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Dossier: 20. Echo – Jubel-Jubiläum in Berlin

Das Jubiläum ist geglückt: Die Musikbranche war von der 20. Verleihung des deutschen Musikpreises begeistert – zumindest zumeist. In manchen Medien hingegen kam Moderatorin Ina Müller nicht so gut an. Und die ewige Kritik am Echo als einem weithin an Verkaufserfolgen orientierten Preis will auch im 20. Jahr nicht verstummen.

Man kann es wohl längst nicht jedem recht machen. Selten zuvor war das brancheninterne Stimmungsbild im Anschluss an die Echo-Verleihung so positiv ausgefallen. Kaum einer der vielen Gesprächspartner auf der anschließenden Aftershow-Party hatte etwas zu meckern, viele sprachen vom besten Echo – wenn nicht aller Zeiten, so doch zumindest seit längerem. Schade eigentlich, dass die TV-Quoten das nicht ganz widerspiegelten. Schade auch, dass die mediale Kritik sich im Anschluss am ewigen Topos vom Kommerzpreis festbiss. Interessant waren auch die Reaktionen auf Ina Müller: Während viele Spitzenkräfte der Branche die norddeutsche Moderatorin als erfrischende Abwechslung wahrgenommen hatten, kam sie draußen weniger gut an. Klar, man muss Ina Müller nicht mögen. Aber das Echo- Publikum musste in den vergangenen Jahren gerade bei Moderatoren und Laudatoren schon so manche Geißel über sich ergehen lassen, da wirkte die Jubiläumsshow 2011 zumindest in sich stimmig und barg sogar ein durchaus unterhaltsames Überraschungspotenzial: Das lag unter anderem in den exklusiven Künstlerauftritten und dem einleitenden Medley vieler Echo-dekorierter Hits aus den vergangenen zwei Jahrzehnten begründet. Hier traf Ina Müller unter anderem auf H.P. Baxxter und Peter Maffay – und hatte mit diesem ersten Highlight viele Zuschauer gleich auf ihrer Seite. Den größten Spannungsbogen schlugen die Echo-Macher aber vom Lebenswerk zur Hall of Fame: Zunächst war Annette Humpe an der Reihe. Die Laudatio von Max Raabe hatte Schmiss und Witz, Annette Humpes Dankesworte kamen stimmig und professionell und die anschließende musikalische Einlage transportierte den Ideal-Klassiker „Berlin“ mit Unterstützung von Adel Tawil, Max Raabe und Selig vielleicht ein bisschen zu rockig, aber zumindest druckvoll ins Hier und Jetzt. Bei iTunes, als erster Download – anbieter mit dem Echo als Handelspartner des Jahres ausgezeichnet, erhielt der Song anschließend einen eigenen Platz im digitalen Schaufenster – eine Notierung in den Singles-Charts der kommenden Woche dürfte folgen. Direkt im Anschluss folgte zunächst aber die Hommage an Peter Alexander, der nach Michael Jackson aus dem vergangenen Jahr nun als zweites Mitglied posthum in die Echo Hall of Fame aufgenommen wurde. Diese Würdigung, die von einer Version von „Die kleine Kneipe“ eingerahmt war, kam gut an und darf wohl als emotionaler Höhepunkt der Jubiläumsgala gelten. Dass die Show danach tatsächlich ein wenig lang geriet – geschenkt. Denn auch beim Thema Zeit lässt es sich wohl kaum allen recht machen: So monieren die einen die Länge der dreistündigen Show, andere dagegen kritisieren, dass ein Weltstar wie Eminem, der zwar in der internationalen Urban- Kategorie einen Echo erhielt, dafür aber nicht nach Berlin reiste, nicht einmal mit einem Einspieler geehrt wurde. Teutonische Massen in der Messehalle Stattdessen gab es auf der Echo-Bühne eine ganze Reihe teutonisch angehauchter Massenaufmärsche zu sehen: Mal Matrosen, zwischendurch silberglänzende Gummiwesen beim Auftritt von Lena Meyer- Landrut oder vermummte Uniformierte mit Take That und himmlische Heerscharen bei Hurts sorgten für ein optisch eindrucksvolles Grundrauschen. Sympathiepunkte sammelten die Amigos, die mit ihrem grundehrlichen Auftreten die missmutigen Rocker von Rammstein ebenso in den Schatten stellten wie den sonnen – bebrillten Robbie Williams, der zwar selbst schon reichlich Echos erhielt, zusammen mit Take That allerdings erstmals beim deutschen Musikpreis ausgezeichnet wurde. Den ersten Echo holte auch der Produzent und Musiker Hendrik Weber alias Pantha du Prince, der sich für seine Auszeichnung mit wohlgesetzten Worten zu bedanken wusste. Herbert Grönemeyer, der zwischenzeitlich seine Single „Schiffsverkehr“ vorstellte, hielt außerdem die Laudatio auf den neu eingeführten Radio- Echo: Grönemeyer nutzte diese Chance, um sich für mehr Einsätze heimischer New – comer im Programm der Sender stark zu machen. Es täte allen gut, wenn die Radios „ein bisschen mehr junge deutsche Musik spielen würden“. Eine Chance aber haben die Echo-Macher vertan: Adele war zwar da und lieferte eine eindrucksvolle Show ab, einen Echo bekam sie jedoch nicht. Natürlich kann nicht jeder anwesende Künstler mit einem Preis geehrt werden – allerdings wäre es doch sehr schade, wenn Adele beim Echo 2012 dann längst zum Weltstar aufgestiegen, internationale Konzerte oder einen TV-Termin in den USA vorziehen sollte. Bleibt schließlich noch die Frage, ob die ARD den Echo auch fortan an einem Donnerstagabend senden will: Klar, auch hier ist man nicht frei von Zwängen, und an einem Samstagabend ist die TV-Konkurrenz eher noch größer, aber das öffentlich-rechtliche Wochen – end programm hat schon schwächer besetzte Unterhaltungsshows gesehen als eine Echo-Gala, auch wenn sie nicht gerade Jubiläum feiert.

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