iTunes bringt Bewegung in die Welt der Downloads Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm Anders bei popfile: Universal nutzt mit Phonoline das gleiche Back-End, setzt bei der Schaufensterdekoration aber auf einen selbst entwickelten Shop. Die Klientel scheint dies zu würdigen. Ein Problem eint die ungleichen Brüder allerdings: Sie haben zu wenig Repertoire. Bei popfile mag man eventuell noch verstehen, dass einige Mitbewerber ihre Titel nicht gern an den Universal-Shop lizenzieren. Bei eventim- music indes, dem ersten Shop von Phonoline, der zur CeBit mit großem Trara gestartet wurde und der eigentlich als repräsentative Blaupause für Phonoline dienen sollte, erwarten Kunden eigentlich Vollabdeckung. Doch leider Fehlanzeige. EMI zum Beispiel hat nicht einen einzigen Song für eventim-music frei gegeben; eine offizielle Stellungnahme dazu ist aus Köln nicht zu bekommen. Umkodierung macht zusätzliche Kosten Aber wie so oft geht es bei solchen Fragen ums Geld. EMI hat einen Vertrag mit der Firma Loudeye, die soeben OD2 übernommen hat. Demnach besorgt der amerikanische Dienstleister das gesamte Encoding von EMI-Titeln weltweit. Wer also als Downloadverkäufer EMI-Songs ins Programm nehmen will, muss entweder mit dieser Art von Encodierung klar kommen oder zusätzliche Kosten für eine Umkodierung in Kauf nehmen. Phonoline kommt damit nicht klar und will diese Kosten nicht tragen. Das will EMI offenbar auch nicht, also gibt es keinen Robbie Williams und keine Kylie Minogue bei eventim-music. In den Shops, die OD2 beliefert, finden sich dagegen Titel von EMI. Dort bewegt sich die Bandbreite je nach Verkäufer zwischen 99 Cents und 1,89 Euro (MSN) beziehungsweise 1,99 Euro (Karstadt). Für Anke Fleischer, Geschäftsführerin von OD2 in Deutschland, dennoch kein Grund, um an der Preisschraube zu drehen: „Wir haben ein etwas anderes Geschäftsmodell. Während man in Shops mit Preisen zu 99 Cent auch Fehlkäufe in Kauf nehmen muss, können die Kunden von OD2-Shops sich für das gleiche Geld 99 Titel vollständig anhören und wissen danach auch, welche Songs sie wirklich kaufen wollen.“ Fleischer spielt damit auf das 27/2004 9 itunes & co.dossier Der Messias kam und brachte die Erlösung. Es gibt Menschen, die Steve Jobs‘ Stippvisite nach London durchaus als heilsbringenden Moment verstanden haben. Zumindest für die Musikwirtschaft. Nüchtern betrachtet ist der europäische Markt nun um einen – wenn auch hoch attraktiven – Wettbewerber reicher. Die drei Filialen des iTunes Music Store (iTMS) in Deutschland, Großbritannien und Frankreich werden sich künftig die vergleichsweise noch spärliche Kundschaft im digitalen Musikgeschäft mit zahlreichen Konkurrenten teilen müssen. Wer von den diversen Downloadshops in den nächsten Monaten tatsächlich die Oberhand gewinnen und seinen Fortbestand über die aktuelle Gründerzeit hinaus sichern will, muss allerdings noch einige Hausaufgaben erledigen. Kinderkrankheiten haben nämlich derzeit alle Angebote. Die Mäkeleien, die hinter vorgehaltener Hand in der Branche die Runde machen, helfen dem noch jungen Markt zwar nicht auf die Beine, als Manöverkritik sind sie aber unerlässlich: iTunes fehlt viel vom angekündigten Repertoire, Phonoline fehlen die Shops, eventim-music und chart-radio mangelt es an Kunden, OD2 ist relativ teuer, und Musicload muss noch strategische Entscheidungen innerhalb des Telekom- Konzerns abwarten. Musik als Köder für andere Produkte Und selbst wenn mancher Konkurrent, der seinen Downloadshop noch nicht gestartet hat (wie zum Beispiel Sony mit Connect oder Microsoft mit dem „Janus“-Projekt), versuchen wird, aus den Fehlern der Frühstarter zu lernen, so lassen sich im