musikwoche.de: Was hat sich in den letzten zwei Jahren in der Musikbranche verändert? Sind die Zeiten wirklich so schwierig geworden, wie man immer wieder hört? Christian Wolff: Ich finde die Zeiten hart, aber ich halte nichts davon zu jammern. Natürlich hat sich am Markt in den vergangenen 24 Monaten sehr viel verändert, und das hat zwangsläufig auch Auswirkungen auf die Tonträgerfirmen. Dass sich bei BMG einiges geändert hat, ist bekannt; das alles konnte man ja jede Woche in musikwoche.de nachlesen.
mw: Die Lage ist also schwieriger geworden? Wolff: Ich finde das alles eher spannend als schwierig.
mw: Was wird denn aus Ihrer Sicht die große Herausforderung dieses Jahres für die Branche? Bessere A&R-Arbeit? André Selleneit: Wir alle in der Industrie konnten, durften und mussten uns viele Fehler erlauben. Ich sage bewusst auch „mussten“, denn im A&R-Bereich müssen wir uns gelegentlich Fehler einfach zugestehen. Aber die größte Herausforderung ist diese: Der Markt lässt es nicht mehr zu, dass wir uns viele Fehler erlauben. Und so wird’s eng. Das heißt, jede Entscheidung muss stärker durchdacht und abgesichert werden. Das macht es natürlich schwieriger, aber es siebt auch aus. Wer übrig bleibt, gehört zu den Leuten, die diese Entscheidungen treffen können. Wir alle dürfen uns nicht mehr viele Fehler erlauben.
mw: Es gilt also, die eigene Arbeit zielgenauer zu fokussieren und die Ausgaben nicht mehr so breit zu streuen? Wolff: Exakt. Aber im Marketingbereich muss auf jeden Fall zur Fokussierung eine höhere Kreativität hinzu kommen. Denn so, wie es früher war, das ist vorbei: Drehen wir mal schnell ein Video für Viva ab und jagen noch eine Fernsehkampagne hinterher, und dann werden wir schon sehen, ob es funktionert oder nicht. Wir müssen unsere Themen besser vorbereiten, um den Konsumenten über verschiedene Kanäle zu erreichen. Dass es nach wie vor einen Kaufwillen gibt, wenn das Produkt stimmt, das zeigt sich doch immer wieder. Dazu muss man gar nicht das traurige Beispiel Enya nach dem 11. September 2001 bemühen. Aber daran zeigt sich auch, dass der Konsument im Prinzip bereit ist, CDs zu kaufen, anstatt sie zu brennen oder runterzuladen. Das hat eben viel mit inhaltlicher Kreativität zu tun.
mw: Muss man diese Kreativät denn immer in ein teures Video stecken? Wolff: Die Millionen von Mark, die jetzt auf Bändern in den Archiven ruhen, haben wir alle nicht mehr. So viel Geld können wir nicht mehr ausgeben.
mw: Kann man nicht wenigstens die Archive nutzen, indem man DVDs daraus zusammenstellt? Selleneit: Die Flops will doch keiner sehen. Die Entscheidung, ein Video zu drehen und zu welchem Budget, ist bei den neuen Themen zehnmal schwieriger geworden als vor zwei Jahren. Damals hat man oft leichtfertig gesagt, ein Video machen wir, das Budget haben wir. Das geht heute nicht mehr. Es hat auch was mit dem Hit-Flop-Verhältnis zu tun. Wenn nur zehn Prozent aller Veröffentlichungen zu Hits werden, dann wird es heutzutage eng. Die Ratio muss mindestens bei 30 oder 40 Prozent liegen.
mw: Sollte man dann im Zweifelsfall nicht auf zwei Themen verzichten, um sich lieber auf das dritte zu konzentrieren? Selleneit: Definitiv.
mw: Hat das alte Gießkannenprinzip also ausgedient, weil die Gießkanne jetzt weniger Löcher hat? Selleneit: Ganz klar. In diese Richtung zielt auch unsere Strategie.
mw: Wie haben eigentlich die Hamburger Kollegen die aufgenommen? Selleneit: Man muss dem gesamten Team, das von Hamburg nach Berlin umgezogen ist, ein Riesenkompliment machen. Zwischen unserer Entscheidung, Hamburg zu schließen, und unserem Ziel, am 7. Januar 2002 morgens um zehn Uhr solle die Firma in Berlin funktionieren – zwischen diesen beiden Daten lagen nur acht Wochen. Wolff: Und der Laden läuft seit dem 7. Januar hervorragend. Wir haben BMG Ariola Hamburg mit BMG Berlin Musik fusioniert. Das heißt unterm Strich, dass wir sämtliches Repertoire, das wir in Hamburg betreut haben, nach Berlin geholt haben – ob international wie Christina Aguilera, Westlife, Elvis Presley oder national wie Jazzkantine und das Palastorchester mit seinem Sänger Max Raabe. Zur neuen Berliner Abteilung gehört auch Die Musikfirma Ariola, , als Andi und ich getrennte Wege gingen. Von der Musikfirma Ariola haben wir das Label Na klar! mit Wolfgang Petry und Andreas Martin sowie als eigenes Signing Ben feat. Gim mit eingebracht. Übrigens sind alle Hamburger, die mit dem Produkt gearbeitet haben und nicht der Schließung zum Opfer fielen, mit nach Berlin gekommen.
