Dagegen würde Gregor Imo, Geschäftsführer Toptrax, gern mit einer Liste arbeiten: „Eine einzige Dance-Charts als Pendant zu den Verkaufscharts wäre gut. Aber wohl kaum realisierbar. Relevant sind für uns nach wie vor die großen Charts wie ODC 40, GDP oder DDC, wobei leider vermehrt immer größere Differenzen zwischen den einzelnen Charts auftauchen, die das wirkliche bild der Dancefloors verwischt. Ein übergeordnetes Kontrollorgan wie etwa ein Verband wäre hier vielleicht wünschenswert.“ Grundsätzliche Überlegungen stellt Bernd Breiter, Geschäftsführer Overdose, an: „Zuerst muss man sich die Frage stellen, ob die diese Dance Charts überhaupt versuchen, das Geschehen widerzuspiegeln oder ob das Geschehen dem wirtschaftlichen Eigeninteresse – gerade in unserer jetzigen Situation – des Unternehmens vorangestellt wird. Handeln diese Unternehmen denn im Sinne des Musikgeschehens oder wollen diese Unternehmen das Musikgeschehen durch ihre und bei manchen extremst perfekt ausgearbeiteten) Netzwerke beeinflussen? Ist es der Geschmack des DJs der entscheidet oder die kostenlose Plattenlieferung?
Zudem sollte es nur eine einzige Dance Charts geben – aber eine objektive Sales-Charts, so wie das bei unseren europäischen Nachbarn geschieht. Wie würde es aussehen, wenn die Top 100 von Media Control durch die Befragung von Konsumentenmeinungen ermittelt werden würde? Frei dem überspitzen Motto: „Tippt doch bitte mal Eure Charts, dann schicken wir euch weiterhin kostenlos Musik in Haus“? Könnte man sich so eine von Media Control ermittelten Charts vorstellen? Nein, man würde sagen, sie sei nicht objektiv. Also warum kann man es dann im Dance? Die Promotion-Agenturen haben auf jeden Fall ihren Stellenwert – aber sie sollten sich aufs Promoten der Musik konzentrieren – nicht aufs Promoten der eigenen Charts. Eine einzige unabhängige Verkaufscharta ist die einzige Möglichkeit, um das eingangs beschriebene Marktgeschehen widerzuspiegeln.
Mit Goethe antwortet Maximilan „WestBam“ Lenz, A&R Low Spirit: „Ich halte mich an den alten Wahlspruch: „Lest keine Oden, sondern die Charts – die sind genauer.“ Ich lese sie gern, muss aber zugeben, dass ich alle möglichen Charts lese. Ich habe auch Bücher etwa mit den 100 besten Charts für HipHop oder die österreichischen Airplay-Charts. Da geht es mir wie Goethe, der auch Listen geliebt hat. Meine Sets aber richte ich nicht nach den Dance-Charts aus.“
Für die Situation im Vinylmarkt spricht Georg Roth, Vertriebsleiter/A&R beim Q-Vertrieb: „Grundsätzlich ist Pluralismus auch in der Dance Chart Landschaft äußerst wünschenswert, aber wirklich relevant sind für mich seit einiger Zeit nur noch die GDP und die ODC Charts. Allerdings würde ich mir auch eine breitere Playlist wünschen, da Techno, Black Music und Pop eine viel größere Rolle spielen, als es in der GDP wiedergespiegelt wird. Was sich viel eher ändern muss, ist der Bemusterungswahnsinn. Wenn es die Dance-Industrie durch effizienteres Bemustern schafft, die DJs wieder häufiger in den Plattenläden zu treiben, würden sich die Charts von alleine bereinigen.
Spätestens nächstes Jahr werden alle Label begreifen, dass man die Strategie aus den 90ern nicht länger verfolgen kann. Es muss alles effektiver und sinnvoller gestaltet werden. Dazu gehören auch bittere Einschnitte. Das sehen momentan die wenigsten ein. Wir befinden uns in einer, positiv gesehen, Gesundschrumpfung und das wird auch die Dance Charts betreffen. Schaut man sich mal im Ausland um, wird man teilweise feststellen, das dort Dance Charts nicht von Agenturen erstellt werden, die auch gleichzeitig bemustern. Auch dies sollte uns in Deutschland zu denken geben, denn immer wieder wird die Glaubwürdigkeit aller deutschen Dance Charts in Frage gestellt.