Download- Geschäft schon jetzt eigentlich nur zweierlei Ansätze erkennen, wenn es denn tatsächlich ein Geschäft sein soll. Da sind zum einen diejenigen Shops, die ihre Titel für weniger als einen Euro verkaufen (zum Beispiel iTunes oder eventim-music): Sie verdienen mit dem Verkauf von Musik nichts, die meisten zahlen sogar drauf. Das Kalkül dabei: Der Musikverkauf dient als Köder für andere rentablere Produkte des gleichen Anbieters. Die restlichen Shops verlangen deutlich mehr pro Song – zum Teil bis zu 1,99 Euro. Mit solchen Preisen verdienen zwar alle am Prozess beteiligten Geld; die Frage bleibt allerdings, wie lange Musicload oder die von OD2 belieferten Shops angesichts der Billigkonkurrenz ihre Preise hoch halten können. Oder ist der Preis womöglich gar nicht das alleinige Argument für die Kaufentscheidung der Download-Kundschaft? Nach musikwoche- Recherchen verkauft popfile.de, der Downloadshop von Universal Music, der inzwischen auch Musik anderer Labels anbietet, bestimmte Titel doppelt so oft wie eventim-music.de. Beide Shops bedienen sich der Technik von Phonoline; eventim verkauft Songs für 99 Cents, popfile für 1,49 Euro. Gleiches Produkt – 50 Prozent Preisunterschied; dennoch scheint popfile deutlich erfolgreicher. Auch wenn es niemand offiziell zugibt: Ein Grund hierfür ist der so genannte „White Label Shop“, den Phonoline allen angeschlossenen Händlern günstig anbietet. Ein Standard-Webshop ohne Schnörkel, aber eben auch ohne große Gestaltungsfreiräume für den jeweiligen Händler. Das Produkt ist günstig und lässt sich leicht mit individuellen Markenidentitäten vom White Label ins „Brand Label“ verwandeln. Aber wer sich einmal bei eventim-music.de umgesehen hat, weiß: So sahen Webshops bereits vor fünf Jahren aus, und auch damals verlockten sie nicht viele Musikliebhaber zum Kauf. Genoss das Blitzlichtgewitter bei der iTunes- Präsentation in London: Apple-Chef Steve Jobs 3 10 27/2004 dossier.itunes & co. Auch die Titelsuche arbeite „suboptimal“. Bis Ende Juli sollen diese Probleme jedoch gelöst sein, heißt es aus dem Umfeld von eventim-music. Dennoch war das bislang keine gute Werbung für den Technologiestandort Deutschland, Häme à la „Phono Collect“ bleibt dabei nicht aus. 925.000 Downloads in vier Wochen? Die Konsequenz: Die Phonoline-Outlets eventim-music und popfile hinken bei den Verkaufszahlen den Wettbewerbern deutlich hinterher; brancheninternen Schätzungen zufolge verkauft eventim nur wenig über 10.000 Songs pro Monat; bei popfile gehen die Meinungen auseinander, der Universal-Shop dürfte aber erheblich besser abschneiden. „Wir bewegen uns im europäischen Spitzenfeld – und das ohne Marketing“, formuliert Stefan Possert nebulös. Musicload, das Shop-System von T-Online, wird zusammen mit dem AOL Music Shop derzeit als Marktführer bewertet. Beide nutzen ein ähnliches Back-End- System von DWS und kommen wohl jeweils auf 100.000 bis 110.000 Downloads pro Monat. chart-radio.de spielt, so die Schätzungen, in der gleichen Liga wie eventim, und die von OD2 in Deutschland belieferten Shops (unter anderem MSN, MTV, karstadt.de und Tiscali) kommen kein gutes Licht auf die Musikbranche. Mit welcher Plattenfirma musikwoche auch sprach – immer war eine der Konkurrenzfirmen schuld an den Lizenzierungslücken. Charmant formuliert das Stefan Possert, Director Digital Media bei Universal: „Ich begrüße den Start von Apples Store und freue mich außerordentlich darüber: Endlich gibt es einen funktionierenden Shop, bei dem ich auch Titel von den anderen Majors downloaden kann.