Es ist schon erstaunlich, mit welch einfachen Mitteln sich die Beißreflexe der Onlinegemeinde steuern lassen. Nein, die Proteste gegen SOPA und PIPA sind hier nicht gemeint. Vielmehr geht es um die GEMA und eine Plattform namens Grooveshark.
Grooveshark betreibt von den USA aus einen Streamingdienst. Die Plattform bietet Nutzern dabei die Möglichkeit, den Musikkatalog durch das Hochladen neuer Songs ständig zu erweitern. Lizenziert werden soll diese Art der Nutzung dann nachträglich. Der erste Teil dieses Modells scheint gut zu klappen, so dass sich Grooveshark durchaus Freunde unter den Nutzern gemacht hat. Im zweiten Teil aber hakt es, in den USA überziehen die Musikmajors das Unternehmen deshalb mit Klagen. Auch von deutschen Rechnern aus ließ sich Grooveshark bislang nutzen, jetzt aber hakt es auch hier.
Schuld daran sei, so suggeriert eine in holprigem Deutsch verfasste Mitteilung an die deutschen Surfer, die GEMA. Allein dieses Reizwort reicht aus, um im Netz einen Sturm der Entrüstung zu entfachen. Wer zum Beispiel die Facebook-Seite der GEMA aufruft, kann sich ein Bild davon machen. Offenbar haben der Zwist zwischen GEMA und YouTube, die Debatte um das Singen in den Kindergärten oder die Auseinandersetzungen zwischen der Verwertungsgesellschaft und den Veranstalterverbänden bestens den Boden für derlei gedanklichen und emotionalen Wildwuchs bereitet.
Da hilft es dann auch nur wenig, dass die Verwertungsgesellschaft in ihrer Antwort und in Kommentaren unmissverständlich klar macht, dass das angeblich finanziell überforderte Grooveshark sie nicht einmal kontaktiert hat. Stattdessen klagen die Besucher der GEMA-Profilseite über Zensur und eingeschränkte Freiheiten.
Wohlgemerkt: Bei dem Unternehmen, das hier angeblich Nutzern aus Deutschland wegen zu hohen Lizenzgebühren den Zugang verwehrt, handelt es sich um eine Firma, die in den USA gerade auf dem Klageweg versucht, den Musikbranchenbeobachter Paul Resnikoff und dessen Onlinenachrichtendienst „Digital Music News“ zur Herausgabe von Nutzerdaten zu zwingen. Dabei geht es darum, die Identität eines Tippgebers zu erhalten. Dieser vorgebliche Ex-Mitarbeiter von Grooveshark hatte in seinem Kommentar zu einem Grooveshark-Bericht auf „Digital Music News“ geschrieben, das Spitzenmanagement der Firma habe unter dem Deckmantel fingierter Nutzeridentitäten in nicht unerheblichem Maße daran mitgewirkt, Musik auf die Plattform zu schaufeln. Diese Vorlage wiederum griffen die Musikmajors in ihren Klagen gegen Grooveshark auf.
Der Beißreflex in Richtung GEMA hat sich derweil – abseits der Reformdiskussionen in der Kreativbranche und innerhalb der Verwertungsgesellschaft – schon so weit verselbstständigt, dass selbst ein etabliertes Medium wie die „Welt“ auf ihren Onlineseiten unter der Überschrift „Wie Sie die Gema-Sperren bei Youtube umgehen“ die Werbetrommel für ein Softwaretool rührt. Wider besseres Wissen, sollte man meinen.
Knut Schlinger Redakteur MusikWoche






