Nicht nur die Feiertagsbeleuchtung, dank der die Straßen von Groningen Anfang Januar noch immer in festlichem Glanz strahlen, lässt in der Provinzhauptstadt in den nördlichen Niederlanden weihnachtliche Gefühle aufkommen. Auch das über die Jahre organisch gewachsene Festival, das 1986 als Bandwettbewerb zwischen holländischen und belgischen Acts unter dem Namen Noorderslag (Nordschlacht) entstand, verbreitet noch immer ein charmantes Flair, wie man es eher von Fami – lientreffen zu kennen meint. Das sieht auch Klaus-Dieter Maack, Geschäftsführer des Stuttgarter Veranstalters Contour Music, im Gespräch mit MusikWoche so. Maack war ganz am Anfang und dann noch einmal in den 90er-Jahren vor Ort und ist nun bei der Jubiläumsausgabe von EuroSonic Noorderslag wieder dabei: „Die Veranstaltung hat sich prächtig ent – wickelt. Ich mag die Atmosphäre und wie alles orga nisiert ist. Hier sind keine branchenfremden Messemacher am Werk, die Stände verkaufen wollen, sondern Leute aus der Livebranche, die wissen, um was es geht.“ Die Akzeptanz von seiten der Veranstalter wie Maack wirkt sich auf die Teilnehmerzahlen aus, die von Jahr zu Jahr größer werden. So stellten die EuroSonic- Macher mit 3000 Fachbesuchern erneut einen Besucherrekord auf – 2010 kamen nur 2800 Besucher nach Groningen. Diesmal stammten sie aus insgesamt 43 Ländern; 431 Festivals hatten Abgesandte geschickt, 292 Acts traten in den 36 verschiedenen Veranstaltungsstätten in der Stadt sowie auf den zehn Bühnen im Oosterport-Gebäude auf. Anders als in den Vorjahren war die Veranstaltung, die von der Stiftung Noorderslag und von Buma Cultuur ausgerichtet wird und vom 12. bis 15. Januar dauerte, diesmal aber nicht schon Wochen vorher ausverkauft, sondern erst im Lauf des dritten Messetags am Freitag. Das war jedoch geplant, versichert Peter Smidt, Creative Director EuroSonic Noorderslag: „Wir konnten durch einige Änderungen im Tagungsgebäude De Oosterport unsere Kapazität noch einmal erhöhen – und das mussten wir auch tun, weil vor allem die internationale Nach – frage in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist.“ Die Veranstalter erweiterten also die Kapazitäten, um auch Kurzentschlossenen noch eine Teilnahme zu ermöglichen. Mit zusätzlichen Hotelschiffen habe man auch die Zahl der verfügbaren Betten vergrößert, sagt Smidt. Mehr Platz wurde auch für die ebenfalls stetig wachsende Journalisten armada geschaffen: Dieses Jahr informierten sich 187Medienvertreter vor Ort über das Geschehen. Zudem berichteten Radio- und Kamerateams aus 24 EBU-Mitglieds – ländern vom Festival und der angeschlossenen Konferenz. Für sie wurde eigens ein neues Medienzentrum eingerichtet. Clubkonzerte in 20 Minuten ausverkauft Der sogenannte Ziggo Media Compound wurde von der niederländischen Medienfirma Ziggo gesponsert. Viele EuroSonic- Konzerte wurden im europäischen TV, Radio und online live übertragen – unter anderem in Irland, Frankreich, Belgien, Italien und Schweden. Die Verbesserung der medialen Situa – tion ist Smidt deswegen so wichtig, weil davon indirekt auch die Bands profitieren, wenn sie schließlich europaweit mehr Beachtung finden. Zum Jubi – läum hatten die Festival – macher auf dem Platz Grote Markt in der Innenstadt erstmals eine kostenlose Open-Air-Bühne errichtet. Die beiden Konzerttage am Donnerstag und am Freitag mit niederländischen Topstars wie Caro Emerald, Waylon, Kraack & Smack und Alain Clark lockten insgesamt 12.000 Fans an. Weitere 21.000 Interessierte hatten sich Karten für die binnen 20 Minuten ausverkauften Clubkonzerte gesichert. Die positive Resonanz auf das Open Air, die hohe Akzeptanz des Medienzentrums wie auch der Länderfokus auf Holland, der sogenannte Dutch Impact, sind für Smidt, Grund genug, ein insgesamt überaus positives Fazit zu ziehen: „Wir sind sehr zufrieden. Die Jubiläumsausgabe war ein großer Erfolg. Besonders gefreut hat mich, dass so viele internationale Medien nun über EuroSonic Noorderslag berichten.