“ Ähnlich auch der Eindruck bei den Dienstleistern, die bisweilen den Kopf schütteln über das, was die Labels tun. Doch auch die Dienstleisterfirmen, die einen deutschen Weg bei der technologischen Lösung beschreiten wollten, haben gegenüber den Kaliforniern derzeit noch das Nachsehen. Offiziell ist man bei der T-Com mit der Entwicklung der Plattform völlig im Plan; die in der Presse laut gewordenen Vorwürfe, die Darmstädter hätten Phonoline nicht im Griff, weist man zurück. Intern hört man jedoch andere Stimmen: „Das Projektmanagement hat keine Ahnung“, schimpft ein ungenannt bleiben wollender T-Comer gegenüber musikwoche. 30 Prozent Downloadanteil am Gesamtmarkt, wie von manchem erwünscht, seien mit diesem System in den nächsten Jahren nicht zu realisieren. Vor allem der „White Label Shop“ sei eine einzige Katastrophe. Streamingangebot dieser Outlets an, bei dem Kunden ihre Wunschtitel in voller Länge probehören können. „Für einheitlich 99 Cent pro Titel besteht im Moment keine Notwendigkeit. Das ist sogar das absolut falsche Signal zu einer Zeit, wo Downloads noch kein Massenphänomen am Markt sind und Verdrängungswettbewerb gar nicht das Thema ist.“ Ähnlich sieht das Thorsten Schliesche, bei T-Online als Senior Manager Digital Shops & Music für Musicload zuständig: „Unser Durchschnittspreis liegt über 99 Cent pro Titel. Dies ist sicher aus Endkundensicht ein valider Preis, lässt aber den Anbietern kaum Spielraum, um wirtschaftlich zu agieren.“ Schliesche sagt sogar, er sei „froh, dass Apple endlich da ist. Das Phantom ist zu fassen, und es zeigt sich, dass es nicht so übermächtig ist, wie alle erwartet haben.“ Geschadet hat der Start des iTunes Music Store dem Angebot von Musicload bislang nicht: „Wir haben in den letzten Tagen dazu gewonnen“, so Schliesche. Preissenkungen zieht er deshalb höchstens im Rahmen von Sonderaktionen in Betracht. Über die Zukunft von Musicload macht er sich keine Sorgen. „T-Com bietet mit Phonoline eine Enabling-Plattform und kein Endkundenprodukt. Somit stehen wir nicht im direkten Wettbewerb, und was auch immer mit den Systemen passiert – Musicload wird als Marke und Shop fortbestehen.“ Die Konkurrenz im Hause Telekom in Form von T-Com/Phonoline könnte demnach noch länger weiter bestehen. All diese Individualhürden und Besonderheiten, die sich einem Endkunden unmöglich begreiflich machen lassen, behindern die Entwicklung des Download- Markts. Sie werfen manchmal auch Starker Andrang bei der Apple-Show am Themse-Ufer: Auch deutsche Musikmanager standen Schlange Sang in London ein Loblied auf Apple: Alicia Keys 27/2004 11 itunes & co.dossier erhalten, in einer Bandbreite von 55 und 85 Cents veranschlagt, dann müssten in Deutschland jährlich zwischen 475 und 740 Mio. Downloads verkauft werden, um alleine die Verluste des vergangenen Jahres zu kompensieren. Wieviel die Plattenfirmen von den jeweiligen Downloaddiensten erhalten, lässt sich indes nur ungefähr ermitteln. Offiziell lässt sich kein Unternehmen dabei in die Karten schauen. Beim iTunes Music Store gelten 67 Cents pro Titel als Durchschnittswert. Aktuelle Charts-Titel bringen den Labels etwas mehr, Katalogware etwas weniger. Anders als in den USA, wo diese 67 Cents als „Flatrate“ für alle gelten, konnten die deutschen Labels in den Verhandlungen mit Apple die Preise differenzieren. Zum Nachteil der Indies: Dem Vernehmen nach bot Steve Jobs einigen kleineren Firmen nur 55 Cents pro Titel – ein Grund, warum viele Indies ihre Lizenzen verweigern. Niemand weiß, wie sich alles entwickelt Bei der Konkurrenz gibt es ebenfalls unterschiedliche Preise. Ob Musicload, Phonoline oder OD2 – alle zahlen den Plattenfirmen zwischen 60 und 85 Cents pro Songfile. Schließlich weiß derzeit bei den Plattenfirmen niemand, wie sich der Markt mit Downloads entwickeln wird. Einig ist sich