Recorded & Publishing

„Alle wollen die gemeinsame Plattform“

Tim Renner, Chairman & CEO Universal Music

musikwoche: Der Juni 2003 brachte abermals drastische Einbrüche. Hat die Musikbranche damit die Talsohle erreicht? Welche Zeichen für eine Wende zum Positiven lassen sich generell erkennen?

Tim Renner: Die Musikindustrie hat die volle Packung abbekommen: wir sind mitten in einer gesellschaftlichen, einer strukturellen und einer technologischen Krise. Mehr geht nicht. Das Ende der Talfahrt ist daher noch nicht in Sicht, aber die Weichen für den Aufschwung sind gestellt:

· Die Urheberrechtsnovelle ermöglicht effektiven Kopierschutz. · Die gemeinsamen Anstrengungen der Branche werden für alle die Welt der legalen Musik im Netz erschließen.

· Die Diskussion um die Radioquote hilft bereits heute, Flächen für Neuheiten und Deutschsprachiges zu gewinnen. · Die A&R-Aktivitäten der meisten Firmen kreisen um Acts, die deutsch singen oder klingen, und nicht um deutsche Epigonen angloamerikanischer Styles. · Neue Fomate wie DVD, SACD, DVD-A oder auch die Pock It! werden endlich medienwirksam und auch massiv genutzt oder ihre Einführung unterstützt.

Zusammen mit der Tatsache, dass zwar Compilations und Singles weiterhin ins Bodenlose fallen, sich aber One-Artist-Alben, besonders die lokaler Künstler, im Markt stabilisieren, lässt das alles wieder hoffen.

mw: Wie haben sich die Tätigkeitsfelder und Aktivitäten der Majors in den vergangenen zehn Jahren verändert? Wo sehen Sie für die Zukunft die Kernkompetenz?

Renner: Die Majors haben in den vergangenen Jahren diverse Wandlungen durchgemacht: von der Musikvertriebsfirma zum riesigen Marketingapparat, und in Zukunft werden sie mehr und mehr zu Verwertern von Musikrechten. Das bedeutet: Es geht weiter um Musik. Aber dann eben in jeder Form. Zu lange haben wir an der CD als einziger Vermittlungsform festgehalten. Jetzt gilt es neue Formate, Nebenverwertungen aber auch das non- physische Gut Musik als eigentlichen Motor unserer Geschäfts zu sehen. Solange Menschen singen, wird mit Musik Geld verdient. Solange mit Musik Geld verdient wird, wird es übergreifend operierende Unternehmen für die Auswertung dieser Musik geben. Das heißt aber nicht zwingend, dass man als Major immer runde, silberne Scheiben verkauft.

mw: Sind multinationale und börsenorientierte Konzernstrukturen auf Dauer überhaupt kompatibel mit Musik?

Renner: Der Markt selbst ist multinational, deshalb sollten es die Firmen auch sein. Die Aufgabe ihrer lokalen Töchter besteht darin, den eigenen regionalen Klang in das globale Soundbild hinzu zu geben. Jedoch bitte nicht darin, die internationalen Melodien nachzuspielen. Dafür braucht sie keiner. Die Musikwirtschaft muss Rechte vorfinanzieren. Dazu braucht sie Kapital. Ob es die Bank ist, die ständig ihren Kredit einfordert, oder die Quartalsbilanz, ist dabei egal. Beides ist lästig. Beides gehört zum Geschäft. Ein Major ist dann stark, wenn er lokal Mut beweist. Eine Konzernzentrale vermittelt, gleicht an, sucht nach Standards. Sie ist darauf angewiesen, dass ihre lokalen Vertreter sich eigenständig auch ohne Netz und doppelten Boden bewegen, Risiken eingehen. Das ist der Job eines regionalen CEOs. Das Problem ist meist nicht das System, sondern das Selbstverständnis.

mw: Welchen Anteil am Gesamtaufkommen werden die verschiedenen Vertriebsformen – digitale Datei, physischer Tonträger, Individual-CD… – in fünf Jahren haben?

Renner: Vorsicht Kaffeesatz! Fakt ist: Der Konsument will alle drei Vertriebsformen. Fakt ist auch, dass die Existenzberechtigung von Anbietern und Absatzmittlern dadurch entsteht, dass die Wünsche des Konsumenten in Inhalt und Form erfüllt werden. Was letzteres genau heißt, gilt es ständig wieder neu herauszufinden. Und zwar dadurch, dass man Absatzmittler ermutigt, selbst Angebote macht. Man darf hingegen auf keinen Fall versuchen, ein Geschäft zu regulieren, bevor es sich als Geschäft beweisen konnte.

mw: Wann kommt die gemeinsame Download-Plattform? Wo liegen die Probleme, wo die Chancen?

Renner: Die Plattform kommt, wenn wir mit allen endlich alle Fragen aus dem Weg geräumt haben. Klar ist eines: Alle wollen die gemeinsame Plattform. Also wird sie auch kommen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Nur wenn wir gemeinsam die treibende Kraft hinter der non- physischen Distribution sind, können wir auch den Weg mitbestimmen, den sie in Zukunft nehmen wird. Nur wenn wir ein lückenlose Angebot sicherstellen, nutzen wir die Stärke des Internet.

mw: Wie könnte eine sinnvolle und für alle Beteiligten ergiebige Arbeitsteilung zwischen Majors, Indies und Künstlern aussehen?

Renner: Ich finde die bestehende durchaus sinnvoll, auch wenn ich die harte Trennung mal in Frage stellen würde. Wodurch definiert sich ein Indie? Durch die geringeren Budgets? Wohl kaum, denn die sind branchenübergreifend klein. Wenn „Indie“ meint: mit vielen Ideen und Liebe zur Sache für und mit Musik arbeiten, dann will ich auch mit Universal ein Indie sein. Wenn Indie jedoch bedeutet, dass man sich in seiner kleinen Nische genügt und gar nicht die Brücke zur Masse bauen mag, dann sind wir gerne diejenigen, die mit neuer Musik auch neue Mehrheiten erschließen.

mw: Und wenn alle Live-Mitschnitte, alle Videoclips und alle Archivreste verbraten sind – bedeutet das dann das Ende der Musik-DVD? Was kommt danach?

Renner: Die DVD vereint das optische und das musikalische mit dem Interaktiven. Das ist unendlich in die Zukunft denkbar. Besonders wenn man an den internet-fähigen DVD-Player denkt, der ermöglicht, dass sich der gekaufte Träger ständig selbst erneuert.

mw: Welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen sich wie ändern, damit es mit der Branche wieder aufwärts geht? Was erwarten Sie noch von der Politik?

Renner: Diese Branche hat nie die Nähe zur Politik gesucht, ja diese sogar gemieden. Es ging ihr zu gut, und sie gefiel sich in ihrer Rolle jenseits des Establishments. Seit zwei Jahren haben wir uns bemüht – und schon werden Urhebergesetze in unserem Sinne optimiert, lässt sich die Politik auf den Diskurs mit den mächtigen Radiostationen ein, haben Parteien Pop-Beauftragte in ihrem Vorstand. Ich hätte diese Geschwindigkeit nie von der Politik erwartet und bin stolz auf das gemeinsam Erreichte. Jetzt muss es weitergehen, in Sachen Quote, in Sachen zweiter Korb der Urheberrechtsnovelle, in Sachen Wert des geistigen Eigentums in der Gesellschaft.