Und sein Kollege Armin Johnert, Vertriebsleiter DMD, knüpft dort an: „Die Situation mit all den viel zu vielen Dance-Charts erinnert mich fatal an die Bundestagswahl. Jeder hat seine eigene Statistik sprich Dance-Charts. Die Qualität des Produktes wird dadurch aber nicht besser, egal ob es sich nun um eine Dance-Platte oder um eine Partei oder um Politiker handelt. Dabei weiß doch jeder, der sich ein wenig mit Statistik auskennt, dass eine Statistik immer so gut und aussagekräftig ist, wie es derjenige, der sie bezahlt hat, zulässt. Einen sehr positiven Unterschied zwischen Wahlstatistiken und Dance-Charts gibt es allerdings: die Herausgeber, die die Wahlstatiken den jeweiligen Auftraggebern auf den Leib schneidern, haben kein Einfluss auf das tatsächliche Wahlergebnis. Das ist leider das Traurige bei den Dance-Charts, denn diese beeinflussen auf geradezu fatale Art und Weise den ganzen Musikmarkt und prägen das Bild der Dance-Szene. Sie sind damit zum großen Teil mitverantwortlich für die Krise in diesem ehemals hochwertigen und innovativem Marktsegment.
Die meisten der schnell hochgejubelten und über DJ Pools und sogenanntes Pluggin künstlich hochgehypten,Hits‘ stellen sich als Flops oder bestenfalls,One Hit Wonders‘ heraus. Die dahinter stehenden Artists verkaufen in den seltensten Fällen Alben, bilden somit kein Repertoire und keinen Backkatalog. Es fehlt an Substanz, an Inhalt, Stories, an allem! Der etwas anspruchsvollere Konsument hat sich deshalb leider aus dem Markt verabschiedet und 22jährige sind schon zu Sleepern mutiert. Dabei weiß jeder, wie Dance-Charts zustandekommen und dass sie immer nur einen kleinen Ausschnitt dessen abbilden können, was die DJ-Szene, die Clubs und der Markt tatsächlich hergibt. Dennoch richten sich A&Rs, Vertriebe, Viva und MTV bei der Vergabe von Video-Rotationen, Radioredakteure mit ihren Playlists. fast sklavisch an den Ergebnissen der Dance-Charts aus, ohne auf das eigene Know-How und den Musikverstand sowie die Fähigkeit, den Markt richtig einzuschätzen, zu vertrauen.
Die einzige Lösung wäre, wenn auch schwer umsetzbar, wenn die Promotion-Agenturen nicht auch noch ihre eigenen Dance-Charts ermitteln würden, sondern wenn die Dance-Charts von einer neutralen Stelle, beispielsweise von Media Control unter Berücksichtigung der tatsächlichen Vinylverkaufszahlen, ermittelt würden. Solange aber DJ Tipps bei der Erstellung der zig deutschen Dance-Charts eine so gewichtige Rolle spielen, und diese DJ Tipps weiterhin so massiv und leicht beeinflusst werden können, wie das von DJ Pools geschieht, haben diese Dance-Charts für mich immer nur einen geringen Stellenwert, wenn es darum geht, die tatsächlichen Chancen eines Titels und vor allem eines Interpreten und eines Acts und seine langfristigen Perspektiven zu beurteilen. Da muss man schon Rückgrat beweisen, wenn man mit dieser Auffassung arbeitet. Mich langweilen aber all diese A&R, Manager, die erst ein Thema signen und von Hit und vom großen Potential des Künstlers reden, und dann die erste Single nicht mal als CD veröffentlichen – geschweige denn ein Album des Künstlers – weil die Nummer in den ODC nur Platz 27 erreicht hat.
Ich würde mir wünschen, dass die ODC wieder abgeschafft werden, weil sie die Materialschlacht vergrößert haben. Der Einfluss bestimmter DJ Pools mit ihren Themen dort ist immens und die kommerzielle Ausrichtung dieser Charts ist so aufdringlich, dass dort Innovation und Progressivität, beziehungsweise Veränderung quasi ausgeschlossen ist. Zusätzlich verkaufen wir als Vinylvertrieb wegen der zusätzlichen Bemusterungsplatten immer weniger Vinyl im Inland. Hier wird ein langweiliger und nicht sehr trendiger Status Quo manifestiert, an dem die Branche noch zu ersticken droht. Fairerweise muss ich aber sagen, dass das auch für die meisten anderen Dance-Charts gilt.
