Als President International verantwortete er bislang schon die BMG-Geschäfte in 29 Ländern; Anfang dieses Jahres kam Deutschland hinzu. Im Gespräch mit Ulrich Scheele und Manfred Gillig-Degrave spekuliert Maarten Steinkamp nach einem halben Jahr des Aufräumens in München, wie es mit der Branche im Allgemeinen und mit Sony BMG im Besonderen weitergeht.
musikwoche: Macht Ihnen der Job eigentlich Spaß? Maarten Steinkamp: Ja.
mw: Und warum? Steinkamp: Es ist das People Management. Ich arbeite gern mit Menschen, vor allem wenn es darum geht, Veränderungen zu schaffen.
mw: Kann es denn Spaß machen, Leute zu entlassen? Steinkamp: Nein, Sanieren ist kein Spaß. Aber mit den Leuten den Turnaround zu schaffen, das schon. Ich habe gelernt, dass man auch bereit sein muss, sich von Mitarbeitern zu trennen, um andere Arbeitsplätze zu sichern. Das war auch in Frankreich so und letztes Jahr in Lateinamerika. Auf der einen Seite ist es natürlich wichtig, ein gutes Halbjahresergebnis zu erzielen, aber auf der anderen Seite ist es mindestens genauso wichtig, entsprechende Veränderungen in der Unternehmenskultur herbeizuführen. Es tut gut, zu sehen, wie sich Leute verändern und verbessern. Und jetzt sehe ich das auch in Deutschland.
mw: Maarten Steinkamp, der Terminator, der aufräumt. Wenn Maarten kommt, wird’s dann ernst? Steinkamp: Ja, klar, den Spitznamen Dr. Death habe ich schon. Leute rauszuschmeißen ist nicht so schwer – du gehst zum Personalchef, zahlst eine anständige Abfindung, und das war’s. Viel wichtiger ist: Man muss gleichzeitig auch was aufbauen.
mw: Chaos ist die Mutter der Ordnung. Macht es Ihnen also Spaß, aus dem Chaos mit Menschen etwas Neues zu kreieren? Steinkamp: Nun ja – jetzt sehe ich bei BMG Deutschland lächelnde Menschen. Und ich kriege Mails: Trotz der Unsicherheit wegen der Sony-BMG-Fusion sind sie jetzt glücklich. Bei unserem Sommerfest gab es nur für 5000 Euro Bier, und ich sagte, wenn das Bier alle ist, dann ist auch das Sommerfest zu Ende. Es war ein fantastisches Fest und hat Spaß gemacht. Und das Management hat Bier ausgeschenkt.
mw: Vor einem Jahr wären 5000 Euro wahrscheinlich zu wenig gewesen. Wieviele Leute mussten Sie denn entlassen, um jetzt ein günstiges Sommerfest veranstalten zu können? Steinkamp: 5000 Euro ist ja nun wirklich nicht viel. Aber um es noch einmal zu sagen: Wenn man jung ist, wenn man Musik mag und gern mit Leuten arbeitet, dann ist die jetzige Zeit fantastisch. Ich gehe fast jeden Tag mit Freude zur Arbeit. Sonst könnte ich das nicht machen.
mw: Aber dennoch wollen wir wissen, wie viele Mitarbeiter wurden und werden noch entlassen? Steinkamp: In diesem Jahr waren es bisher 60 Personen. Was bei der Fusion mit Sony geschehen wird, weiß ich noch nicht. Das wäre reine Spekulation. Leute zu entlassen, ist wirklich nicht der Teil an diesem Job, der Spaß macht. Aber wenn ich zehn Mitarbeiter entlasse, rette ich womöglich die Arbeitsplätze von 90 anderen. Bei BMG wurden schon 2001 unter Schmidt-Holtz 1200 Mitarbeiter entlassen. Die Company hat damals hunderte Millionen Euro im Jahr verloren, und wenn man nicht gehandelt hätte, wäre alles den Bach runtergegangen.
mw: Was ist denn falsch gelaufen in den letzten fünf Jahren? Steinkamp: Ganz einfach: Der Markt ist um fast 40 Prozent eingebrochen. Wenn Sie in diesem Umfeld agieren, ist es Ihre Pflicht, darauf zu reagieren. Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass wir zwar immer sagen, wir seien Unternehmer, aber das sind wir gar nicht. Wir sind eine Kloning-Industrie; wir kopieren uns nur gegenseitig. Wir kämpfen immer gegen die Kopiererei und sind doch selbst die größten Kopierer.
