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Apple baut Blaupause für digitalen Musikvertrieb

Eine Million bezahlte Downloads in einer Woche – das ist die erste Bilanz des iTunes Music Store, den Apple Computer am 28. April in Betrieb nahm. 34 dieser Songs kaufte musikwoche.de und machte den Live-Test. Ergebnis: Ein weltweiter Start des Dienstes ist wünschenswert und überfällig.

Musik aus dem Internet herunterzuladen kann so einfach sein. Besonders wenn man es legal macht. In Deutschland geht das im größeren Maßstab und mit einer nennenswerten Auswahl an Hits bislang nur mit dem Angebot popfile.de aus dem Hause Universal Music. Oder bei Online-Händlern wie karstadt.de, wom.de und hotvision.de, die dank ihrer Zusammenarbeit mit dem Digitalvertriebsdienstleister OD2 Songfiles im Netz anbieten können.

Wie gut hat es da im Vergleich der amerikanische Musikfan mit Hang zum digitalen Kosmos. Seit Ende April hat der Apple iTunes Music Store geöffnet, und die Kunden rennen Apple-Chef Steve Jobs seither die Tür ein. Im Schnitt zwei Songs pro Sekunde verkaufte der digitale Store in der ersten Woche. Macht nach sieben Tagen mehr als eine Million Files – und bei einem Stückpreis von 99 US-Cent einen Umsatz von mindestens 990.000 Dollar. Nach den ersten 18 Stunden waren es bereits 275.000 Titel.

Laut US-Medien erhält Apple dabei von den fünf Majorfirmen, die die Musiklizenzen für den Online-Dienst gaben, 35 Cent Verkaufsmarge pro Titel. Damit hätte der Computer-Hersteller in nur einer Woche über 350.000 Dollar mit seiner Neuentwicklung eingenommen. Kein Wunder, dass sich Jobs zufrieden zeigt: „In noch nicht mal einer Woche sind wir zum weltweit größten Online-Musik-Unternehmen geworden“, jubiliert er. Das klingt vermessen, doch mangels Vergleichsgrößen müssen Außenstehende auf Einschätzungen von Experten ausweichen. Phil Leigh, Media-Analyst von Raymond James & Associates, schätzt die Jahresumsätze aller anderen in den USA aktiven Musikdienste auf zusammen 35 Millionen Dollar. Wenn Apple in diesem Tempo weiter verkauft, kommen die Kalifornier in einem Jahr auf 52 Millionen Dollar.

Diese etwas mutige Hochrechnung würde den Lizenzen gebenden Plattenfirmen rund 33 Millionen Dollar Umsatz in die Kassen spülen. Genau das, worauf die Branche gewartet hat, möchte man urteilen, jedoch: Der iTunes Music Store gewährt derzeit nur Besitzern einer US-Kreditkarte Einlass. Obendrein müssen Kaufwillige über einen Macintosh-Rechner mit dem neuesten Apple-Betriebssystem (Mac OS X) verfügen. Eben diese Zugangsbeschränkungen waren nach Ansicht von Branchenkennern die Bedingung der Majors für das grüne Licht in Lizenzfragen. Denn überraschenderweise gewähren Apple und die Rechteinhaber der Songs weit reichende Nutzungsrechte für die Online-Kunden. So dürfen die Songfiles auf eine unbegrenzte Zahl von CDs gebrannt werden. Obendrein können die Songs auf beliebig vielen der iPod-Player von Apple und auf insgesamt drei Macintosh-Rechnern abgespielt werden.

Das ist insoweit bemerkenswert, weil dadurch de facto ein Peer-to-Peer-System legalisiert wird – mit Einschränkungen: Einmal gekauft, darf eine Datei auf eine unbegrenzte Zahl von mobilen Abspielgeräten weitergereicht werden. Im Prinzip nichts anderes, als Songs auf Tauschbörsen anzubieten, nur: Man muss dafür im Besitz eines Apple-Geräts sein. User dürfen zwar die maximal 7500 Songs, die auf die neue Generation von iPods passen, an so viele weitere iPod-Nutzer verteilen, wie sie wollen, der Zugangs-Code zur iTunes-Welt ist jedoch immer der Besitz des Apple-Gadgets selbst. Oder wie Jobs es formuliert: „Kunden möchten nicht als Kriminelle behandelt werden, und die Künstler möchten nicht um die Früchte ihrer Arbeit betrogen werden. Der iTunes Music Store bietet eine Lösung für beide.“

Die gleichzeitig mit dem Music Store vorgestellte Weiterentwicklung des Abspielgeräts iPod bietet inzwischen bei verringerten Außenmaßen eine erhöhte Speicherkapazität von nun bis zu 30 GB. Für die neue Generation der tragbaren Mini-Player liegen dem Computer-Hersteller inzwischen 110.000 Bestellungen vor; in den USA kauften bereits 20.000 Menschen das Gerät. Um den größten iPod legal mit Musik zu füllen, müssten Fans 7425 Dollar für die Dateien hinblättern. Diese sind im iTunes Music Store im Format AAC hinterlegt – eine Entwicklung von Dolby, die im Gegensatz zu MP3-Files ein zuverlässiges Digital Rights Management System zulässt. Zudem verfügt AAC über eine bessere Tonqualität.

Erwähnenswert ist auch noch, dass bisherige Nutzer der iTunes-Software, die in ihren derzeitigen Entwicklungsstufen noch mit dem MP3-Format operierte, beim kostenlosen Upgrade auf iTunes 4 ihre Songfile-Datenbank ins AAC-Format umwandeln können. Somit bleibt die digitale Plattensammlung auch künftig verfügbar. Die Software gibt es kostenlos auf der Apple-Website. Bis zum Jahresende soll auch eine Version für Microsoft-Systeme verfügbar sein, heißt es. Ob dann noch alle fünf Majors ihr Repertoire für den Download-Dienst freigeben werden, ist fraglich: Laut „Billboard Bulletin“ hätten zwei der Big Five intern schon angekündigt, die Lizenzen zurückzuziehen, sollte der iTunes Music Store auch auf Windows-Rechnern laufen. Allerdings steht einer Ausweitung jenseits der USA nichts im Wege.

Unterdessen meldet sich in der aktuellen Ausgabe des US-Magazins „Fortune“ die Branche zum Thema zu Wort. Apple-Chef Steve Jobs erzählt darin in einem Exklusiv-Interview, wie er mit seinem Online-Angebot den digitalen Musikvertrieb revolutionieren will. „Das wird in die Geschichte eingehen als der Wendepunkt für die Musikindustrie“, so Jobs. Ähnlich euphorisch gibt sich auch der Chef von Sony Music: „Ich glaube nicht, dass ich länger als 15 Sekunden überlegen musste, bis ich mich dazu entschloss, unser Repertoire an Apple zu lizenzieren“, erzählt Andrew Lack. „Die Eine-Million-Marke schon in der ersten Woche zu übertreffen, kam total überraschend,“ findet Roger Ames, Chairman & CEO von Warner Music. „Apple hat Fans, Künstlern und der gesamten Musikindustrie gezeigt, dass ein einfacher und legaler Weg der Musikdistribution über das Internet möglich ist.“ Ähnlich beeindruckt ist auch Doug Morris, CEO von Universal Music: „Unsere internen Erwartungen an den iTunes Music Store lagen bei einer Million verkaufter Songs im ersten Monat. Dies bereits in einer Woche zu bewerkstelligen ist ein Riesenerfolg. Mit dem iTunes Music Store hat Apple definitiv das Richtige gemacht.“ Mr Jobs, die deutsche Branche wartet.

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