Recorded & Publishing

Das Jahr der Ankündigungen

Nach dem großen Dot.com-Sterben und der Abschaltung des Tauschkönigs Napster hatte die Musikindustrie 2001 wieder Luft, um ihre eigenen Online-Vertriebspläne voranzutreiben. Greifbares kam dabei nur wenig zustande. Im Februar gaben Universal und Sony die Gründung der Firma „Duet“ bekannt – BMG und EMI im Verbund mit AOL Time Warner und RealNetworks zogen im April mit „MusicNet“ nach. Beide Projekte wurden als Abonnement-Dienste für digitale Musik vorgestellt, bei denen der Kunde gegen Zahlung einer Monatsgebühr Zugriff auf eine bestimmte Anzahl von Musikstücken erhält, die er dann auf seinen Rechner laden oder per Stream abrufen kann. Starten sollten beide Projekte im Spätsommer – und damit kurz nach dem angepeilten Launch-Termin eines anderen Online-Großprojekts: Bereits für den 1. Juli hatte Bertelsmann den Start des legalen und kostenpflichtigen Geschäftsmodells des einstigen Musiktauschkönigs Napster angekündigt. Tatsächlich befand sich die Tauschbörse zu diesem Datum bereits in einem tiefen Koma, aus dem sie bis zum heutigen Tage nicht wieder erwachen sollte – die Betreiber hatten Napster vom Netz genommen, aus technischen Gründe, wie damals verlautete. Auch der nächste geplante Napster-Starttermin im Herbst verstrich ereignislos und auch MusicNet und das mittlerweile in „pressplay“ umgetaufte Universal/Sony-Projekt steckten weiter in der Entwicklungsphase. Beide gerieten aber zunehmend ins Visier der US-Kartellbehörden, die eine drohende Monopolisierung auf dem Gebiet des Online-Musikvertriebs erkannt hatten. Um faire Marktbedingungen zu gewährleisten, forderten sie alle beteiligten Musikmajors auf, ihre Musik nicht nur an die Major-Plattformen, sondern auch an unabhängige Vertriebsunternehmen wie Uplifter, FullAudio oder Listen.com zu lizenzieren, die sonst wenig Chancen hätten, im Markt Fuß zu fassen.
Die Forderung der Behörde zeigte schnell Wirkung: Nur wenig später lizenzierte Warner seinen Katalog an die Firma Echo Networks, Universal stellte sein Programm der Firma FullAudio zur Verfügung. Und auch Napster wurde MusicNet-Lizenzpartner. Doch auch unter der Leitung des Ex-Bertelsmanns Konrad Hilbers, der mittlerweile Hank Barry an der Napster-Spitze abgelöst hatte, ließ das neue Napster-Modell weiter auf sich warten. Dies belastete zusehends die Finanzlage des Unternehmens und veranlasste Hilbers Ende Oktober schließlich, 16 Mitarbeiter zu entlassen. Hilfe kam von Ziehvater Bertelsmann, der Napster mit einer erneuten Geldspritze von 26 Millionen Dollar aufpeppte. Als bereits niemand mehr mit dem Start eines Online-Abodienstes im Jahr 2001 rechnete, folgte der Doppelschlag: Am 3. Dezember öffnete Listen.com seinen „Rhapsody“-Dienst, einen Tag später startete mit „RealOne“ von RealNetworks das Angebot des ersten Lizenznehmers der MusicNet-Plattform – das Musiknetz war eröffnet. Bei näherer Betrachtung wies das lange angekündigte Großprojekt jedoch einige Mängel auf: Gegen eine Monatsgebühr von knapp zehn Dollar erhält der Nutzer 100 Downloads und 100 Streams – beide kann er lediglich über seinen Rechner abrufen. Die Übertragung auf CD oder portable Abspielgeräte ist nicht möglich. Zudem verlieren die Stücke nach 30 Tagen ihre Gültigkeit. Fraglich bleibt, ob es der Industrie gelingt, Musikfans mit derartigen Angeboten von den kostenlosen Tauschdiensten wegzulocken. Und über jene gab es im Jahr 2001 deutlich konkreteres zu vermelden als über die großen Industrieplattformen: Über die neuen Peer-To-Peer-Stars Morpheus, KaZaA und Grokster wurden 2001 mitunter mehr Files getauscht als über Napster zu Spitzenzeiten – und ihre Popularität wächst weiter.