mw: Mag sein. Aber hat BMG denn nicht auch eine neue Norah Jones unter Vertrag? Steinkamp: Nein. Wir haben zwar auch eine Künstlerin, die ein klein bisschen ähnlich ist – aber genau das ist der Fehler: Jeder will die nächste Norah Jones haben. Das ist Kloning. Erinnern Sie sich an die Boy Groups? Jeder musste eine Band wie Take That unter Vertrag haben. Und in Deutschland will jetzt jeder einen Klon von Wir sind Helden haben.
mw: Was ist Ihre Antwort darauf? Steinkamp: Zunächst müssen wir eine solide Basis schaffen, die den Marktbedingungen angepasst ist. Die haben wir nun. Darauf aufbauend müssen wir wieder mehr Mut haben, kreativ neue Wege zu gehen. Und wir müssen wieder deutlich mehr Artist Development betreiben. Qualität statt Quantität – darauf kommt es an. Meiner Ansicht nach war der deutsche Musikmarkt ein wenig überreizt; er war zu groß für seine tatsächliche Substanz. Dieser Ballon musste irgendwann Luft ablassen. Das ist eine normale Entwicklung.
mw: Und die Preise waren nicht überreizt? Steinkamp: Nein. Aber der Markt stimmte nicht. In manchen Monaten beherrschten Hit-Compilations 30 bis 40 Prozent des Marktes. Und wenn es dann ans Kopieren und Brennen geht, betrifft das zuallererst die Compilations, so viel ist sicher. In einem durchschnittlichen europäischen Markt betrug der Anteil der Compilations 20 Prozent.
mw: Während der Musikmarkt insgesamt auch in den vergangenen zwölf Monaten Einbußen hatte, meldet BMG wieder Wachstum. Liegt das nur an den Einsparungsmaßnahmen, oder haben Sie auch Marktanteile hinzugewonnen? Steinkamp: Durch Einsparungen können Sie nicht wachsen. Im Jahr 2001 hatten wir einen weltweiten Anteil von 8,8 Prozent; jetzt sind es 11,9 Prozent. Wir hatten in den letzten drei Jahren den mit Abstand größten Marktanteilzuwachs aller Majors. Es sieht also so aus, als machten wir etwas richtig. Die BMG-Philosophie ist: Wir fokussieren uns aufs Repertoire und finden Künstler, die wir weltweit vermarkten können. Das war das Statement von Rolf Schmidt-Holtz vor drei Jahren: Du kannst nur dann Geld verdienen, wenn du globale Superstars aufbaust. Es ist leichter, statt sechs Millionen Alben von Avril Lavigne acht Millionen zu verkaufen, als die Verkäufe eines Künstlers von 50.000 auf 100.000 Stück zu verdoppeln. Mit großen Stars verdient man auch großes Geld. Es gibt keine andere Company, die so viele junge globale Superstars aufgebaut hat wie BMG – von Avril Lavigne über Dido und Alicia Keys bis hin zu Justin Timberlake und Christina Aguilera.
mw: Ist das der Schlüssel zum Ergebnis von BMG? Steinkamp: Nicht nur. Wir hatten schon 2001 ein Programm zur Kostenreduzierung – Fast & Flexible, ein schreckliches Programm, schon der Name war schrecklich. Schon damals machten wir alle regionalen Offices dicht. In London hatten wir ein großes europäisches Office mit über 50 Leuten, das viel Geld verschlang. Als kleinster Major bekamen wir die Probleme als erster zu spüren und mussten entsprechend handeln. Und natürlich hatten wir auch die erfolgreichen Künstler. Das Problem in Deutschland bestand darin, dass wir spät dran waren mit dem Reduzieren der Kosten. BMG Deutschland wies nicht dieselbe positive Entwicklung auf wie die anderen BMG-Companies weltweit.