die Branche, dass im Onlineverkauf zwar Musik steckt, aber dass für die Entwikklung dieses jungen Marktsegments noch zu wenig getan wird. „Große Marketingkampagnen müssen her“, fordert der eine. „Die Künstler müssen sich mit Testimonials für legale Dienste stark machen“, schlägt ein anderer vor. Dass das noch längst nicht passiert, mag an den schrumpfenden Budgets liegen. Oder daran, dass alle auf den „Heilsbringer“ Steve Jobs gewartet haben. Magnus Lauster ihrer Liebe zum Musikfan, sondern unverhohlene Lockvogelangebote. Während eventim sein Ticketgeschäft mit Downloads anreichern will und demnächst auch Live-Tracks verkaufen wird, bei denen der Labelanteil pro Titel geringer sein dürfte, setzt Apple einzig und alleine auf den Verkauf seines Abspielgerätes iPod. Drei Millionen dieser Player hat der Computer-Hersteller bislang verkauft, der neue iPod mini hat sogar Wartezeiten bei der Lieferung. Branchenschätzungen gehen davon aus, dass Apple in den nächsten drei Monaten 120.000 iPods in Deutschland verkaufen und damit etwa 42 Mio. Euro Umsatz machen wird. Wenn die Vermutungen stimmen, wonach die im Handel je nach Ausführung ab 349 Euro teuren Geräte in der Herstellung eher unter 50 Euro kosten, dann kann Apple Anfang Oktober mit 30 Mio. Euro Gewinn in diesem Geschäftsbereich rechnen. Damit sollte es ein Leichtes sein, die bis dahin anfallenden Verluste des iTunes Music Store auszugleichen. Doch wenn die Musikbranche ihre Verluste im physischen Geschäft mit Downloads ausgleichen will, muss sich der digitale Verkauf noch ziemlich stark entwickeln. Im Jahr 2003 verlor die deutsche Tonträgerindustrie im Vergleich zu 2002 rund 400 Mio. Euro Umsatz. Wenn man den Anteil, den die Labels pro Download zusammen auf zwischen 30.000 und 50.000 Verkäufe im Monat. Mit gutem Willen verkaufen also die Shops, die schon vor dem Start von Apple aktiv waren, jeden Monat maximal 300.000 Songs. Nun starrt die Branche gebannt auf den iTunes Music Store und seine Anfangserfolge. In den USA waren es nach drei Tagen eine Million verkaufter Titel. Nach 13 Monaten waren es 85 Mio., also durchschnittlich rund 6,5 Mio. pro Monat. Setzt man im digitalen Markt denselben Maßstab zum Vergleich zwischen den USA und Deutschland an wie im physischen Geschäft, nämlich sieben zu eins, dann müsste der deutsche iTMS alle vier Wochen über 925.000 Titel verkaufen. Steve Jobs wird gewusst haben, warum er beim Start keine Prognosen abgab. Aber selbst wenn Apple seine Erfolge aus den USA wiederholen kann: Wie lange wird es dauern, bis sich damit die Verluste im physischen Geschäft kompensieren lassen? Dazu bietet sich ein Vergleich der Kostenstrukturen bei den einzelnen Shops an. Legt man diese Schablone über die jeweiligen Angebote, wird schnell klar: Apple und eventim machen mit ihren Downloads kein Geschäft. Im Gegenteil, sie zahlen massiv drauf (siehe Musterrechnungen auf Seite 14). Doch Songs für 99 Cents sind bei beiden nicht Ausdruck One-Man-Show: Steve Jobs demonstriert die fünf wesentlichen Vorteile des iTunes Music Store Froh über den Deutschlandstart von Apple: Thorsten Schliesche, TOnline 12 27/2004 dossier.itunes & co. nur einen Tag vor iTunes freigeschalteten „SonicSelector“-Shops von OD2 verfolgen ein sehr ähnliches Konzept. Das Programm, auf das sie aufsetzen, ist Microsofts Mediaplayer, der mit der nächsten Entwicklungsgeneration nach iTunes- Vorbild zur einzig nötigen Musikschnittstelle auf dem Rechner-Desktop mutieren soll. Denn was Apple gerade erfährt, weiß Microsoft natürlich schon lange: Wenn PC-Nutzer auf ihrem Rechner ein hinreichend gutes Programm vorinstalliert vorfinden, wird es ganz, ganz eng für die Konkurrenz. So drängte der