Recorded & Publishing

Dieter Stemmer kritisiert Majors

Dance-Urgestein Dieter Stemmer hat sich mit einem offenen Brief an die Majors gewandt und die Freigabepolitik für Compilations kritisiert. musikwoche.de dokumentiert den Inhalt.

Einige Majors verschlafen den „zusätzlichen“ Umsatz…

Anders kann sich Dieter Stemmer, A&R-Chef bei Dance Street Records, nicht erklären, warum Firmen wie EMI oder BMG so gut wie nie an kleine Labels Freigaben erteilen, wenn es sich um Titelanfragen für Kopplungen handelt. „Wenn man in seiner Anfrage nicht mit mindestens 15.000 CDs als Verkauferwartung lügt, kann man von vornherein sicher sein, dass man keine Freigabe erhält. Meist werden die Absagen damit begründet, dass man eigene Aktivitäten derzeit laufen habe oder man sich grundsätzlich nicht an dem Kopplungsprojekt beteiligen möchte.“ Den wahren Grund vermutet Stemmer aber eher darin, dass der Aufwand für diese Companies zu groß im Verhältnis zum erwartenden Einkommen sei. „Die haben einfach kein Interesse daran, die Anfragen zu bearbeiten. Denn egal für welche Kopplung du anfragst, es gibt immer eine Absage. Dabei spielt auch keine Rolle, ob es sich um einen Uralt-Titel aus dem Katalog handelt, oder ob es eine absolute Nischenkopplung ist, die niemals bei einer Major-Company erscheinen würde.“ Dass Anfragen für aktuelle Hitware gar nicht erst versucht werden, ist Stemmer klar: „Dance Street will auch gar nicht im Charts-Kopplungsbereich mitspielen. Das würde sich für uns nicht rechnen, da uns die hohen Budgets für TV-Werbung nicht zur Verfügung stehen. Unser Kopplungsbereich ist da eher auf Nischen- und Szeneprodukte ausgerichtet.“

Dass es aber auch gutes Zusammenarbeiten mit anderen Majors gibt, weiß Stemmer zu rühmen: „Mit Firmen wie Universal, WSM oder Sony gibt es nie Probleme. Wenn die mal einen Titel nicht freigeben, hat das meist auch einen verständlichen Grund und wird nicht mit einer lapidaren Absage begründet. Mit diesen Firmen macht die Zusammenarbeit Spaß, und sie haben erkannt, dass auch eine Vielzahl kleinerer Kopplungen unterm Strich doch noch zusätzliches Geld in die Umsatzkassen bringen kann.“ Stemmer fragt, ob die Zukunft so aussehe, dass „nur noch die kleineren Labels untereinander ihr Katalogprogramm für Kopplungen austauschen? Da gibt es bereits einen regen Austausch unter den Indies. Gerade in den Bereichen Schlager, Party und Dance tauschen wir regelmäßig unsere Titel aus. Dadurch entstehen dann auch Kopplungen, wo nicht zum X-ten Mal der Titel ‚Y‘ drauf ist. Gerade die Konsumenten erfreut das, und Verkaufszahlen zwischen fünf- und zehntausend CDs sind dabei gar nicht so selten. Für die meisten Projekte gibt es mittlerweile einen festen Käuferstamm.“

Dass Firmen Titelfreigaben nicht erteilen, sieht Stemmer auch als ein großes Problem für Produzenten und Künstler an: „Auch denen entgeht dadurch ein zusätzliches Einkommen. Sie wissen aber meist nicht einmal, dass ihre Songs nicht frei gegeben werden. Wir hatten bereits die Fälle, dass EMI und BMG Titel abgesagt hatten, aber als wir uns daraufhin selbst an die Produzenten wandten, wurden auf deren Druck hin die Titel doch noch freigegeben. Man kann künftig Produzenten nur noch dazu raten, sich das Recht freizuhalten, selbst Kopplungsvergaben zu erteilen, wenn sie nicht Geld verlieren wollen.“ Stemmer resümiert abschließend: „Es ist unbegreiflich, dass es sich Firmen gerade in der jetzigen Marktsituation erlauben können, auf Umsatz zu verzichten. Da nimmt man doch eigentlich jeden Euro mit, den man bekommen kann. Aber anscheinend geht es diesen Firmen immer noch nicht schlecht genug.“