Musik

Volkstümliche Musik in TV-Shows: Öffentlich-Rechtliche bestellen das Feld

Am letzten Juli-Samstag schlug die ZDF-Show „Wenn die Musi spielt“ mit 4,09 Millionen Zuschauern auch die „ran“-Berichterstattung vom ersten Fußballbundesliga-Spieltag (2,22 Millionen Seher) um Längen. Doch Quote ist nicht gleich Quote – trotz imposanter Marktanteile findet das volkstümliche Genre im Privat-TV nicht mehr statt.

Dirndl und Lederhose – bei den Privaten TV-Anstalten sind sie längst eingemottet. Marianne & Michael, Heino & Co. müssen hier draußen bleiben. Dass dadurch dennoch kein Vakuum entstanden ist, geht auf das Konto der Öffentlich-Rechtlichen Sender, die gleich ein ganzes Potpourri an volkstümlichen Musik-Sendungen aus dem Tirolerhut zauberten.

So bringt die ARD jeden Montag um 20.15 Uhr unter dem Label „Heimatmelodie“ volkstümliche Musiksendungen wie „Zauberhafte Heimat“, „Kein schöner Land“, „Musikantenscheune“, „Schlagerparade der Volksmusik“, „Ein Platz an der Sonne“ oder „Weiß-Blau klingt“s am schönsten“. Die traditionellen Beiträge erreichen dabei Marktanteile zwischen 13 und 20 Prozent, 3,5 bis 5 Millionen Menschen schauen zu.

Wenn am Samstagabend – ebenfalls zur Prime-Time nach den 20 Uhr-Nachrichten – Carmen Nebel die „Feste der Volksmusik“, Karl Moik den „Musikantenstadl“ oder Gotthilf Fischer die „Straße der Lieder“ präsentieren, sitzen noch mehr Zuschauer vor dem Bildschirm in der ersten Reihe: Zwischen 17 und 25 Prozent Marktanteil sind dann garantiert. Die Krönung – Nomen est Omen – erzielte die Sendung „Krone der Volksmusik“ am 13. Januar 2001 mit über 7,4 Millionen Zuschauern.

Aber auch die Kollegen vom ZDF lassen sich nicht lumpen, wenn es um Heimatgefühle, Brauchtum und volkstümliche Melodien geht. In den letzten Wochen kredenzte das Zweite mit „Grand Prix der Volksmusik“, „Lustige Musikanten“, „Volkstümliche Hitparade“, „Das Superwunschkonzert der Volksmusik“ und „Liebesgrüße aus Salzburg“ gleich eine ganze Reihe von beliebten Genre-Sendungen und erzielte damit Marktanteile von 16,1 bis 21 Prozent. Zwischen 4,2 bis 5,6 Millionen Zuschauer schalteten ein.

Quoten, von denen junge Formate wie „Big Diet“, die „Harald Schmidt-Show“ oder „Die dümmsten Tiere der Welt“ nur träumen können. Selbst die Sat-1-Fußball-Show „ran“ hatte mit 2,2 Millionen Zuschauern am ersten Bundesliga-Spieltag keine Chance gegen die Volksmusik: Das im ZDF zeitgleich ausgestrahlte „Wenn die Musi spielt“ wollten mit über vier Millionen fast doppelt so viele Zuschauer sehen, wie die Kicker des schwächelnden FC Bayern München. Doch, so die Privat-TV-Macher, Zahlen sind nicht gleich Zahlen. Die Qualität der Quote soll“s machen. „Mit Top of the Pops bringen wir eine starke Musiksendung für unsere Zielgruppe“, sagt Christoph Koerfer, Presseleiter bei RTL, „diese Zielgruppe ist zwischen 14 und 49 Jahre alt – und für die ist Volksmusik einfach kein Thema.

SAT.1 hat die Volksmusik abgehakt

Deshalb gibt es bei uns auch keine Sendung mit volkstümlicher Musik.“ Ähnlich äußert sich Andreas Thiemann, Redakteur bei Sat.1: „Für einen Privatsender wie Sat.1, der sich ausschließlich durch Werbeeinnahmen finanziert, sind die Zuschauerzahlen entscheidend – insbesondere die Reichweiten und Marktanteile bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren.“ „Steiners Musikantenparade“ vor fünf Jahren war vorerst der letzte Flirt von Sat. 1 und Volksmusik. Thiemann: „Wir planen auch für die Zukunft keine Sendung in diesem Bereich.“

Ulrich Erdt, Redakteur beim ZDF, hat Verständnis für die Einstellung der kommerziellen Kollegen, gibt aber auch zu bedenken: „Wir glauben nicht, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender die Leute im Programm vergessen sollte, die mit diesem Programm aufgewachsen sind. Auch und gerade diese Menschen haben ein Recht auf ‚ihre Unterhaltung“ im Fernsehen, zumal sie uns ja mit ihren Gebühren auch finanzieren.“ Deshalb will das ZDF auch zukünftig die über 50-jährigen Zuschauer nicht vergessen. Im Gegenteil. Neben den bewährten Sendungen soll es weitere Einzelserien geben.

