Grund für die Krise lieferte das Preismarketing von Ex Libris, einer 100-prozentigen Tochter des Migros-Konzerns, bei Singles-Produkten von Universal Music Schweiz. In der Schweiz dürfen keine Mindestverkaufspreise festgelegt werden, da dies ein Verstoß gegen das Wettbewerbsgesetz wäre. Deshalb hatte ein Preis von 3,50 Franken pro Single bei der mit 117 Outlets größten Schweizer Filialkette durchschlagenden Erfolg.
Mitte September bestand die Top Ten der Singles-Hitparade eine Woche lang ausschließlich aus Universal-Titeln. Im Dezember 2001 reagierte die IFPI Schweiz, die zusammen mit Radio DRS 3 die Schweizer Hitparade erheben lässt, und Marketingausschuss und Kontrollkommission änderten das Reglement: Die Verkäufe von Ketten, mithin also auch von Ex Libris, werden weniger stark gewichtet.
Die Notwendigkeit zu diesem Schritt erklärt Dr. Peter Vosseler, Geschäftsführer der IFPI Schweiz: „Die reduzierte Quotierung von Handelsketten dient dem Ausgleich der durch die massenhaften Niedrigpreisverkäufe verursach-ten Verzerrung des Singles-Tonträgermarktes. Denn es ist Aufgabe der offiziellen Schweizer Hitparade, den nationalen Tonträgermarkt so marktnah wie möglich darzustellen.“ Ex Libris reagierte postwendend.
Bis auf Weiteres liefert die Handelskette keine Daten mehr an Media Control. Sandra Kaufmann, Leiterin Gesamteinkauf bei Ex Libris, erklärt: „Es kann doch nicht sein, dass unsere Kunden weniger stark gewichtet werden, denn sie unterscheiden sich in nichts von denen anderer Geschäfte.“ Kaufmann gibt sich zwar gesprächsbereit, sagt aber klar, dass die jetzige Regelung so nicht hingenommen werde.
Auch Vosseler betont Gesprächsbereitschaft und will in dieser „rein sachlich geführten Auseinandersetzung alsbald wieder Einvernehmen herstellen“. Er erwähnt, dass „Ex Libris die Verkaufszahlen im Bereich DVD und VHS weiterhin liefert“. Anders als in Deutschland und den USA setzt sich die Schweizer Hitparade noch nicht aus elektronischen Verkaufsmeldungen zusammen, sondern beruht auf Tipplisten der Händler.
Eine Lösung des Konfliktes könnte darin bestehen, dass Media Control dieses Erfassungssystem ändert und die Daten direkt auf elektronischem Weg von den Ladenkassen erhebt. Die neue Charts-Ermittlung und die Weigerung von Ex Libris, ihre Verkaufszahlen an Media Control zu melden, haben zumindest ein Gutes für französischsprachige Künstler in der Schweiz. Da Ex Libris nur im deutschen Teil des Landes Filialen hält, finden sich derzeit vermehrt französischsprachige Titel in der Schweizer Hitparade.



