Musik

Zwischenruf von Walter Gröbchen, monkey.: „I Want My MP3!“

Die Tonträgerbranche beklagt eine Absatzflaute, und technologischer Fortschritt setzt den traditionellen Geschäftsmodellen der Musikwirtschaft zu. Zeit, neue Modelle umzusetzen, findet Walter Gröbchen. Der Geschäftsführer der Agentur monkey. und A&R-Consultant bei Universal Music Publishing GmbH macht sich Gedanken über die mögliche Nutzung neuer Technologien.

“The Times, They Are A-Changin“, nölte Bob Dylan, und ich habe dieses lakonische Statement wieder und wieder gehört. Nichtsdestotrotz ist das Dylan-Album eines der Herzstücke meiner Plattensammlung. Vinyl, wohlgemerkt. Meine Tochter, 17, mag den Barden nicht so gern leiden. Für sie ist Dylan nur eine graue Legende. Und Vinyl ein exotisches Ding. Auch CDs lassen sie kalt: Die brennt doch schon jeder pickelige Nachbarsbub auf seinem PC. Ihr Lieblingsspielzeug ist ein MP3-Player. Unter uns: meines auch. Kennen Sie Musicmatch Jukebox? Das ist ein Programm zum Erstellen und Verwalten einer MP3-Kollektion, die Basisversion gibt’s gratis im Netz.

Teure MP3-Player für jedermann

Geschlagen wird diese Software höchstens von iTunes, dem Gegenstück der Apple-Welt. Hier gehen Optik, Funktionalität und Simplizität optimal zusammen. Mein Instinkt sagt mir: Das hat Hand und Fuß. Das ist sexy. Das ist die Zukunft. Die Zukunft ist heute leider noch recht teuer. Ich müsste mir extra einen Apple-Computer kaufen, um iTunes nutzen zu können. Und wirklich Spaß macht das Programm erst in Kombination mit dem iPod. Das ist ein knapp zigarettenschachtelgroßes Kästchen mit Display, Apples erster MP3-Player samt eingebauter Fünf-Gigabyte-Festplatte. Die ermöglicht es, seine halbe Plattensammlung in der Hosentasche mit sich rumzutragen. Ähnlich schicke und – noch – in unvernünftigen Preisregionen angesiedelte Gadgets hat Sony im Programm. Der Konzern hat offenbar seinen Widerstand gegen das MP3-Format aufgegeben oder zumindest gelockert. Auch Bang & Olufsen präsentiert Pläne in Richtung Internet, PC-Anbindung und digitaler Lifestyle. Den Edelstahl-Player BeoSound 2 samt nutzerorientierter Software sieht B&O-Chef Torben Sorensen nur als „erstes Leuchtfeuer im Nebel der Entwicklungsmöglichkeiten“. Die konservative Firma steht plötzlich an vorderster Front in Sachen Zukunftsmusik. Das tut mehr oder minder die gesamte Hardware-Industrie. DVD-Player, Disc-Portables, Autoradios, MP3-Player oder Notebooks – alle bieten heute die Möglichkeit, das weitestverbreitete Format im Spannungsfeld zwischen HiFi und PC zu nutzen. Dazu gesellen sich immer mehr Tech-Tools, die darauf schließen lassen, dass der Trend sich gegen die Stereo-Anlage wendet und Platz macht für Maschinen, die die tönenden Bits & Bytes nicht nur willig, sondern nachgerade elegant, innovativ und bedienerfreundlich schlucken: Musikserver, Multimedia-Jukeboxes, Compact Drives. Die Dinger haben viele Namen. Und eines gemeinsam: Speicherkapazitäten ab einem Gigabyte aufwärts. Bereits das reicht für 18 Stunden Musik am Stück.

Es gibt also die Hardware. Kurioserweise aber kaum legale Software. Obwohl sich auf einer MP3-CD gut zehn Stunden Musik in durchaus akzeptabler Qualität unterbringen ließen. Das nenn ich dann Compact Disc! Doch die Musikindustrie scheint sich der Idee, ihre Inhalte auch im MP3-Format anzubieten, zu verweigern. Vade retro, satanas! Sorry, das ist weltfremd. Und dumm. Weil bar jeder Geschäftsidee. Denn abseits von Kultur- und Geschmacksfragen geht es primär um Service und Bequemlichkeit. Die Cracks der Branche haben – zumindest behaupten sie das immer – das Talent, die beste Musik aus einem unüberschaubaren Angebot auszuwählen, zusammenzustellen, zu vermarkten und zu vertreiben. Warum überlässt man also die weite MP3-Wunderwelt allein den PC-Freaks, Sammler-Nerds und Raubkopierern? Warum schlägt man sich mit Download-Tankstellen und Napster-Wiedergeburten herum, wenn sich – zumindest zwischenzeitlich – auch Geld mit clever kompilierten und geschmackssicher verpackten MP3-CDs machen ließe? Zumindest der Backkatalog, das sowieso schon tausendmal verwurstete Archiv also, lässt sich so elegant ausschlachten. Und die Billigpreis-CD in eine neue Quantitätssphäre heben. Der Handel, der ungebrochen auf funkelnde Silberscheiben setzt, müsste sich erst recht freuen. Alright, höre ich Spötter murmeln, aber das Zeug gibt’s doch haufenweise kostenlos im Internet.

Leuten das geben, was sie wollen

Und man möge doch dem Untergang der Musikindustrie, wie wir sie kennen, keinen Vorschub leisten. Nun: Die Musikindustrie, wie wir sie kennen, wird sowieso untergehen. Aber vorher sollte sie sich noch ein Beispiel an den Kollegen von der Hardwarefraktion nehmen und den Leuten das geben, was sie wollen. Ich liebe die Idee, meine gesamte Plattensammlung im Hosensack mit mir herumzutragen. Und ich bin gern bereit, für qualitativ hochwertige MP3-Kollektionen zu bezahlen. Allein die Zeit, die ich mir durch das Laden von CDs erspare im Vergleich zum mühsamen – und eben nicht kostenlosen! – Saugen aus dem Internet oder beim Umwandeln von WAV auf MP3. „It’s The End Of The World As We Know It“, singen R.E.M. „And I Feel Fine“. Und ich wette: Bald gibt’s den Song auch als legalen MP3-File. Wie auch „The Times They Are A-Changin“. Und ein paar Millionen superbe Musikstücke mehr. Und an jene, die ob dieser schlichten Vision im Angstrausch den Totschläger zücken, noch eine beiläufige Botschaft: Für die „Fan & Collectors Item“-CD samt opulenter Digipack-Hülle, MPEG-Video, 16-seitigem Booklet und Surround-Tonspur in allerfeinster Audioqualität gebe ich gern auch in Zukunft Kohle aus. Sowieso.