Vor allem von diesem komemrziellen Dance-Charts haben wir ohnehin viel zu viele. Wo doch gerade in diesem Bereich eine einzige Charts wirklich genug wäre, das sollte meiner Meinung die German DJ Playlist sein, obwohl auch dort der Einfluss gewisser Plugger und Kumpel-Tippgemeinschaften etwas zu groß ist. Wenn es aber um die Zukunft von Dance geht, da lobe ich mir nach wie vor die von vielen immer wieder gescholtenen DDC: hier hat auch noch ein guter Undergroundtitel eine Chance und einzig hier finden noch musikalische Trends von morgen und übermorgen statt! Während die anderen Dance-Charts sich offenbar darauf spezialisiert haben, herauszufinden, was eh schon jeder weiß: dass kommerzielle Dance-Musik bei kommerziell orientierten Großraum-DJs sehr gut ankommt.“
Pascal Dollé, Head Of A&R/Head Of Promotion bei Music Mail, hält die bestehenden Systeme für „sehr undurchsichtig. Jeden Montag bin ich erstaunt, wie auf wundersame Weise Platten sehr weit oben stehen – egal in welchen der für mich relevanten Charts – alsoODC, GDP und DDC. Einen Zusammenschluss dieser drei wäre aus dem einfachen Grund nicht gut, weil eine Umstrukturierung viel zu aufwändig wäre und die beteiligten Tipper viel zu unterschiedlich sind. Deswegen sollte man sich auf zwei Charts einigen: Eine Großraum-Liste mit maximal 250 bis 300 Tippern für Discos mit einer Kapazität über 1000 Leuten, für die nicht nur Resident DJs abstimmen, sondern auch größere Namen wie Pulsedriver, Blank & Jones oder ATB tippen sollten. Denn diese DJs sehen wirklich, was in den verschiedenen Regionen abgeht. Die anderen Charts mit etwa 100 bis 150 Tippern sollten für DJs sein, die tatsächlich in Clubs spielen, wo eben nicht Aquagen oder Jan Wayne zuhause sind. Hier hätten etwa House-lastigere Produktionen wie viel mehr Chancen als in den ODC, wo eine Scheibe wie Tim Deluxe doch ein seltener Gast ist.
Wichtig ist auch die Neutralität dieser Charts, das heißt, die Herausgeber der Charts sollten keine eigene Bemusterung anbieten. Vor noch fünf Jahren war esfür jeden DJ eine Auszeichnung, sich an einer Charts zu beteiligen. Das änderte sich rapide, als jede Plattenfirma sich einen eigenen Pool zugelegte und wir einen unbeschreiblichen DJ-Boom erlebten. In unseren Nachbarländern wie Holland werden indes bloß 50 DJs bemustert und zwar nur große Namen wie Tiesto, Armin van Buuren oder Ferry Corsten. Das hiesige Gießkannensystem, bei dem in Deutschland jeder, der sich DJ nennt, eine Platte gleich fünfmal erhält, führt zum einen zu riesigen Streuverlusten und zu exorbitanten Marketing-Kosten. Gleichzeitig verliert das Vinyl dadurch seine Wertigkeit und man nimmt den Indie-Labels die Luft zum Atmen, denn diese leben vom Vinylverkauf.“
Nach dem Start im vergangenen August sieht Stefan Friedrich von der Dance AG des Bundesverband die ODC 40 als „eindeutigen Marktführer, vor allem beim Endverbraucher, der in der Breite erstmals überhaupt eine Dance-Charts wahrnimmt. Dabei bilden die ODC 40 nicht den urbanen Geschmack ab, sondern was bundesweit in den Discotheken und Clubs am häufigsten gespielt wird. Sie zeigt die Titel mit dem stärksten Potenzial in der Breite, die dann auch kommerziell erfolgreich sein könnten. Dass leistet die Charts, denn von den 113 Top Ten Titeln aus den ODC 40 des letzten Jahres 82 in die Media Control Top 100 eingestiegen sind – das entspricht einer Quote von 72,6 Prozent. Auf Grund der derzeitigen wirtschaftlichen Lage sind die Mehrfachbemusterungen einzelner Titel mit Stückzahlen über 2000 bis 3000 Exemplaren endgültig nicht mehr tragbar. Diese Mammutbemusterungen entstanden auch aus dem Umstand, dass alle Labels alle Charts promoteten, um Argumente für Radio und die Videokanäle zu haben. Statt dessen müssen wir uns alle stärker um eine qualitative, statt quantitative DJ-Promotion bemühen, in der das vom DJ gekaufte Vinyl wieder mehr Gewicht bekommt.
Da sich nun die Zahl der relevanten Dance-Charts vor allem durch die ODC 40 verringert hat, hat sich die Promotion-Lage nicht wirklich verschlechtert, allerdings müssen alle einfach wieder effizienter promoten. Schießlich muss man nicht alle Tipper bemustern, um erfolgreich zu sein. Ein House-DJ wird keine Trance-Scheibe spielen, auch wenn er sie drei mal bekommt. Deshalb liegen die gemeinsamen Bemühungen im Rahmen der Dance AG darin, Vinylverkäufe wieder zu stärken und auch DJs, die Vinyl kaufen und nicht nur bemusterte Scheiben spielen, langfristig stärker zu berücksichtigen. Die GDP bietet mit ihren 200 Positionen eine gute Möglichkeit, Entwicklungen und die Auswirkungen einzelner Promotion-Maßnahmen zu beobachten. Insofern sind sie branchenintern ein interessantes Tool. Die DDC sind noch immer ein Seismograph trendorientierter Clubmusik, spielen im kommerziellen Bereich und der Medienargumentation allerdings eine deutlich geringe Rolle als in den letzten Jahren, was aber ein Beleg für die Präzisierung ihres Profils ist.“



