Musik

Verwertungsgesellschaften kippen Service-Center

Das International Music Joint Venture (IMJV) scheint dem Untergang geweiht, nachdem die beteiligten Urheberrechtsgesellschaften, darunter die kanadische SOCAN und die niederländische BUMA-STEMRA, den Plan stoppten, für 30 Millionen Euro ein gemeinsames Service-Center im holländischen Hoofddorp einzurichten.

In einem Exklusivgespräch mit musikwoche.de nannte Cees Vervoord, CEO der BUMRA-STEMRA, mehrere Gründe für die Entscheidung, auf das gemeinsame Service-Center zu verzichten.

Der weltweite Einbruch bei den Plattenverkäufen zum Beispiel führe in Verbindung mit der zunehmenden Tonträgerpiraterie dazu, dass die Verwertungsgesellschaften in den kommenden Jahren mit einem starken Rückgang der Einnahmen aus Tantiemen rechnen müssten. Außerdem seien in den vier Jahren seit zu viele Probleme bei der Vernetzung der verschiedenen Computersysteme aufgetreten, deren Lösung zu große Kosten verursacht habe. „Und last but not least verschlingen die Diskussionen über ein gemeinsames Online-System zu viel Zeit“, sagt Vervoord, „denn die beteiligten Gesellschaften müssen sich untereinander über die Tantiemensätze und Systeme ebenso verständigen wie darüber, wen sie lizenzieren und wen nicht. Obendrein haben wir noch immer keine Einigung zwischen BIEM und IFPI über die Höhe der mechanischen Royalties erreicht, so dass niemand weiß, mit welchen Einnahmen aus dieser Quelle in Zukunft zu rechnen ist.“ Alle diese Faktoren hätten dazu geführt, so Vervoord, das Projekt eines gemeinsamen Service-Centers abzublasen. „Wir müssen uns jetzt andere Optionen überlegen. Denkbar wäre, dass jeder Partner mit dem gleichen Datenbestand arbeitet.“

Das IMJV-Konzept war ursprünglich eine Kollaboration der amerikanischen ASCAP, der BUMA-STEMRA und der britischen MCPS-PRS; die kanadische SOCAN schloss sich im Februar 2001 an. Seit dem Startschuss 1998 hatte IMJV mit kostspieligen Verzögerungen zu kämpfen, die den geplanten Termin der Fertigstellung im Juli 2002 in immer weitere Ferne rücken ließen. Zwischendurch wurden drei verschiedene Firmen mit Gutachten zur Rentabilität des Projekts beauftragt, und bis die dritte Studie vorlag, war klar, dass das vorgesehene Budget von 30 Millionen Euro, das nun in den Sand gesetzt wurde, bei weitem nicht ausreichen würde.

Die Nordamerikaner von ASCAP und SOCAN scheinen nun die Notbremse gezogen zu haben, da sie keine Chance sahen, die hohen Investitionen mit dem Service-Center wieder einzuholen. Ursprünglich hatten sie den gemeinsamen Plan vor allem deshalb unterstützt, um sich die Upgrade-Kosten ihrer eigenen Systeme zu ersparen.

Während bei IMJV das Geld versickerte, hat sich das gut entwickelt. Von BMI (USA), SACEM (Frankreich), SGAE (Spanien), SIAE (Italien) und GEMA als Joint Venture im Juli 2000 gegründet, funktioniert Fast Track als dezentrales digitales Copyright-Netzwerk, das die Datenbestände der einzelnen Gesellschaften zwecks Informationsaustausch verbindet. Die erste Aufbauphase ist mit der Installation des Global Documentation and Distribution Network (GDDN) und der Online Works Registration (OWR), die bereits 3,5 Millionen Copyrights umfasst, abgeschlossen. Und im Dezember 2001 schlossen sich die österreichische AKM, die belgische SABAM und die schweizerische SUISA dem Fast-Track-Netzwerk an, während auf der Midem 2002 das Gerücht die Runde machte, dass nun auch zwei IMJV-Gesellschaften zur Fast-Track-Koalition stoßen wollen.

Jean-Loup Tournier, der frühere Präsident der französischen SACEM, wandte sich schon früh gegen die IMJV-Pläne. Dabei bezog er sich auf französische und spanische Experten, die bereits vor vier Jahren darauf hingewiesen hatten, dass ein zentral gesteuertes System für Daten, die übers Internet zwischen den Kontinenten ausgetauscht werden sollen, keine gute Lösung sei und dass ein Netzwerk-Modell weitaus besser funktionieren und zudem billiger sein würde.

Eine weitere Schwäche der zentralisierten Datenbank dürfte auch in ihrer Anfälligkeit für Hacker-Attacken liegen – in einem höchst sensiblen Bereich, dessen Daten die Lebensader der Verwertungsgesellschaften darstellen. Tournier weist darauf hin, er habe seinerzeit auch der GEMA geraten, sich statt IMJV besser Fast Track anzuschließen.

In ihrem Jahresbericht 2000 betont die GEMA zwar, dass sie mit den internationalen Schwestergesellschaften eng zusammenarbeite, um einen noch intensiveren Datenaustausch zum Zwecke der globalen Verwaltung von Copyrights zu erreichen. Doch der Jahresbericht erwähnt auch, dass sich die GEMA dem international Music Joint Venture nicht angeschlossen habe, weil dieses zentralisierte Dokumentationssystem zwar dem anglo-amerikanischen Repertoire nütze, für das GEMA-eigene Repertoire aber keine Vorteile bringe. Ein Beitritt zu IMJV hätte aus Sicht der GEMA die Aufgabe von deren eigenem Dokumentationssystem, „das perfekt funktioniert“, bedeutet, und man hätte Personal und Ausstattung in die Niederlande transferieren müssen.

Es hieß, das IMJV-Projekt sei für BUMA-STEMRA vor allem deshalb besonders attraktiv gewesen, weil es Personal hätte beschäftigen können, dessen Stellen wegfallen mussten, nachdem die frühere PolyGram ihren zentralen Lizenzvertrag mit STEMRA gekündigt hatte. Nicht nur dieser Vermutung widerspricht Cees Vervoord: „Unser Lizenzabkommen mit Universal Music endete vor vier Jahren, und seitdem haben wir nach und nach Stellen abgebaut. Wir haben jetzt noch 280 Vollzeitbeschäftigte, früher waren es 350. Und was die Hacker-Anfälligkeit betrifft, behaupte ich immer noch, dass sich ein zentralisiertes System besser schützen lässt als ein Netzwerk.“