Das Berufsbild eines guten Promoters ist in den Beiträgen meiner geschätzten Kollegen ausreichend und trefflich beschrieben worden. Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Jeder hat andere Nuancen und Schwerpunkte. Ich war immer die leidenschaftliche, listige Kuppelmutter zwischen Künstler und Medienmensch. Manchmal gab ich auch den Robin Hood mit der grünen Feder im roten Haar, wenn eine Rezension über „meine“ Künstler allzu ungerecht war. Es juckt mich, Leserbriefe zu schreiben, wenn ich zum Beispiel die seitenlangen Verrisse im Feuilleton über Jan Delay lese.
Insgeheim vermute ich aber, dass die Kritik gar nicht dem Künstler oder dem Album gilt. Vielmehr hat wohl eine allzu vollmundige Kommunikation seitens des Labels im Vorfeld der Veröffentlichung Spott und diese alberne Beckmesserei der Schreiberelite provoziert. Ob das Album nun Rockmusik ist oder was anderes, ist doch banal.
Honorare auf Dumpinglevel
Anders als meine Kollegen bin ich nicht mehr auf Aufträge durch Wohlverhalten angewiesen und nutze jetzt diese Plattform, um über die andere Seite der Medaille zu reden. Das Thema Geld hat ja keiner angeschnitten. Ich bin so frei. Damals bin ich ja nicht ausgestiegen, weil ich nicht mehr wollte oder gar konnte. Ich war ja ein Lust-Täter, und die Agentur war etabliert. Ich war nur nicht mehr bereit, mir Arbeit zu kaufen. Die Honorare waren auf einem Dumpinglevel angekommen, das sich, wie ich höre, in der Zwischenzeit noch drastisch verschlechtert hat. Über die Mindestlohndebatte kann ich da nur lachen. Wenn ein Independent label mich mit einem ausgezeichneten Produkt überzeugte und der Künstler in mein Herz passte, habe ich noch geschmeidig reagiert. Aber wenn ich sogar große Labels mit meiner Arbeit subventionieren sollte, war „Schluss mit lustig“. Ich verzichte auf Beispiele. Was kostet bei Euch eine Promotion“, so wird tatsächlich am Telefon gefragt. „Ja was willst Du denn? Einen Golf oder einen Audi?“ Sie wollen immer einen Porsche Cayenne zum Preis eines Fiat 500.
Also befassen wir uns mit dem Thema, entwickeln Ideen und bringen die Zahlen in Einklang. Was passiert dann mit unserem Gehirnschmalz? Unser Konzept wird als Arbeitsvorgabe an einen anderen Promoter gegeben, der auch die Hälfte unserer Kalkulation akzeptiert. Der kann aber den von uns vorher skizzierten Leistungskatalog gar nicht abarbeiten. Er kennt vielleicht die Namen der Musikredakteure, hat aber keinen Zugang mehr zu den Ressortchefs und Chefredakteuren, wenn man mal nachlegen muss. Oft lässt er Praktikanten auf die genervten Redakteure los. Er hat persönlich gar nicht die Zeit für eine umfassende Kampagne, denn wegen seines geringen Honorars muss er gleichzeitig weitere Aufträge durcharbeiten. Er muss Miete zahlen. Deshalb nimmt er notgedrungen sogar völlig chancenlose Produkte an und verscherzt sich damit den Respekt der Redakteure. Das alles sieht der coole Produktmanager nicht, der einen sportlichen Ehrgeiz entwickelt, die Promoter in Grund und Boden zu dealen.
Täglich ersetzen massenhaft Newsletter eine profunde Kommunikation. Die haben dann Betreffzeilen wie: „Das lang ersehnte Album von Pola Pop ist da!“ und sind sämtlich ungelesen schon vor dem ersten Schluck Kaffee weggeklickt. Außer Pola Pop und ihrem Label hat kein Mensch auf dieses Album gewartet. Anschließend schaltet der Redakteur seinen Anrufbeantworter als Promoter-Abfangmaßnahme ein. Er hat noch seine Artikel zu schreiben, weil ihm längst nicht mehr so viele freie Autoren zur Verfügung stehen wie früher. Auf keinen Fall hat er Zeit für B-Promoter, die ihn unqualifiziert zutexten.