mw: Warum haben Sie das alles so schnell duchgezogen? Selleneit: Unser Ziel war, dass der Laden am 7. Januar funktioniert, und das ist gelungen. Es war eine logistische Meisterleistung. Aber bei den engagierten Zielen, die uns aus London, New York und Gütersloh vorgegeben werden, bleibt uns auch gar keine Zeit, erst in Ruhe zu überlegen. Da hatten wir keinen Tag zu verlieren.
mw: Sind die Zielvorgaben härter geworden? Muss die Rendite in Zukunft steigen? Selleneit: Das kann man wohl sagen. Aber das ist auch verständlich. Denn die zurückliegenden zwei oder drei Jahre waren bei BMG weltweit nicht so erfreulich. Und außerdem braucht Dr. Thomas Middelhoff für den Börsengang klare Zahlen. Das drückt ganz schön auf die Tube.
mw: Steht da nicht im Hintergrund die Einschätzung der Konzernspitze, dass Bertelsmann den Musikbereich gar nicht mehr braucht? Selleneit: Mein Eindruck ist, dass die Musik zur Bertelsmann-Kultur und -Philosophie gehört, allen Unkenrufen zum Trotz. Man hat sich auch klar zur Musik bekannt. Aber auf der anderen Seite gibt es auch die harten Kampfansagen, was die Zielvorgaben betrifft. Wolff: Ein Commitment hält immer nur so lange, wie das Geschäft läuft; da müssen wir uns nichts in die Tasche lügen. Das ist so. Wir müssen halt unsere Pläne erfüllen, damit sie im Gesamtkonzern Sinn machen. Das ist in jedem Unternehmen so.
mw: Vor Jahresfrist sind Sie beide getrennte Wege gegangen; Christian Wolff mit der BMG Ariola Hamburg und der Musikfirma Ariola, André Selleneit mit BMG Berlin Musik. Sie hatten doch sicher nicht die Absicht, nach einem Jahr wieder beide Firmen zusammen zu legen. Hat Sie die Konjunkturflaute dazu gezwungen? Wolff: Da kam vieles zusammen. Zwar hatte jede der beiden Firmen ihre eigene Entwicklung. Aber der Markt hat uns mit Brennerei und Kopiererei natürlich beinflusst. Und es gab möglicherweise schlechte Produktversorgung, sowohl bei eigenen wie bei internationalen Produkten. Da ging dann die Diskussion los: Wie viele Companies können wir uns noch erlauben? Es gab auch andere Modelle, aber Andi und ich, wir haben uns zusammengesetzt und lange darüber diskutiert, was der richtige oder der falsche Weg ist. Man konnte darüber diskutieren, ob Berlin der richtige Standort ist oder nicht doch besser Hamburg oder gar München oder Köln. Unterm Strich haben wir das beste Modell gefunden, sowohl vom Standort her wie auch mit den unterschiedlichen Repertoirebereichen, die wir zusammengelegt haben. Und nicht zu vergessen gilt das auch für das Team, das bereits zusammen gewachsen ist. Selleneit: Im August oder September 2000 hat niemand in dieser Industrie vorhergesagt, was dann 2001 über uns hereingebrochen ist. Wir schwelgten damals auf der Popkomm in ungebremster Euphorie; 2001 hat uns leider neue, bittere Erkenntnisse gebracht.
mw: Fühlen Sie sich mit der neu formierten Firma für die Herausforderungen der Zeit gerüstet? Selleneit: Ich finde, BMG ist jetzt sehr klar und stark aufgestellt. Und die Message ist ebenfalls klar: Die zwei BMG-Standorte München und Berlin bleiben bestehen; das hat Thomas M. Stein sehr . Die Diskussion ist vom Tisch, ob die Münchner nach Berlin ziehen. Nach den ersten acht Wochen des neuen Jahres sind wir jetzt so aufgestellt, dass man an den ersten Zahlen für Januar und Februar sieht, dass diese Firma exzellent positioniert ist – trotz der nicht gerade besten Produktversorgung; es kann in dieser Hinsicht eigentlich nur besser werden. Wenn wir jetzt noch, so wie es uns beiden in den letzten zehn Jahren immer mal wieder gelungen ist, ein paar neue Top-Ten-Hits breaken oder aus den USA eine Überraschung bekommen – dann ist das eine herrlich gesunde Firma.
