Musik

Walter Gröbchen: „www.zukunftsmusik.at“

Mit einem Plädoyer für eine österreichischen Musikplattform im Internet meldet sich der A&R-Spezialist und Journalist angesichts der von ihm konstatierten „Ignoranz der marktbeherrschenden Medien“ in der Alpenrepublik zu Wort.

“Was den Österreicher vom Deutschen trennt“, hat Karl Kraus postuliert, „ist die gemeinsame Sprache“. Tatsächlich ist die Sprache, besonders in der Medien- und Musikbranche, derart gemein eine gemeinsame, dass die „Ösis“ oft nur mehr Statthalter im eigenen Land sind.

Man muss dabei nicht unbedingt auf die wirtschaftliche Macht des großen Bruders verweisen. Auch die multinationalen Konzerne von Universal bis Sony haben ihre Wiener Filialen auf der Kulturlandkarte vielfach zu reinen Marketing-Stützpunkten degradiert. Lokale Repertoire-Anstrengungen sind – Ausnahmen bestätigen die Regel – zur dekorativen Folklore verkommen, nicht zuletzt aufgrund allgegenwärtiger Ignoranz der marktbeherrschenden Medien.

Ö3-Chef Roscic beklagt dialektisch-zynisch, es mangle an heimischer Qualitätsware. Staatssekretär Morak konstatiert, Österreich sei im Bereich der Populärkultur ein Distributionsriese, aber ein Produktionszwerg. Es gibt in dieser fatalen Lage eigentlich nur die Möglichkeit, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Im Kleinen machen es Kruder, Dorfmeister & Co. vor. Im Großen scheint in vielen Bereichen die Situation verfahren – die normative Kraft des Faktischen, etwa im Bereich der elektronischen Medien oder des Handels (nach der Libro-Pleite sowieso kontaminierte Todeszone), lässt kaum Phantasie zu. Aber in jenem – noch weitgehend unregulierten – Terrain, das als Umschlagplatz der Zukunft ausgemacht ist, im Internet also, erscheint Nachdenken und Handeln möglich.

Wer oder was hindert die österreichische Kulturindustrie, sofern sie an einer eigenständigen Identität und Perspektive interessiert ist, daran, in einem neuen, universalen Informationskosmos ihr eigenes Medium zu eröffnen? Sich ein Sprachrohr zu schaffen, ein Zentralorgan, ein Überdruckventil? Oder, nüchterner, eine Möglichkeit, den Markt und damit die Erfolgsbilanz anzukurbeln? Noch ist die Marktlücke offen, noch sind Claims frei, noch lässt sich ein Verdrängungswettbewerb weitgehend vermeiden.

Der Plot ist simpel: Mach“ es dem heimischen Musikinteressierten, dem Fan, dem Konsumenten so bequem wie möglich, an Informationen heranzukommen. Schaffe eine „Dachmarke“, eine Anlaufstelle im Internet, die von möglichst allen – Plattenfirmen, Medien, Organisationen und Institutionen, den Künstlern und Fans selbst – be- und genutzt wird. Statte sie mit vereinten Kräften mit Attraktionen und Qualitäten sondergleichen aus.

Platziere die Adresse auf jeder CD, jedem Plakat, jeder Printanzeige, sprich: Lass“ diese Marke Teil jeglicher Werbe- und Marketing-Botschaft sein. Mach“ die Info-Plattform zur ersten Adresse in Sachen Musik aus, in und für Österreich. Ein neuer Turm zu Babel? Nein. Schlichtweg ein universelles Medium, das so noch nicht existiert – abgestimmt auf lokale Bedürfnisse, zugänglich aus jedem Winkel dieses Planeten. Natürlich bedarf solch eine „Web-Trademark“ nebst Innovationsfreudigkeit einer gemeinsamen Willensbildung und einer entschiedenen Umsetzung samt personifizierter Triebfeder (wie es in Deutschland Viva-Macher Dieter Gorny war und ist).

Abzusehen ist: Keine Plattenfirma, kein Telekom-Anbieter, ja nicht einmal die IFPI oder der ORF oder die Mediaprint allein wird es schaffen, seine/ihre Net-Präsenz zu einem relevanten Angebot für den Musikfan zu machen, solange nicht alle an einem Strick ziehen. Der Konsument ist weder an banalen firmenspezifischen Promotion-Sites noch an belanglosem News-Allerlei interessiert, sondern allein an konzentrierter, hochklassiger Information und Unterhaltung. Und, natürlich: Service.

Dass gerade Musik im Digitalzeitalter eine Net-kompatible Handelsware und idealer Treibstoff für Zugriffszahlen ist, ist evident – man muss noch nicht einmal das gern genommene Stichwort „Umwegrentabilität“ im Mund führen, um den Nutzwert eines solchen Angebots in Verkaufseinheiten umzurechnen; der Kulturaspekt erscheint Controllern ja eher verdächtig. Zukunftsmusik? Ach was. „I Want The Future And I Want It Now“.