“ Dennoch gab es auch negative Anmerkungen. Im Gespräch mit MusikWoche kritisierte Berthold Seliger, Geschäftsführer der gleich namigen Berliner Veranstaltungsagentur, die in seinen Augen zu unkommunikative Infrastruktur im Tagungs -gebäude. „Überall war es laut, und man fand keinen Platz, um sich zum Gespräch zurückzuziehen.“ Auch das unzureichende Hotelangebot und die mitunter langen Schlangen vor besonders gefragten Konzerten störten Seliger. „Das ist bei South By Southwest besser gelöst, wo man zwar für sehr viel Geld ein Exklusivticket lösen muss, mit dem dann aber garantiert ist, dass man überall hineinkommt.“ Im Jubi – läums-Panel „25 Years Of EuroSonic Noorderslag“ wurden ebenfalls Stimmen mit der Befürchtung laut, die Veranstaltung könne zu groß werden oder es bereits sein. „Wir kennen diese Gefahr“, entgegnet Smidt. „Wir wollen nicht immer noch größer werden und bei den Zahlen wachsen. Zudem versuchen wir, nicht mehr als 250 Bands zu präsentieren – auch wenn uns das nicht immer gelingt, weil einfach eine zu große Nachfrage besteht.“ Stattdessen wolle man die Qualität steigern, indem man sich intensiver um die Delegierten kümmere, betont er. Noch besseren Nutzen wolle das Festival zudem für die Künstler bieten: „Viele warnen uns, dass wir nicht zu groß werden sollen. Aber das werden wir nicht.“ Zu klein war indes der für die Keynote-Rede von Bob Lefsetz ausgewählte Saal im Tagungsgebäude. Viele Besucher, die den wegen seiner Insider- Newsletter bekannten US-Branchenkritiker auf der Konferenz live erleben wollten, fanden keinen Platz mehr. Ein blendend aufgelegter Lefsetz improvisierte in seiner Rede dann über Begriffe, die ihm ein Glücksrad mit Worten wie „Live Nation“, „AEG“, „The Album“, „European Music“, „Justin Bieber“ oder „Secondary Ticketing“ vorgab. Trotz aller pessimistischen Prognosen für die Majors im Labelgeschäft („sie werden verschwinden“) und für Live Nation („es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Schuldenlast den Konzern erdrückt“) zeigte sich Lefsetz ins gesamt optimistisch. Eine jüngere Gene ration werde im Geschäftsleben Impulse setzen, auch wenn alles noch kleinteiliger werde. „Musik treibt nicht mehr die Kultur an wie noch in den 60er- oder 70er-Jahren, aber es gibt nichts Mächtigeres als Musik – von Sex einmal abgesehen.“ Weniger philosophisch ging es auf dem ebenfalls vielbeachteteten Panel „Green Events – Status And Vision In The Live Music Industry“ zu, bei dem Holger Jan Schmidt (Rheinkultur/Green Music Conference), Jacob Bilabel (Green Music Initiative) und Christina Tsiarta (Julie’s Bicycle) aufschluss – reiche Zahlen über die ökologische Entwicklung bei Festivals vorlegten. So sorgt das Livegeschäft für 65 Prozent des gesamten CO2-Austoßes der Musikindustrie. Um dies zu verbessern, setzt Bilabel vor allem auf höhere Energieeffizienz, Müllvermeidung und eine umweltgerechtere An- und Abreise der Fans. Die Zukunft der Festivals stand bei einem Panel im Mittelpunkt, an dem unter anderem Folkert Koopmans, Geschäftsführer FKP Scorpio, teilnahm. Er betonte, wie wichtig es sei, die Festival – besucher als Community zu begreifen, da die Leute nicht nur wegen der Musik die großen Live-Events besuchen. Für rund drei Viertel aller Teilnehmer stehe das soziale Erleben mit Gleich gesinnten und Freunden im Mittelpunkt – eine Ein – schätzung, die sicherlich auch auf das Show casefestival EuroSonic Noorderslag zutrifft
Dossier: 25 Jahre Eurosonic Nooderslag – Familientreffen live
Seit 25 Jahren ist EuroSonic Noorderslag fester Treffpunkt der internationalen Livebranche, die hier nach neuen Acts Ausschau hält. Doch das Geschäftliche ist nicht allein der Grund für den von Jahr zu Jahr zunehmenden Erfolg des holländischen Showcasefestivals. vielen Besuchern gefällt auch die lockere, ungezwungene Atmosphäre der Veranstaltung.





