musikwoche.de: Worin sieht Low Spirit die wesentlichen Unterschiede im Dance-Markt zwischen 1991 und heute?
Low Spirit (William Röttger, Maximillian Lenz alias WestBam, Sandra Molzahn und Klaus Jankuhn): 1991 fingen die sich gerade entwickelnden lokalen Technoszenen an, sich zu vernetzen. Auslöser dafür waren vor allem die Loveparade und Mayday. Die Basis für den flächendeckenden Erfolg dieser Musikkultur wurde damals gelegt. 1991 mußte man noch hundert Kilometer bis zum nächsten Techno-Club fahren, heute kommt man mit zwanzig Kilometern hin. Und in ihren verschiedenen Mainstream-Derivaten kann man Technokultur heute an jeder Ecke hören.
mw: Wie haben Sie auf diese Entwicklung reagiert?
Low Spirit: Wir haben diese Entwicklungen zum Teil iniziiert, zum Teil beeinflußt und sind zum Teil von ihnen überrollt worden. Besonders der bahnbrechende Pop-Erfolg unter dem Motto „Raving Society“ Mitte der 90er war irgendwann nicht mehr zu kontrollieren. Er hat diese Szene für immer auf die Landkarte gebracht, aber auch traumatisiert. Das ganze Trance-Ding mit seinen Rave-Signalen ist natürlich ein direkter Nachkomme der ravenden Gesellschaft. Auf der anderen Seite hat diese Entwicklung als Gegenentwurf auch eine starke neue Techno Underground-, Alternativ- und Gegenkultur generiert. Woraus gerade wieder eine neue Popkultur enstanden ist. Bei uns denke ich da an Erfolge rund um Electric Kingdom, die Members of Mayday mit ihrem Track „Sonic Empire“, Lexy & K-Paul oder DJ I.C.O.N. Bei anderen Labels schlägt sich dies an Produktionen wie Tok Tok vs. Soffy O. oder Elektrochemie LK nieder.
mw: War die Gründung von Electric Kingdom eine Reaktion auf diese Entwicklung?
Low Spirit: Absolut.
mw: Ist die Gefahr nicht groß, wenn man wie Low Spirit Trendsetter einer ganzen Szene war, entweder nach und nach im Mainstream zu verwässern oder im Underground zu versauern, wenn der Trend später wieder in eine andere Richtung ausschlägt?
Low Spirit: Es besteht und bestand keine Gefahr in die eine oder andere Richtung für uns, weil wir immer unserer Firmenphilosophie gefolgt sind, nämlich ein Label für neue Musik zu sein, dem es in guten Momenten gelingt, die populäre Kultur zu beeinflußen. Und das heißt auch, dass wir nicht mit aller Macht versuchen, Underground um des Underground Willens zu sein. Wenn wir von einer bestimmten Musik oder einem bestimmten Künstler überzeugt sind, ist es natürlich schon unser Bestreben, diese Botschaft so breit wie möglich zu streuen.
mw: Wie seht Ihr Euch heute im Spektrum zwischen Underground/Independent/Credibility einerseits und Mainstream/Majors/Kommerzilaität andererseits?
Low Spirit: Wir sind von dem, was man Underground nennt, eigentlich genau soweit entfernt wie von dem, was man Mainstream nennt. Wir haben uns nie als Teil von irgendwas empfunden.
mw: Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit Ihrem Vertriebspartner BMG Ariola Hamburg?
Low Spirit: Bei der BMG sind wir bestens aufgehoben, da die Firma unsere Eigenständigkeit respektiert und uns die Freiheit gibt, im Aufbau von neuen Acts auch mal ungewöhnliche Schritte zu gehen.
mw: Wie sieht Ihre Veröffentlichungspolitik und Ihre Firmenphilosophie bei Vinyls und CDs heute aus, wo sind Ihre Profitcenter?
Low Spirit: Da wir uns als DJ-Label verstehen, veröffentlichen wir grundsätzlich alles auf Vinyl. Wenn unsere DJs eine Platte im Club testen und alle schreien „Hit!“, ist dies für uns ein wesentlich wichtigerer Indikator als so manche Position in den Dance-Charts. Die Vinyl-Verkäufe werfen keine allzu großen Profite ab, sind aber ein wesentlicher Indikator für das Profitcenter CD-Verkäufe.
mw: Mit Lexy & K-Paul haben Sie jüngst nach etablierten Künstlern wie WestBam ein erfolgreiches Beispiel für Artist Development aufgezeigt. Ist in dieser Richtung mehr zu erwarten oder sagen Sie, dass ein so schnellebiges Genre wie elektronische Musik nicht immer gleich an langen Künstlerkarrieren festgemacht werden muss?