Einbahnstraße ins Altersprekariat
Es gibt zu viele PR-Büros. Bei jeder Firmenschrumpfung oder Fusion werden Leute frei – gesetzt, die es auf eigene Faust versuchen. Man braucht ja keine Investitionen. Das bisschen Sabbeln können sie auch von zu Hause aus. Die firmeneigene Database brennen sie noch schnell auf eine CD, bevor sie ihre Sachen packen. Das Arbeitsamt subventioniert den Anfang.
Jeder neue Freelancer wird als Preisbrecher benutzt. Der akzeptiert das, um erstmal ins Geschäft zu kommen. Aber er wird jedenfalls bei diesem Kunden für immer an seinem Einstiegstarif gemessen und verdirbt die Preise für andere. Dafür reißt er sich den Arsch auf. Und dann holt sich das Finanzamt im ungünstigsten Moment die Hälfte von allem. Altersvorsorge? Einige Kollegen sind auf der Einbahnstraße ins Altersprekariat. Die langjährige Akzeptanz und Erfahrung eines guten Promoters ist ein hohes Gut. Wo man meine Arbeit wertschätzte, habe ich tapfer Preise durchgesetzt, die mir eine intensive Arbeit erlaubten. Zur Not habe ich manchen Job sausen lassen. Auf andere Kooperationen habe ich verzichtet, wenn ich ein unrealistisches Management witterte oder unprofessionelle Produktmanager. Reich wird man so nicht, aber man schläft besser.
Ich habe mal versucht, einige qualifizierte Promoter in einer Interessengemeinschaft mit Qualitätsanspruch zusammenzu führen, um einheitliche Standards einzuführen. Alle fanden es gut und überfällig. Keiner hatte den Mut, mitzumachen. Nun hat die Branche ja selbst Existenzsorgen. Aber was die Leute in den Marketingetagen noch an Geld versenken können, macht mich fassungslos.
Geiz ist nicht geil, Geiz ist dumm
Als Freelancer hatte ich streckenweise das Glück, für 105 Music arbeiten zu dürfen. Bei denen galt noch „leben und leben lassen“. Die Kommunika – tion zwischen ihnen als Auftraggeber und den Promotionagenturen war kreativ und auf Augenhöhe. Im Lebenszyklus eines Albums gibt es genügend Störfaktoren, die man nicht ausgrenzen oder vorhersehen kann. Aber dieses Team hatte immer seine Schularbeiten gemacht. Man hatte Produktion, Zielgruppe, Tools, Timing und Promoteam in Einklang mit dem Budget gebracht, bevor der Startschuss erfolgte. Man hat sich einfach keine planungsbedingten Fehlstarts geleistet und so für wohl die Hälfte des Künstlerstamms hohe Chartpositionen beziehungsweise Edelmetall einfahren können. (Es gab weitere, positive Ausnahmen, an die ich gern denke, unter anderem Polydor zu Götz Kisos Zeiten, Warner Strategic Marketing und die Classic Divisions von Warner, Sony und BMG).
Warum handeln die Produktmanager sogar in großen Firmen nicht so? Weil sie kein eigenes Risiko tragen? Weil Künstler für sie nur durch – laufende Posten sind? Weil sie angesichts der Fluktuation immer wieder zu neu im Geschäft oder im Thema sind, um entsprechende Erfahrungen gesammelt zu haben? Weil man sich nicht auf wenige Produkte konzentriert? Weil das Timing nicht stimmt? Weil die Visuals nicht durchdacht sind? Weil man nicht bereit ist, die Erfahrung und Kontakt frequenz eines renommierten Promoters zu honorieren? Geiz ist nicht geil. Geiz ist dumm. Leider müssen die Künstler den Geiz ausbaden. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.
Als Manfred Gillig mich um einen Beitrag zur Serie bat, hatte er eine Sichtweise „aus der Distanz“ und 4000 Zeichen vorgegeben. Beides hat nun leider nicht so geklappt. Ich bin gerade mental wieder mittendrin. Ach so, ich soll ja noch die Frage beantworten, ob ich wieder einsteigen würde. Nicht als Freelancer und nur, wenn man die Zeit zurückdrehen könnte. In den Achtzigern und frühen Neunzigern war einfach mehr Lametta.
Berufsbild Promotion: „Sie wollen immer einen Porsche Cayenne zum Preis eines Fiat 500“
„Let’s talk about money“, sagt Elfi Küster zum Abschluss der Serie „Berufsbild Promotion“. Die Gründerin der Agentur KüsterCom hat sich 2008 aus dem Geschäft zurückgezogen und beobachtet nun aus kritischer Distanz die Entwicklung.






