Musik

„Was für einen Wert hat die Unsterblichkeit?“

Sängerin Inna Ligum macht sich Gedanken über den Umgang der Gesellschaft mit Kunst.

Seit einigen Monaten bin ich mit dem Thema „Urheberrecht“ beschäftigt. Und mit der Piratenpartei. Seit vielen Jahren ist Politik für mich ein Tabuthema. In der Sowjetunion und der Ukraine war es völlig sinnlos: Die Veränderungen waren so schnell, dass man sogar zusehen konnte, wie sich die Revolutionäre von den Barrikaden kurz danach ihre Taschen füllten. Man könnte zynisch werden, ich wurde einfach apolitisch.

Aber jetzt ist es etwas anderes: Urheberrecht ist ein wichtiges Thema für mich persönlich. Ich arbeite im Tonstudio, bin mit einem Songwriter verheiratet und schreibe selbst Songs. Ich habe schon einiges gesammelt und werde einen langen ausführlichen Blogspot über das Urheberrecht schreiben, aber jetzt interessiert mich etwas anderes: Wie kommen die Menschen dazu, die Musik und die Künstler zu verachten? In den Foren gibt es viele (meistens sind das Hobbykünstler), die sagen: „Geht doch arbeiten, nervt uns nicht und verdient euer Brot mit etwas anderem, Kunst, Musik, Schreiben könntet ihr auch nach der Arbeit machen!“

Der Amtsblogger Sascha Lobo betont, dass es beim Urheberrecht nur um das Verhältnis zu den Künstlern geht. Die Gesellschaft bejubelt die wenigen erfolgreichen Künstler und verachtet diejenigen, die nicht bekannt sind. Hmm. Warum? Warum wird das wichtigste in unserer Zivilisation – Ideen, Kreativität, Musik, Kunst etc. – so wenig respektiert? Was bleibt denn nach dem Tod? Etwa Maschinen? So schnell wie die iPhones kaputt gehen, kann man nicht so viel Hoffnung auf die Technik setzen …

Oder haben die Menschen plötzlich doch keine Angst vor dem Tod, ist Internet stärker als der Tod? Fühlt man sich sicherer, wenn man weiß, dass irgendwo noch ein paar Millionen andere Menschen vor den Bildschirmen sitzen? Liegt der Sinn des Lebens im freien Zugang zu allen Informationen?

Wenn es nach den Piraten ginge, müsste der Zugang und die Verteilung der Inhalte auch kostenfrei sein. Schon die Römer haben die Grundbedürfnisse klar erkannt: „Gebt den Menschen Brot und Spiele!“ In der sozialen Statt Deutschland muss man sich um Brot meistens nicht kümmern, aber Spiele … die Spiele werden immer wichtiger. Die Kunst ist das schönste Spiel der Menschheit, und die Musik ist ein göttliches Spiel. Warum dann nicht die Vermittler der Kunst für diese göttliche Freude des Spiels verehren, die Musiker, Textdichter, Künstler etc.? Mein Mann sagt, es ist Neid.

Meine Antwort auf diese Frage fand ich im Film „Avatar“: Die Menschen können selten eine andere Sichtweise annehmen. Es ist einfacher, die andere Welt zu zerstören, als sie zu verstehen. Für viele Piraten, die aus den naturwissenschaftlichen Fächern kommen, sind die Geisteswissenschaftler fremde Tiere. Ich habe viele Freunde: Programmierer, Physiker, Mathematiker. Ich mag sie wegen ihrer intellektuellen Hochleistungen und ihrer Logik, sie mich wegen meiner sprudelnden Ideen, meiner Emotionalität und meinem Selbstverwirklichungsdrang. Wir ergänzen uns ganz gut.

Aber ich denke, für viele Naturwissenschaftler sind die Werte der Geisteswissenschaftler zu unklar. Man will den konkreten Nutzen eines Produkts wissen und seinen Wert auch direkt bestimmen können. Man versucht Urheberrecht und Patentrecht zu vergleichen. Oder man sagt, die Künstler sollen sich durch Crowdfunding finanzieren.

Was mir dabei fehlt, ist die Anerkennung des Werts der Kunst und der Arbeit des Künstlers. Was ist nach Tausenden von Jahren von den vergangenen Zivilisationen geblieben? Genau: Kunst, Ideen und seit relativ kurzer Zeit auch die Musik. Kunst ist die einzige Unsterblichkeitspille der Menschheit.

Also: Was für einen Wert hat die Unsterblichkeit für die Gesellschaft?

Die Autorin

Inna Ligum studierte in der Ukraine Philologie und in Deutschland Musikwissenschaft und arbeitete als Musikjournalistin, bevor sie nach Deutschland reiste, „um Sängerin zu werden“. Zusammen mit Siggi Zundl betreibt sie das Sound Factory Tonstudio und das Label Ocean One Records. Sie bloggt auf www.innaligum.com.