Musik

Zehn Jahre Gun Records

„Von Anfang an sollte bei Gun alles möglich sein“

musikwoche.de: Wie fällt Ihr persönliches Resümee nach zehn Jahren Gun Records aus? Wolfgang Funk: Als wir 1992 anfingen, brauchte niemand ein neues Rocklabel. Die gesamte Rockszene war im Umbruch, vom Metal hin zum Grunge, was Auswirkungen auf das Marketing von Rockbands hatte. Auf einmal waren Single-Hits gefragt. Wir haben bei Null angefangen, und das größte Ziel meines damaligen Geschäftspartners Bogdan „Boggi“ Kopec und mir war es, einmal eine Goldene Schallplatte zu bekommen. Heute sind es ein paar Auszeichnungen mehr in dieser Größenordnung.

mw: Die Bilanz fällt also insgesamt sehr positiv aus? Funk: In erster Linie möchte ich mich hier bei Thomas M. Stein und bei der BMG Ariola bedanken, die uns in den schwierigen ersten drei bis vier Jahren immer den Rücken gestärkt haben. Die letzten fünf, sechs Jahre waren dann einfach sensationell.

mw: Mit Supersonic hat Gun Records ein Unterlabel für Musik abseits des klassischen Metals eingerichtet. War dieser Schritt notwendig? Funk: Von Anfang an sollte bei Gun von Punk bis Metal alles möglich sein. Das zeigte sich ja schon bei der Wahl des Namens: G.U.N. = Great Unlimited Noises. Trotzdem wurden wir nicht besonders ernst genommen, obwohl die ersten Bands, die wir unter Vertrag nahmen – Sun, Monkeys With Tools und Depressive Age – ein sehr breites Stilspektrum abdeckten. Das wurde zu einem Problem, als die Platten mit dem Gun-Logo fast automatisch immer bei den Metal-Spezialisten landeten. Guano Apes war die erste Band, die auf Supersonic veröffentlichte, und das hat prächtig funktioniert.

mw: Wie kam es 1999 zur Trennung von Bogdan Kopec, dem zweiten Geschäftsführer, der mit seinem Label Drakkar auf geraden Heavy Metal setzt? Funk: Wir sind noch gute Freunde. Die Trennung hatte rein musikalische Gründe. Wir konnten uns ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr darauf einigen, in welche Bands wir unser Geld investieren sollten.

mw: Hat sich dadurch das Image von Gun Records verändert? Funk: In gewisser Weise schon. Das liegt daran, dass Bogdan Kopec Bands wie Kreator und Sodom zu Drakkar mitgenommen hat. Dazu kam, dass der riesige Erfolg von Guano Apes und Him das Gesicht des Labels verändert hat. Diesen Vorgang haben wir sehr positiv aufgenommen. Mit Running Wild steht bei uns immer noch eine klassische Metal-Band unter Vertrag. Und wir haben mit Paradise Lost und Skindred aus England interessante Formationen an uns gebunden.

mw: Hat sich in den letzten zehn Jahren die Perspektive für ein Label wie Gun in Bezug auf den europäischen Markt verschoben? Funk: Es gibt den Euro und kaum noch Grenzen in Europa. Warum sollten wir unsere Visionen nicht ausdehnen? Das ist definitiv die Zukunft. Formationen wie Him oder Guano Apes sind längst außerhalb ihrer Heimatländer bekannt. Unser Fokus liegt auf europaweiten Kampagnen.

mw: Ist die Idee hinter Gun, mit einer Kreativzelle Talente aufzuspüren und mit der Kraft eines Majorvertriebs durchzusetzen, optimal aufgegangen? Funk: Hier war der lange Atem von BMG entscheidend. Beim Rock funktioniert meist erst das dritte oder vierte Album. Diese Ausdauer muss man als Label und als Partner mitbringen.

mw: 1993 hat Gun die erfolgreiche Alternative-Compilationreihe „Crossing All Over“ eingeführt. Hat sie unter dem schlechten Marktumfeld gelitten? Funk: Als wir diese Serie ins Leben riefen, gab es gar kein Forum für Rockmusik. Die Idee war, bekannten internationalen Bands deutsche Gruppen gegenüberzustellen, um zu zeigen, welche Qualität wir bieten. Es war mehr als Promotiontool gedacht. Dass die Reihe so gut eingeschlagen hat, liegt wieder am langen Atem, so dass wir eine Serie daraus gemacht haben. Sie hat ihre kleineren Schwankungen, aber wir haben einen Markteinbruch noch nicht dramatisch gespürt.

am 10. Februar 1992…

… wurde das Büro des Labels G.U.N. (Great Unlimited Noises) feierlich eröffnet – von Wolfgang Funk, der zuvor als Marketingleiter im Rockdepartment von EMI Electrola in Köln gearbeitet hatte, und Bogdan Kopec, bekannt als Manager von Ruhrpott-Metal-Bands wie Kreator und Rage. Die Firma, die inzwischen zu 100 Prozent in den Besitz von BMG Ariola übergegangen ist, stellte in den folgenden Jahren im Segment der harten Rockmusik in Deutschland einige neue Rekordmarken auf. 1993 führte man erfolgreich die Compilationreihe „Crossing All Over“ ein, die sich bald zu einem regelrechten Dauerbrenner entwickelte und bis heute mehr als 1,5 Millionen Einheiten verkaufte. Der kommerzielle Durchbruch gelang dann mit dem Debütalbum „Proud Like A God“ und der Single „Open Your Eyes“ der Göttinger Band Guano Apes, veröffentlicht auf dem Unterlabel Supersonic. Anfang 2000 belegte Gun mit der Single „Him“ und dem Album „Razorblade Romance“ der finnischen Band Him erstmals beide Spitzenplätze der deutschen Charts.