mw: Was war das dann für ein Gefühl, als man Ihnen diesen Job anbot? Waren Sie mit Thomas M. Stein befreundet? Steinkamp: Er war früher mal mein Chef; ich habe ihn immer als Geschäftsmann respektiert. In den vergangenen eineinhalb Jahren habe ich nicht mit ihm gearbeitet, denn er war ja hier in München. Es war an einem Samstagmittag bei einem Lunch in New York, als Michael Smellie mich fragte: Wie wär’s mit Deutschland? Ich meinte, hmm, nettes Land, miese Fußballnationalmannschaft, aber… nein, danke. Deutschland ist das Bermuda-Dreieck für Executives. Christoph Schmidt, Thomas Stein, Richard Griffiths… Neenee, lieber nicht.
mw: Wie hat man Sie dann dazu überredet, den Job zu übernehmen? Waren Sie jung und brauchten das Geld? Steinkamp: Nein, anfangs wollte ich wirklich nicht. Ich hatte ja schon 29 Länder-Companies zu betreuen und fand es wirklich sehr schwierig, auch noch Deutschland dazu zu bekommen. Dann gab es ein weiteres Gespräch mit Schmidt-Holtz und Smellie, die mir erklärten, was sie hier vorhatten. Ich habe das Problem verstanden, also konnte ich nicht nein sagen. Ich bin schließlich seit 16 Jahren bei BMG und hatte jeden Job schon mal inne.
mw: Sie fielen die Treppe aufwärts, nachdem Sie 1987 als Promoter angefangen haben… Steinkamp: Ich bin eine echte BMG-Pflanze, ich habe von Promotion über Marketing bis hin zu A&R und Vertrieb alles schon einmal gemacht. Ich habe also auch die neue Aufgabe für Deutschland übernommen – einzige Bedingung: dass ich es auf meine Art tun kann.
mw: Erfolg ist die Summe richtiger Entscheidungen. Was war Ihre beste, was Ihre schlechteste Entscheidung? Steinkamp: Ich denke, die beste Entscheidung war, von Anfang an sehr offen und transparent mit den Mitarbeitern umzugehen. Wenn die Leute überhaupt erst einmal verstehen, dass es ein Problem gibt, dann ist das schon die halbe Lösung. Und so erkannten die Mitarbeiter, dass ich ihnen nichts vormachte. Sie fanden meine Message zwar nicht sehr erfreulich, aber wenigstens ehrlich – sie wurden mit einbezogen. Meine schlechteste Entscheidung? Ich weiß nicht, die kommt wahrscheinlich erst noch.
mw: Nach der positiven Entscheidung aus Brüssel ist es schwer vorstellbar, dass die Mannschaftsstärke von Sony und BMG so bleibt, wie sie heute ist, oder? Steinkamp: Das neue Joint Venture Sony BMG hat viele Chancen für die Zukunft. Dazu gehören unter anderem auch Synergiepotenziale, die meist auch mit Stellenabbau verbunden sind.
mw: Wie viele Personen werden davon betroffen sein? Steinkamp: Ehrlich, ich weiß es nicht. Außer Rolf Schmidt-Holtz, Michael Smellie, Andrew Lack und Kevin Kelleher ist kein einziger Manager von Sony oder BMG in die Gespräche über die zukünftige Struktur involviert. Es wäre ja auch nicht fair, wenn man mir schon was erzählen würde und anderen nicht.
mw: Nach welchen Kriterien werden die neuen Länderchefs gekürt? Geht es darum, welche Company im jeweiligen Land stärker ist? Steinkamp: Das wird definitiv nicht nach Marktanteil und auch nicht nach den Erträgen entschieden, auch wenn das mit reinspielen mag. Aber vor allen Dingen wird es darum gehen, die besten Leute zu behalten.
mw: Wie sieht der Zeitrahmen aus? Soll die Zusammenführung der beiden Companies bis zum 1. Januar 2005 gelaufen sein? Steinkamp: Wenn es doch so einfach wäre. In manchen Ländern können wir sofort zusammengehen. In anderen Ländern müssen wir wegen wettbewerbsrechtlicher und steuerlicher Fragen noch eine Weile warten. Es gibt sogar Fälle, in denen wir erst im ersten Quartal 2005 zusammengehen können.
mw: Ist es Ende dieses Jahres an der Zeit, höhere Aufgaben im fusionierten Unternehmen zu übernehmen? Steinkamp: Kann sein, dass man mich zum Head of BMG Greenland macht. Vielleicht braucht man mich aber auch gar nicht mehr. Das Wichtigste wird jetzt erst einmal der Integrationsprozess sein, und solange man mich dabei braucht, bin ich dabei.