Microsoft Internet Explorer dereinst den damals eigentlich haushoch überlegenen Netscape-Browser aus dem Markt; so sorgt der Bundle-Verkauf von Office-Programmen dafür, dass auch Word und Co. einen Weltmarktanteil von über 80 Prozent halten. Doch im Markt der Musikdownloads heißt das derzeitige Schwergewicht iTunes, und durch den Shop findet das Apple-Programm erstmals auch auf Windows-PCs weitere Verbreitung. Für Steve Jobs ist iTunes „das beste Windows-Programm, das je geschrieben wurde“. Bequem ist es allemal. Schnittstelle fürs Home Entertainment So sieht die Praxis aus: Das Shopping im Musikladen beginnt mit einem Klick, der den Nutzer – nachdem er das beim ersten Mal so selektiert hat – direkt in „seinen“ Ländershop führt. Dort kann er sich Musik empfehlen lassen, im Bestand stöbern oder ihn nach spezifischen Titeln durchsuchen. Ein Klick auf einen Songtitel startet einen 30-sekündigen Stream in bester Qualität, um schon einmal „Probe zu hören“. Ein Doppelklick oder ein Klick auf den „Titel kaufen“-Button startet den Download. Der mag aus einem Einzelsong bestehen, aus einer Zusammenstellung oder einem piert, über das sich Musik ordnen, hören und brennen lässt. Als zusätzliches Feature kam im letzten Jahr der Shop hinzu, der direkt über das iTunes-Programm abgefragt wird. Abgesehen davon, dass auch der Musik-Store ein grafisches Front-End besitzt, das mit redaktionellen Leistungen locken und zum Kauf verführen will, ist der Kauf in erster Linie eine Funktion des Programms: Mit ihr füllt man mit nur einem Klick Lücken in der Musiksammlung. Richtig mächtig und weit über das hinausgehend, was alle Konkurrenten bieten können, ist iTunes aber durch seine „alten“ Funktionen: Da ist das Ordnen, „Verwalten“, Hören, Mischen, Austauschen und Brennen von Musik eben kein zusätzliches Bonbon, sondern die Grundfunktion des Programms. Das hat was, und das hat auch die Konkurrenz erkannt: Die Apples stärkstes Alleinstellungsmerkmal ist, dass iTunes eben kein „Webshop“, kein Verkaufsstand im Internet ist. Wie also funktioniert der iTunes-Store? Anders als die Konkurrenz. Die hat durch die Bank folgenden Weg gewählt: Sie baut Webseiten, von denen aus sich Kataloge durchsuchen lassen. Um wirklich Musik herunter zu laden, braucht man bei den Phonoline- Shops, bei Sonys Connect wie bei Napster ein Zusatzprogramm, über das vor allem das Digital Rights Management abgewickelt wird. Um das für die Kunden attraktiver zu machen, haben die Entwickler ihre Programme mit einigen Funktionen aufgepeppt, die das Download-Programm zum digitalen Player aufwerten sollen. Apple ist die Sache anders herum angegangen. iTunes wurde ursprünglich als Musik-Verwaltungsprogramm konzi- User stellen ihre eigenen Playlist zusammen: iMix ist ein weiteres Feature, mit dem iTunes auftrumpft Testfahrt durch den iTunes-Shop Schickes Design, schöne Lösungen London/Feldkirchen – „Webshops suck“, sagte Steve Jobs bei der Vorstellung von iTunes in London. Als gewiefter Marketer weiß er, dass im noch immer winzigen Downloadmarkt mit seiner stetig wachsenden Zahl von Konkurrenten nur derjenige reüssieren wird, der echte Alleinstellungsmerkmale bietet. 