Low Spirit: Tatsächlich sehen wir nach wie vor unsere Chancen nicht darin, um die Wette mit den Majors mit Vorschüssen um uns zu werfen, um den großen neuen One-Off-Trance Hit aus dem UK zu signen. Unsere Stärken liegen darin, sehr früh neue Talente zu entdecken, sie musikalisch und stylemäßig zu beraten sowie zu fördern. Wir wollen sie über unsere Wege dem Publikum vorstellen und ihnen zu einem länger anhaltenden Erfolg verhelfen. Gerade hier in Berlin gibt es a ein riesiges Potenzial von Künstlern, mit denen man was entwickeln kann, und für die wir mehr tun können, als die meisten anderen Indie- oder Major-Labels.
mw: In der Öffentlichkeit werden vor allem Ihre Compilations zu Mayday und Loveparade als die großen Themen von Low Spirit- im Jahr wahrgenommen. Wie wichtig sind diese für Sie und bergen sie nicht die Gefahr, andere Releases zu überschatten?
Low Spirit: Bei uns werden diese großen Themen relativ flüssig abgearbeitet, alldieweil wir die ja schon ein paar Jährchen machen. Bei uns im Haus gibts da also relativ wenig Überschattungsgefahr. Die Zusammenstellungen haben sich als Forum bewährt, um dort spätere Hits zu entdecken.
mw: Sie waren anfangs personell und strukturell stark bei der Loveparade involviert. Wie sieht das heute aus, und haben Sie Nachteile erfahren, als die Parade dieses Jahr in die Krise geredet/geschrieben wurde?
Low Spirit: Für viele wird unser Haus mit der Loveparade gleichgesetzt, was natürlich nicht stimmt. Da gibt es personelle Überschneidungen und natürlich Berührungspunkte wie die Compilation oder die Hymne, aber das sind immer noch zwei verschiedene Paar Schuhe. Wir waren auch nicht immer glücklich mit der Erscheinung der Loveparade in diesem Jahr. Aber klar ist, dass die ganze Szene ohne die Loveparade nie so groß und wichtig geworden wäre, wie sie es heute ist. Die Loveparade ist das große Aushängeschild für Technomusik- und Kultur aus disem Land, sie steht im Ausland auch für ein neues Deutschland. Die Größe bringt bestimmte Probleme mit sich, die gelöst werden müssen, aber gerade in diesem Jahr gab es auch sehr viel unberechtigte Kritik. Das wirkt sich auf die ganze Szene aus, und damit indirekt auch auf uns. Allerdings erklärten die aktiven Teilnehmer die Loveparade 2001 am Ende des Tages jedoch zur besten der letzten Jahre.
mw: Nach wie vor sind Sie für die Mayday verantwortlich. Welchen Stellenwert nimmt diese in der Firmenstruktur von Low Spirit ein?
Low Spirit: Die Mayday ist neben der Loveparade ein wichtiges Forum, um neue Musik vorzustellen und zu breaken. Dies stand und steht auch Künstlern, die nicht geschäftlich an uns gebunden sind, zur Verfügung. Von Carl Cox über Sven Väth, The Prodigy, Blank & Jones, Mark Spoon, Moby bis zu Mauro Picotto haben viele Künstler diese Bühne für sich zu nutzen gewußt. Darüber hinaus hat die Mayday schon fast Techno-Messencharakter, wo man die meisten Veranstalter, Künstler, Plattenfirmen und sonstige Techno-Aktivisten treffen kann.
mw: Wie wichtig ist für Sie das Internet als Promotion-Tool und/oder Kontaktmedium zu den Fans und DJs? Wäre ein Online-Vertrieb oder Downloads für Sie denkbar?
Low Spirit: Momentan sehen wir das Internet hauptsächlich als Informations – und Promotion-Medium an. Wichtig ist unser Direct-Marketingpool mit über 20.000 E-Mail Adressen. Unser Herzblut hängt jedoch an der Musik und nicht am Medium. Wenn sich das Internet zu einer geregelten Vertriebsform entwickelt, werden wir sie nutzen – allerdings sind wir froh, nicht unnötig Geld in Utopien versenkt zu haben wie manche andere.


