging der Erste Bürgermeister von Hamburg, Olaf Scholz, auf die Bühne und gab sich solidarisch mit den anwesenden Branchenvertretern. „Wir stehen auf Ihrer Seite“, wandte sich Scholz an die geladenen Gäste, „das Urheberrecht im digitalen Zeitalter zu verfestigen.“ Er verfolge mit Sorge die heftige Debatte um das Thema und hoffe, dass ein Kompromiss zum Wohl der Künstler und der Verwerter gefunden wird. „Wir wollen weiterhin die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Musikwirtschaft schaffen“, sagte Scholz und sicherte dem Reeperbahn Festival weiter die Unterstützung der Stadt zu. Bei allen politischen Themen vergaß der Bürgermeister nicht, wo er war: So kam er zum Abschluss seiner Rede auf das neue Album von Bob Dylan, „Tempest“, zu sprechen, in dem Dylan im Song „Roll On, John“ die Erlebnisse von John Lennon im Hamburg der 60er- Jahre erwähnt, wo die Beatles ihre ersten Erfolge feierten – für Scholz ein willkommener Anlass, um einen Bogen zur Gegenwart zu schlagen. Auch heute noch wolle die Hansestadt mit Veranstaltungen wie dem Reeperbahn Festival den Kreativen einen Hafen bieten. Und so formulierte Scholz in leichter Abwandlung von Dylans Songtitel: „Roll on, Reeperbahn.“ Auch Rüdiger Kruse, kulturpolitischer Sprecher im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags, kündigte an, er werde das Reeperbahn Festival und die Musikbranche weiter unterstützen, wobei er einräumte, dass die Fördergelder im Musikbereich in Höhe von 1,5 Millionen Euro noch lange nicht an die Summen für die Filmindustrie heranreichten. Aber auch beim Film habe man einst mit nur sieben Millionen angefangen und stehe nun bei 60 Millionen Euro. Eine eben solche Entwicklung brauche die Musikwirtschaft, betonte Kruse, und so könne man erwarten, dass die Musikwirtschaft mit 20 bis 25 Millionen Euro Förderung pro Jahr ausgestattet werde. Er halte das für angemessen, sagte Kruse sinngemäß. Doch während Rüdiger Kruses Worte noch für Aufsehen sorgten, hatten draußen auf der Reeperbahn bereits die Bands das Regiment übernommen. Bis zum Sonntag erfreuten sie nicht nur Konzertbesucher, sondern auch Branchenprofis wie die englische Managerin Debra Downes von Dawson Breed Music, die nach Jahren bei Eurosonic und SXSW nun erstmals nach Hamburg gekommen war. „Nach dem Auftritt meiner Band Common Tongues in der Hasenschaukel hat ein europäischer Agent sie unter Vertrag genommen. Für mich war das Reeperbahn Festival ein voller Erfolg.“ Nicht nur für sie. Dietmar Schwenger Lyor Cohens Abschiedsbesuch auf St. Pauli Als Lyor Cohen am Reeperbahn- Donnerstag für seine Keynote die Bühne des Schmidt-Theaters betrat, wussten nur wenige, dass seine Tage als Chairman & CEO Recorded Music bei der Warner Music Group gezählt waren. An der Wahrhaftigkeit seiner Rede änderte das nichts. Denn die Prinzipien guter A&R-Arbeit, die Cohen in dem offenen, 45-minütigen Gespräch schilderte, dürften zeitlos sein. „Man muss beim Künstleraufbau der Versuchung widerstehen, eine Abkürzung zum schnellen Erfolg zu nehmen. Es erfordert viel Geduld, Ruhe und Mut, um für eine lange Zeit mit einem Künstler zu arbeiten.“ Diese Philosophie, für die Warner Music schon immer gestanden habe, zahle sich am Ende aus. Als erfolgreiche Beispiele für die A&R-Arbeit von Warner Music in Deutschland nannte er die Bands Frida Gold und Haudegen. „Ich sehe zu 100 Prozent eine Zukunft für die Majors, wenn sie ihren Job vernünftig machen. Aber wir sind immer nur so gut wie unsere Produkte.“ dis Nach der Keynote: Alex Schulz (links) begrüßte den scheidenden Warner-Manager Lyor Cohen Eröffneten im Gruenspan das Reeperbahn Festival (von links): Alexander Schulz (Geschäftsführer Reeperbahn Festival), CDU-Politiker Rüdiger Kruse, die Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler und Olaf Scholz, der Erste Bürgermeister der Hansestadt d o s s i e r MusikWoche_40_2012_15 Bevölkerten die Reeperbahn (oben von links): Martin Rutter, ein Fan, Friedrich Kraemer, Melanie Fürste (alle Universal Domestic UDP), Henrik Gümoes (A&R Consultant), Madhavi Gümoes und Julian Krohn (beide UDP) beim Lena-Konzert; Victor Rådström (Produzent), Daniel Standke und Malte Kraus (beide EMI Music), die Künstlerin Miriam Bryant, Daniel Malat (EMI), Michael Bisping (A.S.S.) und Uli Mücke (EMI); auf den Fotos rechts Frank Otto und Björn Mathes (beide ferryhouse), Harald Engel und Uli Mücke (beide EMI Music) sowie (unten) Desiree Handke und Ulrike Goebel (beide GEMA) beim Grand Opening Netzwerker: oben das PhonoNet-Team um Dietmar Schlumbohm (Mitte) sowie unten von links nach rechts Hubert Wandjo und Udo Dahmen (beide Popakademie Mannheim) beim RockCity-Frühstück; Hans-Otto Villwock (Warner Music) mit Echo-Macher Gerd Gebhardt; Mario Rossori (Poppate) und Manfred Lappé (MLConsult) beim Kosten des Kaiserschmarrns bei „Austria Sounds Great
Dossier: Alarm auf der Reeperbahn
Die Frage, ob sich Reeperbahn Festival & Campus nun eigentlich fest etabliert hat, stellt sich schon lange nicht mehr. Denn das ist ohne Zweifel der Fall. In diesem Jahr gab es jedenfalls kaum Anlass zu Kritik. Und was die Zahl der Fach- und Konzertbesuchern angeht, verzeichneten die Veranstalter wieder Rekorde. Nur windig war’s.