mw: Was würden Sie Rolf Schmidt-Holtz empfehlen – soll er in München bleiben oder nach Berlin gehen? Steinkamp: Beides. Es ist gut möglich, dass wir in beiden Städten Büros haben werden.
mw: Die Verwaltung in München, das operative Geschäft in Berlin? Steinkamp: Wir könnten auch nach Bochum ziehen; dort kostet der Quadratmeter Büro wenigstens nur vier Euro Miete. So etwas mögen wir.
mw: In der Neumarkter Straße in München zahlen Sie mehr. Steinkamp: Ich finde diese Standortdiskussion nicht so spannend.
mw: Sehen wir Sie dennoch in Berlin auf der Popkomm? Steinkamp: BMG wird jedenfalls nicht offiziell dabei sein. Denn unser Integrationsprozess wird bis dahin noch nicht einmal gestartet sein. Vielleicht schauen wir auf einen Kaffee beim Sony-Stand vorbei.
mw: Was gefällt Ihnen nicht an der Popkomm? Steinkamp: All diese Award-Shows und Messen überall auf der Welt – bringen die uns wirklich mehr Business? Verkaufen wir deshalb mehr Platten? Ich denke nicht. man gibt womöglich zwei Millionen Euro aus und verkauft trotzdem nicht eine CD mehr. Es ist natürlich PR für die Industrie, und man feiert seine Erfolge – aber es bringt nicht wirklich was. Die Brit Awards und die Grammies verkaufen zwar wirklich Platten. Doch die Echo-Verleihung ist eine Show, die ein wenig zu lang ist und nach politischen Gesichtspunkten ausgerichtet wird; die Verbraucher kaufen deshalb nicht mehr Platten. Ich sehe darin keinen wirklichen Nutzen fürs Business. Und so verhält es sich auch mit der Popkomm. Die ist vielleicht gut für die PR der Company und fürs Ego des MD, aber es fragt sich, ob man diesen Effekt nicht auch anders erreichen kann. Wird irgendein Act wegen der Popkomm unter Vertrag genommen? Werden wir durch die Popkomm kreativer? Nein, sicher nicht. Ist es denn nicht nett, mit 500 Freunden ein Bier zu trinken? Natürlich. Wir haben früher sehr viel Geld für die Popkomm ausgegeben – aber ist es denn in Ordnung, so etwas zu machen, wenn man Mitarbeiter freigestellt hat und überall Kosten reduzieren muss?
mw: Und den Handel finden Sie dort sowieso nicht, oder? Steinkamp: Der traditionelle Fachhandel wird immer unbedeutender. Die 15 wichtigsten Kunden tragen 80 Prozent des Geschäfts, und die sehen wir sowieso alle paar Wochen. BMG wird natürlich in Berlin sein; wir machen eine Party, wir laden unsere Künstler und Freunde ein, auch unsere Mitbewerber sind herzlich willkommen, und wir feiern ein bisschen. Ich brauche doch nicht einen aufwendigen Stand oder einen Showcase. Die Zeiten sind einfach nicht mehr so, dass man große Beach Clubs aufbaut, wie es BMG in Köln immer getan hat. Ich respektiere die Entscheidung der anderen, aber man muss bitte schön auch unsere Entscheidung respektieren: Wir ziehen es vor, unser Geld für sinnvollere Dinge auszugeben als für die Popkomm. Für dieses Geld kann ich einen neuen Act unter Vertrag nehmen und versuchen, ihn zu breaken.
mw: Wie sehen Sie die Zukunft der Branche in fünf oder zehn Jahren? Steinkamp: Realistisch betrachtet wird die CD in meinen Augen im Jahr 2007 noch immer mindestens 70 Prozent des Marktes tragen, aber es gibt auch Marktanalysten, die sagen, dass der Anteil sogar mehr als 85 Prozent betragen wird. Wir sollten nicht den Fehler der Interneteuphorie von 1999/2000 wiederholen, wo es hieß, die CD werde bald völlig vom Markt verschwinden. Natürlich sind die Downloads, und zwar vor allem diejenigen über mobile Dienste, eine große Chance für die Plattenfirmen. Wir sehen Phonoline äußerst kritisch; in dieser Weise kann man Phonoline einfach nicht mehr fortsetzen. Wir müssten eigentlich das Geld, das wir in Phonoline gesteckt haben, zurück bekommen. Es ist ein Wahnsinn. Bei der ganzen Diskussion über Phonoline und Downloading sollten wir nicht übersehen, dass wir auch in ein paar Jahren immer noch CDs oder Tonträger in allen möglichen Variationen und mit verschiedenen Preismodellen haben, die einen großen Teil zum Markt beitragen.