27/2004 13 itunes & co.dossier Album. Apple bietet für alles Cover-Varianten an, die professionell gestaltet wirken und als Einleger für CD-Boxen vorformatiert sind. Die „Ware“ landet direkt im iTunes-Bestand, wechselt also gar nicht den „Ort“: Man hört sich seinen Kauf da an, wo man ihn erworben hat. Ein einziger Klick in die „Brennlinse“ am oberen rechten Rand des Programms startet den CD-Brenner. Vom Kauf bis zur fertigen CD vergehen dann nur wenige Minuten. Vom Probehören, Kaufen, Cover-Ausdrucken bis hin zum Brennen gab es keine Notwendigkeit, das Programm zu wechseln. Das ist, mit Verlaub, so „oma-kompatibel“, wie Software sein kann. Die Zeit ist reif für legalen Download Wie schnell das alles funktioniert, hängt nur von der Internetverbindung des Kunden ab. Was Apple an Bandbreiten bietet, ist schlichtweg beeindruckend. Schon bei einer kleinen DSL-Leitung folgen Song- Appetizer und Downloads dem Klick nach wenigen Sekundenbruchteilen. Seit einigen Monaten arbeitet Apple fieberhaft daran, iTunes immer weiter „aufzubohren“. Das Ziel ist offensichtlich, iTunes zur Schnittstelle für das gesamte Home-Entertainment zu machen. Schon im Juli beginnt der Verkauf der „Airport Express mit AirTunes“ getauften WLan-Schnittstellen, die Rechner und Stereoanlage verbinden sollen. Das Motto, das Steve Jobs ausgegeben hat, ist „Rendezvous“: In näherer Zukunft sollen Apple-Geräte kreuz und quer durch Haus und Netzwerke ihre Inhalte austauschen: Treffen sich etwa zwei Apple-Nutzer in einem WLan- Netzwerk (zum Beispiel am Flughafen), so tauschen ihre iTunes-Programme gegenseitig ihre Songlisten aus. Ein in Deutschland noch mickriger, in den USA aber wachsender Bestand an Musikvideos, die man sich kostenfrei ansehen kann, zeigt, wohin der Weg weiter geht. Eine aufgeräumte Schnittstelle zu einer Auswahl von Web-Radiostationen schafft zusätzliche Mehrwerte. Viele der angebotenen Streams sind mit 128 kBits/s codiert; das entspricht der Qualität von Downloadsongs. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis entsprechende Kodierungen dafür sorgen, dass man Titel aus dem laufenden Programm per Klick kaufen kann. Unter dem Strich ist der Music Store also kein „Web-Shop“, den man per Browser besucht, um dort einzukaufen. Er ist ein integraler Bestandteil eines kraftvollen Entertainment- Werkzeugs, über den man auch einkaufen kann, wenn einem danach ist. Das dürfte die Schwelle zur Kaufentscheidung merklich senken. Zwei Tage nach dem Start des Music-Stores in Europa fragten wir bei „Spiegel Online“ die Leserschaft, wie es inzwischen um die Einstellung gegenüber kommerziellen Downloadbörsen bestellt ist. Über 80 Prozent der Antwortenden sagten, die Zeit sei reif für den legalen Download. Mehr noch: 30 Prozent gaben an, sie hätten das schon ausprobiert, und weitere 30 Prozent planten für die nähere Zukunft einen Musikeinkauf per Klick. Apple hat mit der Software die Nase vorn und bietet Dinge, die die Konkurrenz erst einmal entwickeln muss. Und iTunes ist längst noch nicht ausgereizt. Frank Patalong der autor Frank Patalong ist seit 1999 Ressortleiter der „Netzwelt“ bei „Spiegel Online“, seit 2002 sporadisch Dozent an der Akademie für Publizistik in Hamburg. Bauchlandung oder Flachstart? London/Feldkirchen – Als am 15. Juni der iTunes Music Store in drei europäischen Ländern seine Pforten öffnete, geschah etwas, das man bei Apple wohl nie zuvor erlebt und sicherlich nicht erwartet hatte: Es hagelte Kritik von Seiten der Fans. „Nicht genug drin“ hieß es da. „Blöd, dass das nur mit Kreditkarte funktioniert.“ Oder: „Warum unvollständige Alben?“ Und und und. Nachdem die „Mac- Gemeinde“ tagelang den Countdown zelebriert hatte, zeigte sie sich ganz offen enttäuscht. Es dauerte Stunden, bis im Forum einer Mac-Fanseite eine zaghafte Stimme mutmaßte, die Holperer hätten bestimmt ihre Ursache bei der Musikindustrie. Doch bei Universal murrte es am Folgetag des Shopstarts missmutig, dass man für iTunes doch eigentlich schon viel mehr Repertoire frei geschaltet hätte. „Die“ kämen einfach mit dem Material nicht hinterher. Offiziell sagt Apple dazu nichts. Hinter vorgehaltener Hand erfährt man, dass den Labels mit einem „Software Development Kit“ die Software