Musik

Warum Ex-CISAC-President Jean-Loup Tournier zurücktrat

Beim diesjährigen CISAC-Kongress in London stellte Jean-Loup Tournier sein Amt als President zur Verfügung. Im Gespräch mit Mike Hennessey erläutert er die Konflikte und Enttäuschungen, die ihn zu diesem Schritt bewogen.

Die Confédération Internationale des Sociétés d’Auteurs et Compositeurs (CISAC), der internationale Dachverband der Urheberrechtsgesellschaften, steht vor der Gefahr einer Spaltung – und dies jetzt, wo es wichtiger denn je ist, dass der Verband seine fundamentale historische Rolle spielt, nämlich die Rechte der Urheber zu schützen. So sieht es jedenfalls der frühere CISAC-President Jean-Loup Tournier. Er behauptet: „Der Verband kann nicht mitreden, wenn es um die Probleme geht, denen sich die Rechteinhaber heutzutage ausgesetzt sehen; er hat völlig versäumt, intensive Lobbyarbeit zu leisten, obwohl diese absolut unabdinglich ist. CISAC hat nicht einmal Stellung gegen schlechte Gesetze bezogen, die in den USA und in Europa verabschiedet wurden.“

Tournier sieht zwei Fraktionen im Dachverband am Werk – zum einen die vier Gesellschaften MCPS/PRS (Großbritannien), ASCAP (USA), BUMA/STEMRA (Niederlande) und SOCAN (Kanada), die von den Musikverlegern dominiert würden, und auf der anderen Seite Autorengesellschaften wie die deutsche GEMA sowie SACEM (Frankreich), SGAE (Spanien), SIAE (Italien), SABAM (Belgien), SUISA (Schweiz) und BMI (USA). Tournier schätzt die Bedrohung der Urheberrechte als größer denn je ein, die Verwertungsgesellschaften seien anhaltenden Angriffen ausgesetzt; die frühere Unterstützung vonseiten der Regierungen sei dahin. Deshalb fordert er: „CISAC muss aufhören, den Löwenanteil der Investitionen und der Manpower in technologische Projekte zu stecken. Es ist überlebenswichtig, dass man mehr Druck auf die Regierungen ausübt, damit diese die moralischen und wirtschaftlichen Rechte der Urheber weltweit und vollständig schützen. In den meisten Ländern gibt es entweder gar keinen Schutz des Copyrights, oder er ist völlig unzureichend – obwohl alle heuchlerisch der Berner Konvention beigetreten sind.“

Tournier wendet sich vehement gegen das Konzept, CISAC als „Company fürs Datenmanagement ihrer Mitglieder“, die zugleich ihre Kunden seien, zu begreifen. „Das würde die grundlegende Rolle der Organisation unterlaufen. Und ich bin auch strikt gegen die Idee, dass man das kollektive Management der Urheberrechte wie ein kommerzielles Business führen kann. Die direkte Konsequenz hieraus wäre es, intellektuelle Werke als ordinäre Handelsware zu begreifen – ein Konzept, das die überwiegende Mehrheit der Autoren einmütig ablehnt.“ Tournier verweist auf die Meetings des Exekutivbüros der CISAC am 10. Dezember 2000 in Berlin und am 16. März 2001 in Amsterdam. Dort habe man einige Aufgaben für den President klar formuliert:

· erstens die Wiederbelebung des International Council of Authors

· zweitens die Verstärkung der CISAC-Aktivitäten im Hinblick auf die Verteidigung der moralischen und materiellen Interessen der Autoren – vor allem durch Lobbyarbeit bei den relevanten internationalen Organisationen, durch aktive Teilnahme an wichtigen Copyright-Reformen und durch die Einrichtung eines World Strategy Committee

· drittens die Überarbeitung der Statuten der Organisation, um den neuen Herausforderungen besser begegnen zu können

· und schließlich die Überprüfung des Wahlsystems der CISAC, um der Unzufriedenheit der kleineren Mitgliedsgesellschaften abhelfen zu können.

Tournier betont: „Ich habe einen Report vorgelegt, in dem ich ausführlich erläuterte, warum die CISAC nicht wirkungsvoll genug arbeitet. Ich sehe die erstrangige Aufgabe der CISAC als weltweite Organisation darin, einen besseren internationalen Schutz für die Urheber anzustreben. Aber in den vergangenen vier Jahren wurde genau diese Aufgabe verwässert.“ Deshalb habe er sich als President dafür eingesetzt, die Situation radikal zu verändern. „Die CISAC sollte die Stimme der Urheber werden, und die Autoren sollten sich stärker mit ihrer Organisation verbunden fühlen. Denn derzeit spielen sie praktisch keine Rolle in der Confédération.“ Aber man habe ihn, so Tournier, ständig gehindert, seine diesbezüglich vorrangigen Pflichten als President der CISAC wahrzunehmen. „Gleich nach meiner Wahl beim CISAC-Kongress in Santiago de Chile im September 2000 teilte man mir mit, es gäbe für mich kein Büro im CISAC-Hauptquartier und auch keine Sekretärin. Dabei hatte ich ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der President seine Pflichten ohne diese Basis nicht sinnvoll erfüllen könne.“ Aber er wurde noch nicht einmal eingeladen, so Tournier, als CISAC in neue Büros in Neuilly bei Paris umsiedelte – „ganz zu schweigen davon, dass man mich erst nach einigen Monaten in den Postverteiler aufnahm“.

Im September 2002 zog er beim CISAC-Kongress in London die Konsequenzen und trat von seinem Amt zurück. Über seine weiteren Pläne sagt er: „Mein ganzes Leben lang habe ich mich dafür eingesetzt, dass intellektuelles Eigentum besser geschützt wird; 40 Jahre lang habe ich für Organisationen wie SACEM, BIEM und GESAC mit deren uneingeschränkter Unterstützung gearbeitet. Deshalb waren die zwei Jahre bei CISAC eine schreckliche Erfahrung. Aber ich werde nicht resignieren. Die Arbeit geht weiter; es gibt noch viel zu tun.“