Recorded & Publishing

„Der Hofnarr hat ausgedient“

In seinem Gastkommentar trifft Medienunternehmer Frank Otto eine Abwägung über die Freiheit der Kunst und die Freiheit im Netz.

In seinem Gastkommentar trifft Medienunternehmer Frank Otto eine Abwägung über die Freiheit der Kunst und die Freiheit im Netz.

Da es einem Teil des Publikums nicht in den Sinn kommt, für Musik zu zahlen, jedoch für Dinge, die ihm viel weniger bedeuten, Geld auszugeben, muss die Frage nach Ethik im Internet aufgeworfen werden. Einige halten das Urheberrecht schon vom Wort her für anmaßend, da niemand seine Ideen losgelöst von an-deren entwickelt. Das stimmt, aber geschützt wird ja nicht eine Idee, sondern ein Werk, in das eigenständige Arbeit geflossen ist.

Wiederum andere meinen, Kreative sollten sich von ihren Auftraggebern besser bezahlen lassen. Diese verkennen, dass der Kulturbetrieb sich auf dem Wagnis der Kreativen begründet und nur ihre Unabhängigkeit dafür sorgt, dass jeder Winkel unseres gesellschaftlichen Lebens beschrieben, gespiegelt, emotionalisiert und bezeichnet wird. Der Nutzen von selbstständigen Künstlern geschaffener Werte, die in noch nie da gewesener Ausdrucksvielfalt unser Leben bereichern, liegt in der Weiterentwicklung unserer Individualgesellschaft. Der Hofnarr hat ausgedient, und niemand möchte zur mittelalterlichen Auftragskunst zurück. Im Vergleich dazu sind einige milliardenschwere Internetkonzerne seltsam altmodisch und hierarchisch organisiert.

Ray Kurzweil beschrieb in „Homo S@piens“, dass der Mensch aus Bequemlichkeit die Technik immer weiter akzeptieren würde, bis sie ihn beherrscht und überflüssig macht. Ähnlich scheinen diejenigen zu denken, die meinen, das Internet sei eben so, wie es ist, und somit müsse stattdessen das Urheberrecht in Frage gestellt werden.

Als eine der letzten vergleichbaren, revolutionären technischen Innovationen kann wohl das Automobil bezeichnet werden. Es zog die Straßenverkehrsordnung nach sich und den „Technischen Überwachungsverein“. Klingt gruselig, aber jeder hat es akzeptiert und sieht es auch als vernünftig ein. Es kommt also auf die Regulierungstiefe und das Regulierungsziel an. Noch bestimmen wir die Technologie und nicht umgekehrt. In diesem Sinne muss auch im Internet versucht werden, das Urheberrecht zu stärken und im Umgang lenkende Wirkung entfalten zu lassen, ohne dabei an die Maximierung von Nutzerabmahnungen zu denken. Kreative und Verwerter entwickeln Leidenschaft für ihre Arbeit, um Menschen zu erhellen oder zu begeistern, und nicht, um sie zu bedrohen.

In vielen Lebensbereichen gehen wir bereits mit Möglichkeiten so um, dass wir Dinge unterlassen, die seitens der Gesellschaft als asozial gelten und keine Anerkennung finden würden.

Aus den Verfahren gegen Megaupload und Pirate Bay erfahren wir, diese Unternehmen verstünden sich als Suchmaschinen. Ähnlich trickreich betätigen sich weltweit etwa 160 Plattformen mit der Umgehung des Urheberrechts. Ein großer Teil vielleicht sogar ohne kriminelle Energie, sondern unter dem Druck der anderen kostenlosen Angebote. Wie zur Erfindung des Buchdrucks der Schutz des geistigen Eigentums erdacht wurde, müsste jetzt für den Betrieb einer Plattform die Verantwortungsklärung geregelt werden. Betroffen wären nur die skrupellosesten, für die anderen enthielte das sogar eine Klärung ihres Geschäftsmodells. Für den Nutzer wäre der Verlass auf die Legalität der Angebote wieder hergestellt, und die Urheber könnten wieder partizipieren. Entgegen aller zur Zeit im Grundsatz geführten Debatten dürfte die Fokussierung auf diese wenigen Übeltäter sehr viel schneller zu Übereinkünften führen, losgelöst von den Lobbyisten beider Lager.

Dass dies möglich ist, kann man heute schon bei eBay erkennen. Dort wird jeder Upload auf seine Rechtmäßigkeit überprüft, um Hehlerware auszuschließen. Ebenso wird auch jedem Nutzerhinweis nachgegangen. Dort, wo die Nutzersicherheit Teil des Geschäftsvertrauens darstellt, wird bereits vorgelebt, wie die digitale Zukunft aussehen könnte. So kann auch mit fremdem Eigentum Geld verdient werden. Es wird sich ein Weg finden lassen, der nur eines kleinen, minimalinvasiven Eingriffs bedarf, um alle Seiten zufrieden zu stellen. Für die freie Kunst, die in der Lage ist, ihre geschaffenen Werte auch materiell vergütet zu bekommen, ohne Eingriff in die Informationsfreiheit oder die öffentliche Preisgabe personenbezogener Daten. Der Gartenzaun, an dem sich grade der Nachbarschaftsstreit entflammt, gehört eingerissen. Die Lösung liegt in der gemeinsamen Freiheit!

Medienunternehmer Frank Otto gilt als Pionier auf dem Gebiet des Privatradios und Privatfernsehens in Deutschland (unter anderem OK-Radio, Viva und Hamburg1). Nach einer Ausbildung am Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zum Restaurator für Papier und Grafik studierte er Bildende Kunst an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Als Geschäftsführer von ferryhouse productions setzt er kreative Konzepte aus Musik, Film, Kunst und Multimedia um. Die ungekürzte Version seines Textes findet der Leser auf http://joinmusic.com