zur Kodierung der Songs an die Hand gegeben worden sei, und mit der zugehörigen Server-Schnittstelle lieferten sie ihre Ware auch selbst an den Shop aus. Von einem Scheitern könne so oder so keine Rede sein. Die Aufgabe war ja auch alles andere als trivial. Es galt, ein Repertoire von rund 700.000 Songs in verschiedenen Zusammenstellungen, mit unterschiedlichen Rechte- und Abrechnungsmodalitäten in drei verschiedene Länder-Shops einzupflegen. Das alles unter Zeitdruck (Apple wollte vor Sony und Napster in Europa an den Start gehen), mit einer Fangemeinde im Nacken, die dem Start entgegen fieberte – und mit einer öffentlichen Erwartungshaltung konfrontiert, die den Shopstart fast zur Rettung der Musikindustrie hochstilisierte. Dabei gingen ein paar Dinge schief, und die vollmundigen Versprechungen der Apple-Topmanager entpuppten sich als ziemliches Gedröhne. „Warum“, so ein Apple- Insider, der direkt an der Produktion von iTunes Europa beteiligt ist, „sollte Apple davor gefeit sein, die gleichen Fehler zu machen wie alle anderen“? Genau. Aber Schwamm drüber: Gehen wir doch mal davon aus, dass sich das im Laufe der Zeit gibt. So ist der Start von iTunes keineswegs zur Bauchlandung geworden – nur fiel er halt viel flacher aus, als erwartet. Nach dem Blick darauf, was Apple misslungen sein mag, lohnt aber auch der Blick auf das, was gut gelungen ist. Frank Patalong Einige Abteilungen werden noch wachsen: Im Music Store findet der Kunde auch Hörbücher und Musikvideos 14 27/2004 dossier.itunes & co. Subventionierte Kalkulation: Bei einem Downloadpreis von 99 Cent pro Track macht eventim-music kein Geschäft PhonoLine/eventim-music Wer verdient was am Download? musikwoche recherchierte bei den diversen Anbietern die Kostenstruktur für Downloads. Die genannten Zahlen sind geschätzte Richtwerte. Um zu ermitteln, wie viel unterm Strich beim Downloadverkauf übrig bliebt, müssen unter anderem folgende Posten vom Verkaufspreis abgezogen werden: Transaktion: alles, was mit der Übermittlung der Daten und den damit verbundenen technologischen Dienstleistungen anfällt; diese betragen zwischen zehn (Apple) und 22 Cent (Phonoline). Payment: Ob Kreditkarte, Pay- Pal, Bankeinzug oder T-Pay, die Banken verdienen kräftig mit – je nach Bezahlform zwischen drei und 15 Prozent vom Bruttoverkaufspreis (BVK). Zudem müssen Händler Rückstellungen für Zahlungsausfälle einkalkulieren. Shop: Für inhaltliche und strukturelle Pflege werden zehn Prozent des BVK fällig. Mehrwertsteuer: in Deutschland 16 Prozent vom BVK. Urheberrechtsabgaben: derzeit noch ein großer Streitfall in der Branche. Die GEMA will 15 Prozent vom Nettoverkaufspreis. Sollte dieser Wert jedoch unter 20 Cent liegen, verlangt die GEMA pauschal mindestens 20 Cent pro Titel. Einige IFPI-Firmen erhalten Rabatte, sodass sich die GEMA-Kosten auf zwölf Prozent vom Nettoverkaufspreis belaufen. musikwoche kalkuliert mit den veröffentlichten Tarifen der Urheberrechtsgesellschaft. Künstler: Durchschnittlich treten die Labels 20 Prozent ihres Verkaufsanteils an die Künstler ab. Dieser Wert variiert jedoch stark. Marketing: rund 15 Prozent der Labelmarge Fixkosten: rund zehn Prozent der Labelmarge (Tantiemenabrechnung, Controlling, Encoding). Dieser Posten könnte in Zukunft sogar wachsen, da mangels einer zentralen Clearing-Stelle alle Labels ihre Tantiemen selbst ermitteln und abrechnen müssen.
Apple: iTunes bringt Bewegung in die Welt der Downloads
Die Katze ist aus dem Sack: Der iTunes Music Store von Apple ist nun auch in Deutschland auf dem Markt. Und er trifft, anders als in den USA vor über einem Jahr, bereits auf Konkurrenz. Was bedeutet das für Apple, was für die Mitbewerber?





