Recorded & Publishing

Apropos: Blick in die Zukunft

ACTA ist ad acta gelegt worden. Über das Urheberrecht wird aber weiter diskutiert werden. Denn abschaffen wird man es nicht können.

Hellseher, Propheten, Zukunftsforscher oder Futuristen fanden zu allen Zeiten ein dankbares Publikum – von Habakuk im Alten Testament über Nostradamus bis hin zu Elizabeth Tessier und Matthias Horx. Kaffeesatzleserei kann ja auch Spaß machen, zumal dann, wenn man tatsächlich mal richtig liegt.

Oft aber bewirken gesellschaftliche Veränderungen, die intensiv beobachtet und interpretiert werden, gerade an ihrer Peripherie, dort, wo der blinde Fleck den Blick der Futuristen trübt, überraschende Nebeneffekte. Die normative Kraft des Faktischen wirkt zunächst womöglich unbemerkt und sehr dezent, bis ein gewisser Schwellenwert überschritten ist. Dann aber können sich fest etabliert geglaubte Koordinaten sehr schnell verschieben; plötzlich rücken Dinge in den Fokus, die lange Zeit irrelevant schienen.

Das Internet hat eine ganze Menge solcher Koordinaten verschoben. Eine der erstaunlichsten Nebenwirkungen dürfte dabei sein, dass das Urheberrecht zu einem zentralen Thema des öffentlichen Diskurses geworden ist. Dabei galt es noch bis vor wenigen Jahren als Spielwiese für relativ wenige spezialisierte Juristen, als Orchideenfach im Strauß der juristischen Fachgebiete. Und wenn selbst heute noch viele Juristen nicht alle Feinheiten des Urheberrechts verstehen oder manche Facetten eigenwillig interpretieren, so zeigt dies vor allem, was für ein Nachholbedarf besteht.

Das Urheberrecht ist ins Zentrum der Gesellschaft gerückt, weil die Verteilungskämpfe im Internet, bei denen es vordergründig um geistiges Eigentum, aber letztlich eben doch um wirtschaftliche Macht geht, seinen Einsatz als Instrumentarium notwendiger denn je machen.

Es hat – bei allem Justierungsbedarf – eben doch noch eine große Zukunft.

Manfred Gillig-Degrave Chefredakteur MusikWoche [email protected]