mw: Und keinen Gewinn mehr bringen… Steinkamp: Ich bin überzeugt, dass man mit CDs auch weiterhin gutes Geld verdienen kann, auf jeden Fall wird der Umsatz da sein. Ungefähr ein Drittel der Einnahmen wird aus anderen Quellen kommen. Und in Europa wird das Mobile-Business sehr viel größer sein als das mit Downloads. In Asien geht es schon jetzt nur noch um Mobile, Mobile, Mobile, während sich in den USA alles um Downloads dreht. Natürlich müssen wir dabei bedenken, dass Amerika im Hinblick auf mobile Dienste ein Dritte-Welt-Land ist, schlimmer noch als Afrika. Die kennen zwar Handys, aber die meisten wissen noch nicht einmal, was dieses kleine Briefumschlag-Symbol bedeuten soll, wenn sie eine Text-Message bekommen. Jedenfalls liegt da ein großes Potenzial. Wir sehen das in Korea: Dort verdient BMG bereits jetzt mit Online mehr als mit Offline. Korea hat Beispielcharakter; es ist ein mittlerer überschaubarer Markt, der sich rasant entwickelt.
mw: Wie wollen Sie diese Entwicklung übertragen? Steinkamp: Man braucht für das neue Geschäft auch neue Manager. Bisher machte man den Fehler, dass die Verantwortung für die digitalen Geschäftsfelder oft beim IT- oder Internet-Department angesiedelt ist. Wir müssen es anders in die Company integrieren. Die größte Herausforderung für die Musikindustrie ist es, dieses digitale Business ins Tagesgeschäft zu überführen. Wer wissen will, wie sich ein bestimmtes Album verkauft, der fragt den Vertrieb. Wenn es um digitale Geschäfte geht, wird er indes oft genug noch an den Inhouse-Spezialisten verwiesen. Diese Einstellung muss sich ändern. Wenn wir das schaffen, dann geht es voran. Und genau deswegen haben wir kein separates Online-Department in den meisten Ländern.
mw: Aber ist das nicht eine Herausforderung? Solche neuen Manager findet man nicht an jeder Straßenecke. Steinkamp: Das ist ein anderes Problem der Tonträgerindustrie – in der Vergangenheit waren wir nicht gerade berühmt für unsere visionären Manager. Kritiker sagen, wenn einer zwei und zwei zusammenzählen kann, dann ist er normalerweise schon für diesen Job qualifiziert – und wenn das stimmt, dann wäre ich das Paradebeispiel dafür. Ich komme aus einer Wachstumsgeneration; ich war 24, als ich in die Musikbranche ging und bin mit dieser Branche gewachsen. Die darauf folgende Generation von Managern steht zwischen der alten und der neuen Welt. Aber jetzt kommt eine neue junge Generation nach, die für die Musikbranche die Zukunft ist.
mw: Wird Europa also ein Zwischending zwischen Korea und den USA? Steinkamp: Das mobile Business wird sich jedenfalls am interessantesten entwickeln, denn das Bezahlsystem funktioniert, und mit einem Handy kann ich nicht nur telefonieren. Es ist multifunktionell und deshalb sehr viel nützlicher als ein iPod, mit dem ich nur Musik hören kann. Nichts gegen den iPod und andere Player – solange wir mit deren Hilfe Musik verkaufen können, ist das prima. Und es war sehr clever von Steve Jobs. Wenn dann noch Microsoft einsteigt – fantastisch! Aber dann haben wir hier in Deutschland noch immer die alte Dampfmaschine Phonoline.
