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Cohen fordert Branche zu P2P-Verkäufen auf

Vor wenigen Monaten wäre der damals hochrangige EMI-Mitarbeiter noch als Ketzer abgestraft worden, als freier Berater kann sich Ted Cohen nun mutige Vorschläge leisten: Die Branche solle sich auf einen Test mit dem Verkauf von DRM-freien Downloads über eine P2P-Plattform einlassen, meint der Experte.

Vor wenigen Monaten noch war er bei EMI Music der ranghöchste Mitarbeiter für alles, was mit dem digitalen Vertrieb zu tun hat. Damals wäre Ted Cohen vermutlich als Ketzer abgestraft worden, wenn er seine jüngsten Vorschläge öffentlich geäußert hätte. Heute, als freier Berater und Mitgründer von TAG Strategic – Digital Media & Entertainment Solutions, kann sich Cohen mutige Thesen leisten.

In einem Gastbeitrag für das US-Branchenmagazin „Billboard“ fordert der Digitalexperte: Die Branche solle sich auf einen Test mit dem Verkauf von DRM-freien Downloads über eine P2P-Plattform einlassen. In einer auf sechs Monate begrenzten Probezeit soll die Effizienz von P2Ps als legales Downloadkonzept erprobt werden. Cohens Idee ist nicht neu, aber bislang hat sich niemand aus dem Lager der Majors mit derlei Gedankengut nach vorne getraut. Mit der zeitlichen Einschränkung böte der Vorschlag aber eine Exit-Strategie für jene Rechteinhaber, die dem Verkauf über P2P – zumal ohne DRM – weiter skeptisch gegenüberstehen.

Konkret schreibt Cohen im „Billboard“: „Was ich vorschlage, ist ein aggressiver sechsmonatiger Probelauf eines führenden P2P-Dienstes (wer traut sich?), der uns endlich Klarheit über das Nutzerverhalten verschaffen würde. Geht es P2P-Nutzern um Interoperabilität, um die Community und die Tiefe der Kataloge, oder geht es nur um die Kostenlosigkeit? Das müssen wir herausfinden. Und so könnte es funktionieren: Lasst den Dienst wie er ist. Keine Filter, kein DRM, keine Änderungen am derzeitigen Angebot von ungeschützten MP3s. Die seltenen Titel, die Bootlegs – alles bleibt vorhanden. Aber für jeden Inhalt muss ein Preis gesetzt und die Einnahmen zwischen Rechteinhabern und Downloaddienst geteilt werden. Ja, ich weiß: Es gibt keine Verträge mit den Labels und den Verlegern. Und für einige verfügbare Titel (Bootlegs etc.) sind die Rechte nicht geklärt. Und ja, es würde für einige Buchhalter sicher Überstunden bedeuten. Aber wäre es nicht besser, für all die Umsätze die rechtmäßigen Empfänger finden zu müssen als gar keine Umsätze zu haben?“

Cohen ist bereits seit einigen Wochen mit dieser Agenda in der US-Branche unterwegs. Seit Januar arbeitet er als Berater für die Lime Group, die die derzeit führende P2P-Software LimeWire entwickelt und vertreibt. LimeWire verhandelt seit einiger Zeit hinter den Kulissen mit dem Tonträgerverband RIAA über eine mögliche Beilegung des laufenden Rechtsstreits, in dem die Majors der P2P-Firma massenhafte Urheberrechtsverletzungen vorwerfen.

Cohen versucht die Majors vom geplanten LimeWire-Geschäftsmodell zu überzeugen: Freies Filesharing für 99 Cent pro Song – ohne DRM. „Das schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass wir nach den sechs Monaten feststellen müssen, dass es den Nutzern nur um kostenlose Musik ging“, so Cohen gegenüber MusikWoche.

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