musikwoche: Der Juni 2003 brachte abermals drastische Einbrüche. Hat die Musikbranche damit die Talsohle erreicht? Welche Zeichen für eine Wende zum Positiven lassen sich generell erkennen?
Thomas M. Stein: In diesem Jahr erwarte ich insgesamt ein zweistelliges Minus um die 20 Prozent für den deutschen Tonträgermarkt. Der heiße Sommer wird zusätzlich dazu beitragen, dass wir deutliche Umsatzeinbrüche erleben. Positive Signale für den Tonträgermarkt sind zum Beispiel die Einigung auf eine gemeinsame Online-Plattform, die uns in den nächsten Jahren vielleicht ein zweistelliges Plus bei den Umsätzen beschert. Aber auch die Zusammenarbeit mit dem Fernsehen, um die Musik mit Casting-Shows noch näher an den Endverbraucher zu bringen, hat sich ausgezahlt. BMG gab mit „Deutschland sucht den Superstar“ dem deutschen Tonträgermarkt Impulse und sorgte für einen Mehrumsatz mit DSDS-Produktionen von über fünf Millionen Tonträgern. Das gibt Anlass zu einem gewissen Optimismus.
mw: Wie haben sich die Tätigkeitsfelder und Aktivitäten der Majors in den vergangenen zehn Jahren verändert? Wo sehen Sie für die Zukunft die Kernkompetenz?
Stein: Wir können uns eine CD-Monokultur nicht mehr leisten. Es gilt, neue Einkommensströme zu erschließen, also eine größere Wertschöpfung bei den einzelnen Künstlerinnen und Künstlern zu erreichen. Das bedeutet: Wir benötigen eine stärkere Beteiligung am Merchandising, an den Einnahmen bei Live-Konzerten und vieles mehr. Also, eine engere Partnerschaft mit den Künstlern über alle Bereiche der kreativen Aktivitäten.
mw: Sind multinationale und börsenorientierte Konzernstrukturen auf Dauer überhaupt kompatibel mit Musik?
Stein: Börsennotierung kennt keine Kreativität. Solange die Struktur eines Konzerns den Marktgegebenheiten angepasst ist, die Firma flexibel auf Veränderungen reagiert, ist die Kompatibilität mit dem Musikmarkt gegeben. Der Erfolg eines Musikunternehmens entscheidet sich immer noch über die Kreativität in der A&R, im Marketing, in der Promotion und mit einem marktnahen Vertrieb.
mw: Welchen Anteil am Gesamtaufkommen werden die verschiedenen Vertriebsformen – digitale Datei, physischer Tonträger, Individual-CD – in fünf Jahren haben?
Stein: Der Online-Verkauf von Musik wird in den nächsten drei Jahren einen zweistelligen Prozentsatz am Gesamtumsatz erreichen, vielleicht in fünf Jahren sogar die Hälfte des Umsatzverlustes aus dem letzten Jahr kompensieren. In einem überschaubaren Zeitraum bleibt der physische Tonträger aber von großer Bedeutung.
mw: Wann kommt die gemeinsame Download-Plattform? Wo liegen die Probleme, wo die Chancen?
Stein: Wir haben lange für Phonoline gekämpft. Der Klärungsprozess ist außergewöhnlich schwierig gewesen, aber er ist nun überwunden und der Blick richtet sich nach vorn. Von nun an werden wir auf dieser zukunftsweisenden offenen Plattform einen optimalen Zugang zu unserem breiten Repertoireangebot bieten, im Wettbewerb mit den anderen Firmen und zum Vorteil der Musikfans.
mw: Wie könnte eine sinnvolle und für alle Beteiligten ergiebige Arbeitsteilung zwischen Majors, Indies und Künstlern aussehen?
Stein: BMG praktiziert bereits seit Jahren mit unabhängigen kreativen Zellen eine sehr erfolgreiche Arbeitsteilung und hat exzellente Kontakte mit Indies. Das zeigen die Chartsplatzierungen ebenso wie die Entwicklung von Kreativzellen bei BMG, wie zum Beispiel Gun Records.
mw: Und wenn alle Live-Mitschnitte, alle Videoclips und alle Archivreste verbraten sind – bedeutet das dann das Ende der Musik-DVD? Was kommt danach?
Stein: Musik DVDs haben so viele Servicemöglichkeiten für den Käufer, dass Live-Mitschnitte und Archiv-Repertoire nur Teile der Angebote sind. Mit jeder veröffentlichten Musikproduktion ergeben sich neue Auswertungsmöglichkeiten für die Musik-DVD. Nicht umsonst hat dieser Bereich so optimistische Zuwachsraten. BMG hat vor einigen Monaten die DVD-Aktivitäten in einer speziellen Abteilung konzentriert. Dazu gehört auch das neue Label Spaßgesellschaft. Es gilt fest zu halten: Die Technik ist der ausschlaggebende Faktor für die Verweildauer eines Mediums und nicht allein der Katalog. Selbst wenn es tatsächlich die sich selbst löschende DVD geben wird, wird der Katalog weiterhin einen dauerhaften Wert darstellen.
mw: Welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen sich wie ändern, damit es mit der Branche wieder aufwärts geht? Was erwarten Sie noch von der Politik?
Stein: Es wird höchste Zeit, dass die verantwortlichen Politiker in Berlin, aber auch in Brüssel, ihre Hausarbeiten machen. Die Musikwirtschaft darf nicht weiterhin im Regen stehen. Die verabschiedete Richtlinie zum Urheberrechtsgesetz ist ein erster positiver Schritt, um das CD-Brennen und andere illegale Musikgefahren einzudämmen. Wir erwarten auch Unterstützung von Seiten der Politik, um bei der Bevölkerung eine Bewusstseinsbildung zu erzielen, wenn es um das illegale Kopieren von Musik geht. Aber es gibt noch viele andere politische Initiativen, die notwendig sind, um uns als Musikwirtschaft die gleichen Rahmenbedingungen zu geben wie andere Wirtschaftszweige in Europa. Die Bundesregierung muss auch alle Anstrengungen unternehmen, um die lahmende Konjunktur wieder in Schwung zu bringen. Dabei ist die Kakophonie der Politiker kein Anlass, optimistisch zu sein, dass sich etwas ändert. Die Musikunternehmen haben in den letzten Jahren ihre Strukturen schon mit Konsequenz dem sich drastisch verändernden Tonträgermarkt angepasst. Es muss aber noch mehr passieren. Ich glaube, dass alle Verantwortlichen entschlossen sind, mit neuen Strukturen, innovativen Marketing- und Vertriebsstrategien alles einzusetzen, um unsere Branche wieder zu einem prosperierenden Wirtschaftszweig gesunden zu lassen. Dafür ist aber eine große Solidarität unter den Mitbewerbern notwendig. Die gemeinsame Online-Plattform ist hierfür ein verheißungsvoller Anfang.