mw: Geben Sie Phonoline denn keine Chance? Steinkamp: Es immer leicht, hinterher anzukommen und zu kritisieren. Ich finde das politische Argument in Ordnung, dass man mit Phonoline der Piraterie etwas entgegensetzen wollte. Diese Diskussion kann ich nachvollziehen. Aber unter einer ökonomischen, einer Business-Perspektive hat Phonoline in dieser Form keine Zukunft. Wir sollten daraus lernen, digitale-Distribution in die Hände von jemandem zu geben, dessen Kerngeschäft dies ist, der etwas von der Sache, von der Technologie versteht. Unser Kerngeschäft ist das Aufbauen und Vermarkten von Künstlern. Jeder, der einen fairen Preis zahlt, kann die Musik dann lizenzieren und digital vertreiben.
mw: Wie sehen Sie die Zukunft der Musik-DVD? Steinkamp: Katalogtitel werden immer laufen, und natürlich hat man die Konzertmitschnitte auf DVD als stabiles Segment. Aber ansonsten sollten wir davon abkommen, die Musik-DVDs abgekoppelt von der CD zu veröffentlichen. Denn von Topsellern wie zum Beispiel von Avril Lavigne wissen wir, dass die Nachfrage nach einem halben Jahr nachlässt. Je zeitnäher die Formate gemeinsam veröffentlicht werden, umso erfolgreicher wird die DVD laufen. Jetzt veröffentlichen wir die DVD manchmal ein Jahr nach der CD; das ist nicht so klug. Wir müssen unsere A&R- und Marketing-Manager dahin bringen, dass sie die DVD wie die Filmleute besser in die Produktplanung mit einbeziehen. Und wir müssen grundsätzlich besser planen.
mw: Inwiefern? Steinkamp: Manchmal haben wir das Mastertape erst drei Wochen vor dem VÖ-Termin. Das ist zu knapp. Wir müssen die visuelle Seite ein halbes Jahr vor VÖ planen und mit der DVD zur CD-Veröffentlichung kommen. Es gibt genug Material, das man auf eine solche DVD packen kann. Ich glaube jedenfalls nicht an Zeitfenster für die Verwertung. Und deshalb bin ich auch optimistisch, dass der digitale Datenträger noch eine lange Zukunft hat, und zwar mit Bild- und Musikinhalten. Unser DVD-Geschäft läuft übrigens gut, im Comedy-Bereich sind wir mit großem Abstand Marktführer. Es ist ein nettes Zusatzgeschäft, auch wenn es für Bertelsmann kein Vermögen einspielt. Aber auch hier sieht es organisatorisch so aus wie beim Mobile-Geschäft: Die meisten Firmen haben eine separate DVD-Abteilung, auch wir hatten eine, sodass die DVD von Britney Spears in einer anderen Abteilung betreut wurde als die CD. Das haben wir geändert, denn die Formate gehören zusammen. Ich bin also optimistisch, was die Musik-DVD betrifft, muss aber sagen, dass dieses Segment nie mehr als fünf bis acht Prozent erreichen wird. Jeder sagt, die DVD werde unser Leben retten – ich finde, als Rettungsboot ist sie sehr klein.
mw: Weil es nicht genug Material gibt? Steinkamp: Nein, weil der Markt dafür einfach nicht groß genug ist. Der Musikvideomarkt war ja auch nicht viel größer.
mw: Lang lebe also die CD? Steinkamp: Nein. Ich behaupte, man sollte weder die CD noch die DVD für sich betrachten. Man muss die Formate zusammenbringen.
mw: Also Audioanteil auf der DVD und Filme auf der CD? Steinkamp: Ja, es gibt viele Möglichkeiten.
mw: Warum verpacken Sie die CD nicht in die wertigeren DVD-Hüllen? Steinkamp: Wir haben das überlegt, aber der Handel hat nicht mitgezogen.
mw: Danke für das entspannte Gespräch. Was steht als nächstes auf Ihrem Terminplan? Steinkamp: Jetzt muss ich erst einmal nach London, dann fliege ich nach Singapur, und nächste Woche komme ich wieder hierher zurück. So ist das in diesem Job.
mw: Hauptsache, es macht Spaß. Steinkamp: Am Anfang hatte ich meine Befürchtungen, es würde sehr schwer werden, hier in Deutschland zu arbeiten. Aber ich muss sagen, es wird immer angenehmer. Es gefällt mir immer besser hier in der Stadt. Und darf ich Ihnen etwas verraten: Ich habe mir gerade einen größeren Wohnwagen für München bestellt.