mw: Inwiefern profitieren Sie noch vom Satellitensystem der BMG, nachdem es ja die Hamburger BMG-Adresse nicht mehr gibt? Wolff: Es ist im Moment ein bisschen kleiner, als es mal war, aber das kann sich ändern. Über Hamburg ist GUN Records in Bochum mit H-Blockx, Guano Apes, Him und anderen bei uns mit eingeflossen. GUN ist ein Satellit, der bestehen bleiben wird, weil er die Kompetenz in seinem A&R-Bereich hat, während wir die Services dazu beitragen, alle Marketing-Serviceleistungen, Promotion, Vertriebssteuerung. Es gibt mit Low Spirit einen zweiten Satelliten mit Konzepten wie Love Parade, Mayday oder Westbam; wir haben die Verträge um drei Jahre verlängert. Und wir arbeiten nach wie vor mit Goldrush zusammen (2raumwohnung). Aber all das passt sich dem Markt an. Selleneit: BMG hat jetzt in Deutschland zwei große Repertoirefirmen und dazu die A&R-Satelliten, und mit dieser Struktur werden wir in Zukunft sicher eher expandieren als schrumpfen. Zum Glück kommt ja keiner in der Musikbranche auf die Idee, trotz der Marktanpassung jetzt auch zum A&R-Rückzug zu blasen. Im Gegenteil: Alle sind sich einig, dass die schlechten Zeiten nicht dazu führen müssen, dass wir im A&R-Bereich auf die Bremse treten. Das ist nicht gewünscht.
mw: Themen wie Popstars, No Angels oder Big Brother fördern doch sicher nicht eine Rückbesinnung auf A&R, oder? Selleneit: Nein. Aber Christian und ich waren viele Jahre im nationalen A&R-Bereich die Nummer eins, und wir setzen ein Signal, dass wir jetzt in diesem Bereich auf die Tube drücken.
mw: Wie sieht dabei die Arbeitsteilung aus? Selleneit: Mein Fokus liegt auf A&R, der von Christian auf Marketing.
mw: Arbeiten Sie noch mit George Glueck zusammen? Selleneit: Ich kenne ihn seit 25 Jahren, er ist ein guter Freund. Wir haben damals zusammen das Label Sing Sing gegründet und hatten Megaerfolge mit Lucilectric, Die Doofen, H-Blockx – es war eine schöne Zeit. Aber nun ist er ja leider bei Sony Music.
mw: Wieso eigentlich? Selleneit: Es ging natürlich ums Geld, das immer dann besonders wichtig wird, wenn ein Vertrag ausläuft. Manchmal will man eben nicht um jeden Preis mitbieten. Zum Glueck hatte das auf unsere persönliche Beziehung keine Auswirkung.
mw: Welches Potenzial sehen Sie bei der DVD? Wolff: Hier existiert definitiv ein Markt mit Wachstumspotenzial, in dem wir mitspielen, den wir bedienen müssen. Aber die Denke muss sich bei uns noch ändern; wir müssen in Musik und Bildern denken. Man muss attraktive Inhalte schaffen, was bei Maffay hervorragend geklappt hat, und dann tut sich da ein lohnender Markt auf. Es ist noch eine hervorragende Spielwiese, um einiges auszuprobieren und dann über exklusive Inhalte am Markt teilnehmen zu können.
mw: Ist der Kopierschutz eine Lösung im Kampf gegen die wilde Brennerei? Wolff: Mit Sicherheit ist ein Kopierschutz keine endgültige Lösung; man wird immer wieder neue Technologien entwickeln müssen. Aus meiner Sicht hat sich die Tonträgerindustrie viel zu lange passiv verhalten. Wir brauchen jetzt dringendst Rechtssicherheit für alle in der Branche, die in dieser Problematik mit drin hängen. Wenn ich eine Playstation kaufe, brauche ich ein Game dazu, sonst funktioniert sie nicht. Aber wenn eine CD in einem Player nicht läuft, heißt es, unsere CD sei nicht gut. Diese Logik müssen wir umdrehen: Eine CD mit Kopierschutz ist gut – wenn der Player sie nicht abspielt, ist er eben die falsche Playstation für diese Art von CD. Wir müssen uns gegen den Diebstahl schützen.
mw: Aber allein am Kopieren kann es nicht liegen, wenn der Markt rückläufig ist. In hat er 2001 zugelegt, obwohl auch dort CD-Rohlinge den Absatz bespielter Tonträger eingeholt haben. Woran hapert es denn sonst noch? Selleneit: In den letzten Jahren haben sich einige Probleme addiert. Im A&R-Bereich leiden wir natürlich darunter, dass es derzeit keinen klaren Trend gibt, der auf breiter Ebene für Euphorie sorgen könnte. Das kommt zur Brennerproblematik hinzu.
mw: Sehen Sie denn wirklich keinen Trend? Selleneit: Leider noch nicht. Aber nach meiner Erfahrung ist eines so sicher wie das Amen in der Kirche: Kommen wird er.






