Vor allem das Brahms-Konzert ist eine Feuertaufe für jeden guten Geiger. Und es kam dem in Wien lebenden Musiker gerade recht, dass Warner nach einer neuen Aufnahme dieses Werks verlangte. Denn Rachlin spielt das Konzert regelmäßig seit 1995, auch schon zusammen mit dem Dirigenten Mariss Jansons und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. „Es ist eines meiner Lieblingskonzerte“, sagt er und betont, dass er sich mit ihm immer wieder neu auseinander setzen muss. Diese Arbeit spiegelt sich in ungemein großer Spielfreude und in seinem unbeschwerten Umgang mit Brahms und Mozart. Flink und punktgenau beherrscht Rachlin die Konzerte, ohne dabei jedoch in starre Routine zu verfallen. Über zehn Jahre lang hatte er keinen festen Plattenvertrag. Zwar war er auch während dieser Zeit im Studio und spielte zum Beispiel im vergangenen Jahr im ZDF-Fernsehfilm „Napoleon“ den Teufelsgeiger Paganini. Doch vor allem erfüllte der Geiger einen beachtlichen Konzertkalender: 130 Auftritte im Jahr absolvierte er.
Am regen Konzertleben hält er nach wie vor fest, auch wenn er sein Pensum auf mittlerweile rund 100 Auftritte pro Jahr reduziert hat. „Ich bin ein absoluter Live-Spieler, und das würde ich nie im Leben eintauschen wollen“, betont Julian Rachlin. Aber ins Studio zu gehen, habe für ihn sehr interessante Aspekte, und er lerne dort sehr viel: „Du arbeitest ganz anders und kannst eine Interpretation bieten, die deinem eigenen Ideal entspricht – was man in einem Live-Konzert vielleicht einmal in fünf Jahren schafft.“ Seit 1999 ist Rachlin zudem Professor am Wiener Konservatorium, auch wenn er sich eigentlich nicht als Lehrer fühlt. Er kann und will nicht die Verantwortung eines richtigen Pädagogen übernehmen, wie er sagt. Doch er weiß, dass er den Studenten den Reifungsprozess hin zu einem glaubwürdigen Musiker vermitteln kann. Denn Rachlin hatte selbst lange mit dem Stigma des Wunderkindes zu kämpfen, gegen das er sich heute noch wehrt. „Es war nicht einfach, diesen Sprung zu einem erwachsenen Musiker zu schaffen. Ich glaube, was mir geholfen hat, war meine Umgebung – meine Familie und meine Freunde, die mich nie als Wunderkind gesehen haben, sondern für die ich immer ein ganz normaler Junge war.“



