Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Popularität der schwarzen Scheiben, trotz der digitalen Revolution, die sich gerade auch im DJ-Segment vollzieht, in absehbarer Zeit sinken wird. Denn die Basis der Vinylkäufer hat sich in den vergangenen Jahren deutlich in Richtung Independent und Rock verbreitert. Auch wenn Dance- und HipHop-DJs immer häufiger auf Vinyleinsatz verzichten, gehören Veröffentlichungen aus PVC (Polyvinylchlorid) bei vielen Firmen noch immer zu den stetigen Umsatzträgern. „Wir sehen nicht die Gefahr, dass plötzlich der Markt einbrechen könnte. Die Zahlen sind sehr stabil“, erklärt Stefan Grimm, A&R/Labelmanager von Cargo, dessen Firma einen Katalog von etwa 5.000 lieferbaren Titeln betreut. Diese Aussage kann auch Kai Seemann, Geschäftsführer der auf Wiederveröffentlichungen spezialisierten Firma Speakers Corner, bestätigen: „Wir hatten 2007 wieder einen leichten Zuwachs. Mittelfristig gesehen rechnen wir nicht mit einem Rückgang.“ Auch Holger Klein, Label Management bei Groove Attack, sieht keinen Anlass zu großer Sorge: „Der normale Hörer und Sammler hat im Vinylsegment wieder an Gewicht gewonnen. Was auch daran abzulesen ist, wie viele Alben aus dem Majorbereich inzwischen wieder auf Vinyl erscheinen.“ Für Stefan Grimm spielen, was die nach wie vor erstaunliche Stabilität des Genres angeht, noch andere Faktoren eine entscheidende Rolle: „Vinylkäufer sind grundsätzlich sehr treu und haben ihrem Medium nie abgeschworen, auch wenn sie zwischenzeitlich notgedrungen CDs kauften. Inzwischen ist fast jedes wichtige Album auch wieder auf Vinyl erhältlich – und zwar quer durch alle Genres. In den Neunzigern, als man glaubte, dass Vinyl aussterben würde, sicherte vor allem die HipHop- und Dance-Szene das Überleben. Jetzt gibt es keine Formatgrenzen mehr.“ Von dieser breiten Basis profitieren natürlich auch Firmen wie optimal, die eines der größten Presswerke für Vinyl in Deutschland betreibt: „optimal Media UK wird dieses Jahr erstmals im Juni mit einem Stand auf der Messe London Calling vertreten sein, wo wir mit einer Aktion den 60. Geburtstag der Vinyl-LP feiern, und zwar unter dem Motto: Vinyl is 60 – but nowhere near retirement!“, erklärt Grit Schreiber, Leitung Vertrieb/Marketing bei optimal media productions. Auch Marcel Janovsky, Account Manager Vinyl & Audio bei MPO, zeigt sich sicher, dass die Vinylschallplatte noch lange eine wichtige Rolle spielen wird: „Nachdem wir zu unserem eigenen 50-jährigen Firmenjubiläum im vergangenen Jahr das Kultformat der 7-Inch-Vinyl wieder in unser Herstellungsprogramm aufgenommen haben, können wir ganz aktuell verkünden, dass nun auch das 10-Inch-Format bei MPO erhältlich ist. Der unglaubliche Erfolg der 7-Inch-Scheibe, die seit Wiederaufnahme der Produktion die Kapazität der entsprechenden Maschine zu 100 Prozent auslastet, lässt uns erwartungsvoll dem nächsten Sonderformat entgegenblicken.“ Dass sich auch im Segment der elektronischen Musik bei entsprechend hochwertigem Produkt mit Vinylschallplatten noch immer Geld verdienen lässt, zeigt die Firma Great Stuff. Das etablierte und weltweit gut vernetzte Dancelabel aus München macht mit Vinylsingles jeden Monat guten Umsatz. Doch gerade im Dancebereich wird die Konkurrenz der digitalen Files, die sich die DJs auf ihre Laptops laden, immer größer: „Seit Mitte 2007 merken wir eine deutliche Verschiebung“, erklärt Geschäftsführer Erik May. Die Absatzzahlen für 12-Inch-Vinyl gehen deutlich zurück, während die Onlineverkäufe ansteigen. Trotzdem gibt es immer noch Platten, von denen Great Stuff bis zu 15.000 Stück weltweit auf Vinyl absetzt, auch „wenn das inzwischen eine Ausnahme geworden ist“, so May. Wenn ein Hit im Club so gut funktioniert wie Lützenkirchens „3 Tage wach“, dann lassen sich damit aber immer noch fünfstellige Verkaufszahlen erreichen. Erik May glaubt sogar daran, dass gerade ein analoges Medium wie Vinyl auch neue Generationen, die sich bereits rein digital orientieren, begeistern kann. „So etwas wie eine Schallplatte kennen viele doch gar nicht mehr. Das gilt dann plötzlich wieder als cool.“ Selbst in den USA gehen die Verkaufszahlen von Vinyl-LPs in diesem Jahr plötzlich deutlich nach oben. Große Ketten wie Best Buy führen in ausgewählten Läden wieder Schallplatten, und Amazon richtete im vergangenen Herbst eine spezielle Vinylsektion ein. 2007 wurden in den USA eine Million Vinyl-LPs verkauft. Basierend auf einer Hochrechnung von Nielsen SoundScan aus den ersten drei Monaten rechnet man für 2008 mit 1,6 Millionen abgesetzten Exemplaren – immerhin ein Plus von 60 Prozent.
Dossier: 60 Jahre Vinyl
Wer hätte das gedacht? In den Neunzigern noch totgesagt, feiert die Vinylschallplatte in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag. Und als rüstiger Frührentner erfreut sie sich trotz vieler verfrühter Nachrufe bei Sammlern, DJs und Klangästheten großer Beliebtheit.





