Mit einem billigen Abklatsch einstiger Größe hat man es bei „Bone“ allerdings nicht zu tun. Tim Booth ist viel zu aufgeweckt und unternehmungslustig, um auf seiner ersten Platte in Eigenregie einfach das alte Erfolgsrezept zu kopieren, das James seit 1982 in schöner Regelmäßigkeit in die Charts katapultierte.
„Als ich bei James ausstieg, war das in erster Linie keine Entscheidung gegen Musik, sondern gegen die Mechanismen der Musikindustrie. Ich hatte schlicht und einfach keine Lust mehr, mich gewissen Zwängen unterzuordnen.“
Dabei ist er nicht so blauäugig zu glauben, er könnte die Zeit zurückdrehen und noch einmal von vorne anfangen. „Mir ist durchaus bewusst, dass man sich bis zu einem gewissen Grad kompromissbereit zeigen muss, sonst hat man heute keine Chance, sich zu behaupten.“
Bitte keinen Zeitdruck
Für Tim Booth war die Begegnung mit dem Musiker und Produzenten Lee „Muddy“ Baker der entscheidende Wendepunkt. „Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt bereits einige Songs geschrieben, aber erst gemeinsam ist es uns gelungen, diese Stücke wirklich mit Leben zu füllen.“
Neben Baker war für das Gelingen von „Bone“ auch die Zusammenarbeit mit Kevin „KK“ Kerrigan entscheidend, den Tim Booth bei den Aufnahmen zum letzten Album von James kennen lernte. „Er hatte bereits damals erstklassiges Material geschrieben, es aber einfach nicht veröffentlicht.“ So entstand zum Beispiel „Down To The Sea“, einer der besten Songs des Albums, gemeinsam mit Kerrigan.
Auf ein großes Studio verzichteten die drei bei der Produktion; die meisten Aufnahmen entstanden im Schlafzimmer von Lee Baker in Brighton. „Es war die richtige Entscheidung, sich von jedem Zeitdruck zu verabschieden. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in einer so entspannten Atmosphäre gearbeitet zu haben. Normalerweise gibt man sonst für ein Studio ein paar tausend Pfund am Tag aus, ohne die Gewähr zu haben, dass man genau dann, wenn es drauf ankommt, alles richtig macht.
Tim Booth gerät über die musikalischen Fähigkeiten seines musikalischen Partners Lee Baker während des Gesprächs immer wieder ins Schwärmen. „Er ist perfekt, wenn es darum geht, aus einzelnen Ideen einen guten Song zu machen. Zudem ist sein Gespür für außergewöhnliche Grooves absolut einzigartig.“
Offen in alle Richtungen
Im Vergleich zu seiner früheren Band James klingen die Songs auf Tim Booths erstem Soloalbum in der Tat eleganter, weniger kantig. Und die musikalische Freiheit geht einher mit der künstlerischen Freiheit: „Bone“ ist die erste Veröffentlichung auf seinem eigenen Label Monkeygod Records.
„Wie es in Zukunft damit weitergeht, ist mir allerdings noch nicht ganz klar“, erklärt Booth. „Ich habe mich noch nicht festgelegt, bin aber total offen. In meiner Band gibt es einige fantastische Musiker, die ich gerne auf meinem Label veröffentlichen möchte. Die Leute von Sanctuary lassen mir alle künstlerischen Freiheiten. Sie reden mir in keiner Weise rein.“
Unabhängigkeit steht für Tim Booth inzwischen an erster Stelle. „Es gibt wohl nicht viele Angestellte bei Plattenfirmen, die in den letzten Jahren mehr über das Musikbusiness gelernt haben, als ich. Deshalb ist es wohl auch nicht einfach, mit mir zu verhandeln.“


