musikwoche: Der Juni 2003 brachte abermals drastische Einbrüche. Hat die Musikbranche damit die Talsohle erreicht? Welche Zeichen für eine Wende zum Positiven lassen sich generell erkennen?
Udo Lange: Zumindest im Herbst wird sich der Trend zuerst einmal durch die hochkarätigen Veröffentlichungen von EMI Music wie zum Beispiel Pur, Enigma, Helmut Lotti und Wir sind Helden bremsen lassen. Ein großer Lichtblick sind zur Zeit die enormen Zuwächse des DVD-Marktes, den EMI Music mit Abstand als Marktführer in Deutschland vielfältig bedient. Darüberhinaus werden durch die diversen legalen Download-Aktivitäten entsprechende Marktimpulse gesetzt werden können.
mw: Wie haben sich die Tätigkeitsfelder und Aktivitäten der Majors in den vergangenen zehn Jahren verändert? Wo sehen Sie für die Zukunft die Kernkompetenz?
Lange: Es haben viele Veränderungen stattgefunden, aber unsere Branche lebt von diesen und der damit einhergehenden Flexibilität. Unsere Kernkompetenz ist und bleibt die Musik. Die essenzielle enge Zusammenarbeit bei den künstlerischen Produktionen, in der Promotion, im Marketing und im Vertrieb sind unsere Stärke: Wir sind die Paten unserer Künstler!
mw: Sind multinationale und börsenorientierte Konzernstrukturen auf Dauer überhaupt kompatibel mit Musik?
Lange: Natürlich wird die Kompatibilität in diesen Strukturen immer gegeben sein. Es handelte sich bei den Konzernen schon immer um kommerziell ausgerichtete Unternehmen. Sicherlich gab es Zeiten, in denen die Labels unabhängiger agieren konnten, aber trotz alledem galt es immer, im Sinne der Künstler und der Unternehmen den kommerziellen Aspekt zu verfolgen. Kommerzieller Erfolg verleiht auch Energie! Unsere Priorität und die Basis wird immer der Künstler und die Musik bleiben.
mw: Welchen Anteil am Gesamtaufkommen werden die verschiedenen Vertriebsformen – digitale Datei, physischer Tonträger, Individual-CD… – in fünf Jahren haben?
Lange: Die verschiedenen Vertriebsformen für die Musik werden nebeneinander existieren. Wer, wann und wie die Nase vorn hat, wird sich zeigen. Da es sich um individuelle Vertriebsformen handelt, werden wir diesen gerecht und flexibel und offen in jede Richtung agieren.
mw: Wann kommt die gemeinsame Download-Plattform? Wo liegen die Probleme, wo die Chancen?
Lange: Die Verhandlungen laufen.
mw: Wie könnte eine sinnvolle und für alle Beteiligten ergiebige Arbeitsteilung zwischen Majors, Indies und Künstlern aussehen?
Lange: Sowohl die Majors als auch die Indies haben im Endeffekt eine Servicefunktion gegenüber ihren Künstlern. Im übrigen gibt es Majors, die wie Indies arbeiten. Für uns als Major liegt die Kern-und Fachkompetenz in der individuelle Ausrichtung und Betreuung unserer Künstler sowie die Zusammenarbeit von der vollen Betreuung, beginnend mit der Suche nach den richtigen Songs bis zum Abschluss von Distribution-Deals. Der Aufbau von neuen Künstler nimmt für uns höchste Priorität ein.
mw: Und wenn alle Live-Mitschnitte, alle Videoclips und alle Archivreste verbraten sind – bedeutet das dann das Ende der Musik-DVD? Was kommt danach?
Lange: Der Fehler liegt in der Frage an sich: Die DVD ist ein neues, eigenständiges Produkt, bei dem es nicht um Zweit-Auswertung geht. Dieses interessante Medium bietet viel mehr. Eine Entwicklung zur Erstveröffentlichung als DVD und einer Zweitveröffentlichung als CD erscheint mir kein fernes Szenario. Wir konnten uns mit EMI Music bereits als Marktführer im DVD-Bereich etablieren, und wir werden durch die neu geschaffene Position des General Manager DVD Marketing den wachsenden Bedarf ebenfalls ausbauen und sicherlich weiterhin durch kreative Ansätze weiter Auftrieb geben können
mw: Welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen sich wie ändern, damit es mit der Branche wieder aufwärts geht? Was erwarten Sie noch von der Politik?
Lange: Speziell die Deutschen müssen wieder lernen, positiv zu denken. Die Steuerreform wird das gesamte Konsumverhalten positiv verändern. Durch den ständigen Kontakt zur Politik wird die Wahrnehmung unserer Industrie bei den Parteien und Gremien verstärkt und das politische Bewusstsein für die musikalische Kulturlandschaft geweckt. Musik wird als wichtiger kultureller Lifestyle endlich anerkannt, und dementsprechend bin ich zuversichtlich, dass wir endlich eine gemeinsame Offenheit und auch Verständnis für die Belange der Musikindustrie gefunden haben.






