Musik

„Was sollen Bundesregierung oder Opposition wirklich ausrichten?“

Matthias Pflugradt, Rocksana Musik & Medienmanagement, Loreley

Immer mehr und immer lauter werden die Rufe der Musikbranche nach Unterstützung aus der deutschen Politik. Diese erhört gar das Flehen aus den Metropolen der deutschen Unterhaltungsindustrie und wirft sich – Opposition und Staatsminister gleichermaßen – mächtig ins Zeug, der krisengeschüttelten Branche tatkräftig unter die vor Angstschweiß triefenden Arme zu greifen. Nur stellt sich dem Betrachter die Frage, wie ernst diese angebotene Hilfe von der CDU/CSU-Fraktion und der Regierungskoalition wirklich ist. Denn schließlich ist Wahlkampf in Deutschland. Und auf beiden Seiten sucht man nach Möglichkeiten, vor allem junge Wähler mit populären Themen für sich zu mobilisieren. Was liegt da also näher, als die Schwarzbrenner, Raubkopierer und einhergehenden Umatzverluste zum Wahlkampfthema zu machen und gleichzeitig die langersehnte Hoffnung auf ein Musikexportbüro in Deutschland zu stärken?

Die Sache hat nur einen Schönheitsfehler. Denn was soll die Bundesregierung beziehungsweise die Opposition wirklich ausrichten? Das dauernde und immer stärker werdende Schwarzbrennen werden auch sie nicht stoppen, so lange nicht eine hochwertige Musik in Deutschland produziert wird, die der Konsument auch bereit ist zu einem vernünftigen Preis zu kaufen.

Denn was haben die Experimente gebracht, populäre Tauschbörsen wie Napster durch Bertelsmann zu einem legalen Markt der Möglichkeiten im Musiktauschverfahren zu machen? Sie sind kläglich gescheitert und werden in den nächsten Wochen und Monaten auch nicht mehr zum Leben erweckt werden.

Die Krise der Musikindustrie ist keine Krise der Kreativen oder der Produzenten. Davon haben wir mehr als genug fähige Leute, die in der Lage wären, hochwertige Produktionen abzuliefern. Die Krise, von der wir nun schon seit Jahren reden, ist eine A&R-Krise. Es ist eine Krise der deutschen Musikkultur. Denn auch bei großen Plattenfirmen wird uns in zwei Jahren keiner glaubwürdig erklären können, wofür wir Bands wie die No Angels oder Bro’Sis wirklich brauchen.

Um einen Künstler zu etablieren, braucht es vor allem Durchhaltevermögen, Repertoirekenntnisse und kreative Ideen zur Umsetzung des vorhandenen musikalischen Potentials. Und genau das ist im Laufe der Jahre verloren gegangen.

Ein Regierungswechsel von Rot/Grün zu Schwarz/Gelb wird die Probleme nicht beseitigen, solange kein konsequentes Umdenken da ist. Die Probleme werden sich, egal unter welcher Regierung verschärfen. Auch Thomas M. Stein wird es nicht schaffen, den Karren mit markigen Worten in Richtung Berlin wieder aus dem Dreck zu ziehen. Alle klagen, aber keiner hat den Mut oder die Ideen, wirklich etwas zu verändern. Und ein simpler Kopierschutz auf jeder CD verschiebt die Problematik um einen Monat, bis der Code zum Knacken in der nächsten Computerfachzeitschrift steht.

Es gibt nichts zu feiern, weder jetzt noch im August auf der Popkomm. Aber es gibt viel zu tun. Es fragt sich nur, wer’s anpackt.