Recorded & Publishing

Andreas Bär Läsker über den deutschen HipHop

Für Andreas „Bär“ Läsker, President Def Jam Germany, hängt an der Frage nach dem Stellenwert von deutschem HipHop mehr als nur eine Standortbestimmung.

Auf die Frage, ob die Blütezeit des deutschen HipHops vorbei sei, antwortet Läsker mit einer Gegenfrage: „Die Frage ist, was man unter,Blütezeit‘ versteht. Wenn man die Zeit meint, in der aufgrund des verstärkten Interesses der Verbraucher und aufgrund eines in erster Linie aus den Medien entstandenen Mega-Hypes jeder, der zusammenhängende Sätze sprechen konnte, einen dicken Deal bei einer wie auch immer gearteten Plattenfirma bekommen hat, dann ist die antwort,Ja‘ – diese Zeit ist vorbei.

Zum Glück, kann ich da nur sagen, denn nie war ein Boom so schädlich für ein vergleichsweise junges Pflänzchen. HipHop ist eine Musik von Kindern für Kinder…. oder auch von jungen Menschen für andere junge Menschen. Wenn ich mal ein Zitat von Lyor Cohen, President & CEO DefJam/Island Music Group, New York, einflechten darf: „Hiphop ist the last music children can use to piss off their parents.“ Da hat er zweifellos recht. Hiphop…oder nennen wir es mal Rap-Musik ist aufgrund der begleitenden Umstände, die man ja immmer und immer wieder verzweifelt als Kltur auszuweisen versucht (Breakdance, Gaffiti, DJ-ing) an sich schon eine sehr kryptische Sache für jeden Nicht-Jugendlichen.

Die Kids bedienen sich einer Sprache, die sich extrem abgrenzt von dem, was selbst die hartgesottensten Eltern zu verstehen in der Lage, geschweige denn willens sind. Das ist prinzipiell kein Problem. Da es sich bei Rap-Musik aber um eine sehr egomanische Sache handelt, die noch dazu von schon in jungen Jahren recht breitbeinig aufgestellten jungs auf eine unglaublich testosterongeladene Art und Weise performt wird, führt diese Abgrenzung durch Sprache zu einer Selbstüberschätzung sondersgleichen, was der Szene einen sehr eigenständigen Charakter verliehen hat. Nichts gegen autarkes Handeln, aber Kinder brauchen Grenzen, Lehrstunden und Leute, die ihnen einen Laufstall bauen. Natürlich muss man selbigen so groß bauen, dass sie ihn weder sehen noch wirklich spüren können. Aber ohne ihn laufen sie irgendwann mit verbrannten Händen – das Beispiel mit dem Kind und der Herdplatte sollte ja geläufig sein – durch die Wüste und wenn sie jemanden treffen, der ihnen eigentlich helfen könnte, stammeln sie kryptisches Zeug und verdursten vor den Augen des vermeintlichen Retters.

Das ist in etwa die Situation zwischen den zuständigen A&Rs und der deutschen HipHop-Szene. Normalerweise ist es ja die Regel, dass die Industrie für schnelle hypes und vorzeitig ausgerufene,neue Trends‘ verantwortlich zeichnet und damit oft schon den Sellout und den manchmal darauffolgenden Blitztod dieser Movements herbeiführt – man denke nur an Drum ’n Bass, Jungle oder Two-Step. Natürlich co-existieren viele Totgesagte weiterhin friedlich in ihrem Umfeld mit artverwandten Genres weiter, haben aber längst ihren kommerziellen Approach verloren. Im Falle des deutschen HipHop ist das Debakel ausnahmsweise mal nur zu 50 Prozent dem deutschen A&R-Wesen zuzuschreiben. Den Rest hat die sogenannte HipHop-Szene selbst verschuldet, nicht zuletzt durch ihr inzestiöses Verhalten.

Wenn eine Szene nur über sich selbst redet, jeden aussperrt, der über Allgemeingültiges spricht – und damit womöglich Erfolg hat – und das in einer Sprache, die wiederum nur die Szene wirklich versteht, verbunden mit der Tatsache, dass Szene-Angehörige nicht nur Downloads, CD-Brennen und Diebstahl betreiben (wie alle andern Kids auch), sondern dies aufgrund ihrer vermeintlichen Underground-Attitüde auch noch obercool finden, dann muss einen eigentlich nichts mehr wundern, oder?

Ich gehe mit der Lage so um, dass ich hartes, langwieriges und schwerst autoritäres A&R mache, mich mit den Künstlern wirklich face to face auseinandersetze und ihnen sowohl die obengenannten Problematiken erkläre als auch meinen job. Natürlich soll und muss es einen Underground geben (der übrigens früher und in anderen Musikgenres mal,Avantgarde‘ hieß, das gefiel mir rein verbal wesentlich besser), aber er hat auf einem Major-Label nichts zu suchen.

Es gibt exzellente Zellen, die sich um diesen Untergund kümmern (Deck 8, rap.de, gbz-imp.de und andere), wohingegen größere, auf Umsatz nicht nur ausgerichtete, sondern angewiesene Labels sich da tunlichst raushalten sollten. Es gilt das alte Underground-Prinzip: „Watch it, don’t touch it“. Meiner Meinung nach muss der deutsche HipHop wieder anfangen, sich weniger ernst zu nehmen, ohne jetzt die künstlerische Verantwortung gegenüber gesellschafspolitisch relevanten Themen ausgrenzen zu wollen. Der deutsche HipHop muss in die Clubs, wo er definitiv nicht stattfindet. Das liegt an den meist schlechten deutschen Produktionen und an der Tatsache, dass die texte überwiegend so spassfrei sind – und man sie dummerweise auch noch versteht – und an der Tatsache, dass das Lachen nur im Keller stattfinden kann und dort logischerweise keine Tanzwut aufkommt.

Außerdem kann sich eine sogenannte kultur auch nur dann weiterentwickeln, wenn sie a) allgemeingültige Themen zumindest streift und b) die Beimischung von frischem Erbgut zulässt. Nichts davon ist im Moment der Fall.