Präsenz im Radio rückläufig

Zum Beispiel wird Hansi Hinterseer drei Mal im nächsten Jahr seinen österreichischen Charme am Donnerstagabend versprühen, für den Samstagabend sind verschiedene Volksmusik-Events wie „Liebesgrüße aus Salzburg“ bereits fest gemacht. Ähnlich sieht die Planung der ARD aus. Burchard Roever von der Presse- und Informationsstelle des Ersten: „Die Sendeplätze werden auch im Jahr 2002 am Montag um 20.15 Uhr und am Samstagabend mit den bewährten und erfolgreichen Volksmusik-Shows besetzt. Dazu kommen zahlreiche Specials und Galaprogramme.“

Fest steht: Die Gruppe der älteren Fernsehzuschauer mag für die Privaten TV-Anstalten als Zielgruppe uninteressant sein – in ARD und ZDF sitzen die Volksmusik-Fans in der ersten Reihe. Da passiert es schon mal, dass die Macher bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendern zeitgleich Heimatklänge ins Pantoffelkino senden. Für die älteren Semester die Qual der Wahl. „Dies geht natürlich am Zuschauer vorbei. Vor allem, da ältere Menschen manchmal nichts im Programm für sich finden. Sie sind dann die Leidtragenden. Deshalb sind wir bemüht, die Termine zukünftig zu entflechten“, verspricht Ulrich Erdt vom ZDF.

Aber auch konzeptionell könnte den Formaten frischer Wind nicht schaden, meint zumindest Ken Otremba, Marketing-Manager bei BMG: „Wir haben das Problem, dass die Zuschauerstruktur der Sendungen nicht deckungsgleich mit den CD-Käufern ist. So kämen uns etwas jüngere Crossover-Formate mit Schlager- und Popkünstlern beispielsweise sehr gelegen.“ Insgesamt aber bescheinigt Otremba den Sendern eine „zufriedenstellende Abdeckung mit Volksmusik“.

Karl-Heinz Voell, Promoter bei Koch International AG stimmt ihm zu: „Zur Zeit gibt es ausreichend Sendungen, die sich um den volkstümlichen Schlager bemühen. Allerdings gilt auch hier der Satz: ‚Lieber Klasse, als Masse““. Voell gibt auch zu bedenken, dass es an einer Plattform für Nachwuchskünstler mangele. Für Top-Stars wie die Kastelruther Spatzen, Nockalm Quintett oder Monika Martin sei es jedoch kein Problem, in relevante TV-Sendungen zu kommen.

Obwohl das Genre ausreichend im Fernsehen präsent ist, bleiben exorbitante Tonträger-Verkaufszahlen die Ausnahme. Volksmusik fristet im Einzelhandel ein Nischendasein. Ken Otremba glaubt zu wissen warum: „1992 machten Schallplatte und Musikkassette noch rund 60 Prozent des Volksmusik-Marktes aus. Die LP ist heute nicht mehr vorhanden und die MC ist heute auf 20 Prozent des Niveaus von 1992 zurück gegangen. Der Zuwachs im CD-Bereich beläuft sich indes nur auf drei Prozent. Schuld ist also die fehlende Sortimentstiefe im Handel.“

Andreas Wild, Promoter bei Tyrolis music, hat für den bescheidenen Absatz von Volksmusik-Tonträgern eine andere Erklärung. Neben der rückläufigen Präsenz des Genres im Radio hat der österreichische Label-Mann auch hausgemachte Probleme ausgemacht: „Das Streben nach einem medientauglichen Produkt überzeugt den Endkonsumenten nicht immer. Es fehlen oft neue musikalische Elemente.“

„Grand-Prix“ hat Signalwirkung

Auch wenn gute TV-Promotion noch keinen Hit garantiert – fest steht, dass dem Fernsehen im Marketing-Mix eine Schlüsselrolle zukommt. So ist es für die Labels selbstverständlich, Veröffentlichungstermine mit bestimmten Fernsehsendungen zu koordinieren. Für Karl-Heinz Voell sind TV und Rundfunk „die stärksten Partner, um sich einem interessierten Publikum zu präsentieren.“ Ken Otremba interpretiert die Macht der Flimmerkiste als „absatzförderndes Tool – wenn Timing und das sonstige Umfeld stimmen.“ Und Anja Becker, Promotion-Koordination bei da music, hat erkannt: „Die TV-Präsenz eines Künstlers ist ein wichtiges Popularitäts-Barometer und ein wichtiger Punkt in der Gesamtkonzeptionierung.“ Ein erster Platz beim „Grand Prix der Volksmusik“ kann sogar noch mehr wert sein. Becker: „Ein Sieg bei einer dieser Wettbewerbssendungen hat für Endverbraucher und Handel eine Signalwirkung.“

Mit dem Finale…

des „Grand Prix der Volksmusik“, das der ORF am 1.September in Wien ausrichtet, beginnt ein TV-Herbst voller hochkarätiger Fernsehereignisse rund um das Thema „volkstümliche Musik“: Die neue TV-Show , die das ZDF am 21. September direkt aus dem Hofbräuhaus-Zelt sendet, das „Herbstfest der Volksmusik“ des Mitteldeutschen Rundfunks, und nicht zuletzt das 30-jährige Jubiläum des ZDF-Formats „Lustige Musikanten“ werden die Fans des populären Genres wieder in Scharen vor die Bildschirme locken und den Tonträgern zu den Sendungen gute Abverkaufs-Chancen bescheren.

All diese bewährten Showformate werden von öffentlich-rechtlichen Sendern ausgestrahlt, die Privatsender zeigen sich an der angeblich „zu alten“ Zielgruppe nicht interessiert. Insider der Volksmusikszene sehen das freilich anders: Thematisch habe das Genre in den letzten Jahren sein Spektrum beträchtlich erweitert, junge Acts seien nachgewachsen, und es liege an den Sendern, durch eine zeitgemäßere optische Präsentation auch jüngere Zuschauer anzusprechen.