Musik

Wilco: Spiel ohne Grenzen

Querkopf Jeff Tweedy verweigert sich dem Konformismus der Musikindustrie. Und der Erfolg gibt ihm Recht. „A Ghost Is Born“, das neue Album seiner Band Wilco, ist schon jetzt ein Hit – zumindest bei den Kritikern.

Er ist einer dieser Typen, die sich auf den Kopf stellen und doch nie zum veritablen Rock-Star werden könnten; weil er viel zu schlaff, bleich und käsig ist, fettige Haare hat, eine schwarze Nickelbrille trägt und super-schüchtern und bedächtig ist. Jeff Tweedy (Foto, 2. v.l.), der große, traurige Junge aus Chicago, ist der klassische Nerd. Ein Musikbesessener, der unermüdlich schreibt und spielt, eine treue Fangemeinde bedient, fernab des Mainstreams operiert und immer wieder euphorische Kritiken erntet. Und sei es nur, weil Tweedy so ehrgeizig ist, dass er sich mit jedem seiner bisherigen vier Alben neu erfunden hat – und doch immer er selbst bleibt.

Darin sieht der Thirtysomething seine Berufung und Mission. „Experimentieren ist uns schon fast nicht mehr genug“, sagt Tweedy und meint mit „uns“ eigentlich sich. „Wir wollen überraschen, Grenzen überschreiten und mit jeder Platte etwas vollkommen anderes machen.“ Was ihm mit seinem fünften und neuesten Werk, „A Ghost Is Born“, vorbehaltlos gelingt; eine ebenso vielseitige wie schrullige Mischung aus entartetem Schrammel-Rock, traurigen Balladen, bluesigen Garagen-Sounds, folkigen Leisetretern, psychedelischem Sixties-Pop, und vielem mehr. Mal wartet er mit warmer Klavierbegleitung auf, dann mit nervösem Gitarren-Feedback und minimalistischem Sicko-Blues, aber immer mit einem seltsam distanzierten, fragilen Slackergesang.

Tweedy nölt melodramatische Texte über eine Themenpalette, die von Begegnungen mit dem Teufel über Spinnen, Drogen-Dealer und Theologen bis hin zu verkannten Musik-Genies reicht. Er kreiiert Szenarien wie aus einem Road-Movie der Marke Tarantino/Akerlund – irrwitzig, verwegen, absurd. Und genau darin liegt der Unterhaltungswert der zwölf Stücke, die Tweedy in den berühmten New Yorker Sears Sound Studios einspielte und deren museumsreifes Analog-Equipment den Songs noch mehr Kanten, aber auch Charme verleihen. „Es ist ein altmodisches Album, das wir auf altmodische Weise aufgenommen haben“, sinniert er. „Ganz einfach, um diesem künstlichen Plastiksound, der so kalt, so steril und berechenbar ist, wieder etwas Lebendiges, Menschliches entgegenzusetzen.“ Was er einmal mehr mit einer komplett veränderten Band realisiert, bei der es nur eine Konstante gibt: Produzent und Gitarrist Jim O’Rourke, der ihn – sofern es sein zeitgleiches Engagement bei Sonic Youth zulässt – auch auf Tournee begleiten wird. Die sollte eigentlich schon vor Wochen in amerikanischen Clubs starten, musste aber auf Eis gelegt werden, nachdem Tweedy gesundheitliche Probleme anmeldete. Jahrelange Migräneanfälle, die er mit starken Schmerzmitteln bekämpfte, hatten ihn tablettenabhängig gemacht. Frisch entgiftet geht es nun Ende Juni auf die Bühne. Eine Perspektive, die Tweedy Mut macht, nicht nur musikalisch über seinen Schatten zu springen, sondern vielleicht auch mal in Sachen Massenakzeptanz. Denn noch mehr Hörer auf einen Schlag, dürfte er so schnell nicht erreichen. „Und genau das macht mir Angst“, sagt er.