Musik

Umfrage zur Relevanz der Dance-Charts (Teil 3)

Statements von Markus Wenzel, Slobodan Petrovic, Jens Ophälders, Axel Lünebach

Dagegen würde Markus Wenzel, Geschäftsführer Superstar Recordings, zwei Charts bevorzugen: „Eine trendorientierte, die reine Clubhits abbildet, und eine kommerziell orientierte, die den klaren Hinweis für eine Entwicklung aus den trendigen Clubs in die Breite der kommerzieller orientierten Discos aufzeigt und generell kommerzielle Dance-Titel berücksichtigt. Wenn alle Labels an einem Strang ziehen würden und ein Konsens erzielt werden könnte, dann wäre das sicherlich machbar.“

Slobodan Petrovic, Geschäftsführer Aqualoop Records, ist sich sicher: „Gewisse Dance-Charts sind einfach nicht mehr aussagekräftig. Es kann doch nicht sein, dass einige Dance-Themen wie etwa,Show Me Love‘ von Robin S. zehn Wochen die Peak-Position halten, aber dann relativ unspektakulär in den Verkaufs-Charts von Media Control auftauchen. In erster Linie meine ich die DJ Top 40 und DMC. Denn die DJ Top 40 ist mir zu subjektiv, hier finden sich hauptsächlich seine eigenen Produkte und die seiner Homies. Die DMC ist viel zu langatmig. Themen, die in den Clubs schon längst abgefrühstückt sind, halten sich noch Ewigkeiten oben. Ab offiziellem Charts-Entry müssen diese Themen raus. Zudem ist mir ein sehr persönlicher Draht zu Labels wie Gang Go aufgefallen, was sich auch wiederum in den DMC-Charts widerspiegelt. Naja, machen wir uns nichts vor, so läuft es wohl überall:.hier und da mal ein kleiner Beteiligungspunkt, einige Verlagsanteile und,schwupps‘ geht es auch aufwärts.“

Jens Ophälders, zuständig für Promotion bei Alphabet City, urteilt: „Dance Charts sind im Laufe der vergangenen Jahre immer wichtiger geworden, um sich in der Flut der Dance-Veröffentlichungen besser zurechtzufinden. Sie sind ein Indikator dafür, was in den Clubs gespielt wird, was ein Hit ist und was nicht, welche Platte ein Hit werden könnte und welche nicht. Bei der Frage nach der Relevanz der Dance Charts kommt man in diesem Zusammenhang nicht um das Thema der Glaubwürdigkeit herum. Wenn man davon ausgeht, dass die verschiedenen Dance Charts ins Leben gerufen wurden, um deutlich zu machen, was in den hiesigen Clubs musikalisch passiert – sei es nun akut oder trendmäßig -, dann ist es immer unerlässlich, sich die Tipper der einzelnen Charts anzusehen. Hier liegen die verschiedenen Ausrichtungen der einzelnen Charts begründet: Während die ODC beispielsweise von rund 800 DJs Playlisten abfragen, rekrutiert sich beispielsweise der DDC-Pool aus etwa 300 speziell selektierten,Trend-DJs‘ und,Trend-Händlern‘, die ihre Titel möglichst,wegweisend‘ tippen.

So passiert es dann häufig, dass eine Platte in den einen Charts ganz oben ist, in den anderen beispielsweise noch nicht einmal in den Top 40 auftaucht. Dieser Zustand lässt für uns als club-orientiertes Independent-Label eigentlich nur eine bestimmte Sichtweise zu: grundsätzlich sind für uns die drei Dance Charts DDC, GDP und ODC mit ihren drei unterschiedlichen Ausrichtungen von eher club-relevant/trendy bis hin zu deutlich kommerziell wichtig. Eine gute Platzierung unserer Produkte sollte in allen drei Charts stattfinden. So reicht es unserer Meinung nach für einen kommerziell erfolgreichen CD-Release definitiv nicht aus, sich beispielsweise mit einem Produkt nur in den DDC gut zu platzieren. Das Crossover-Potenzial ergibt sich aus der Positionierung in mehreren Dance Charts, die unterschiedliche Ausrichtungen widerspiegeln. Schafft es also ein Produkt von uns in den DDC, GDP und ODC auf Platz 1, so wissen wir theoretisch, dass wir ein Club-Stück gesignt haben, welches deutlich kommerzielles Hitpotenzial besitzt. Eine solche Platzierung hat folglich Auswirkung auf das weitere Product Management wie Video-Dreh, Marketing Strategien oder Release-Dates.

Eine einzige Dance Charts müsste Unglaubliches leisten können: sie müsste gleichzeitig den Stand der Dinge und den weiteren Fahrplan der Club/Dance-Szene aufzeigen. Sie würde wie eine Sammelstelle aller DJ-Reaktionen auf Bemusterungen, Plattenkäufe, Publikumslieblinge, Clubausrichtungen, Akzeptanz einer Platte, Erhältlichkeit einer Platte, musikalischer Stil einer Platte funktionieren, über die sich jeder Partner zu jeder Zeit informieren kann. Eine solche Einrichtung wäre natürlich mehr als wünschenswert, ist aber unserer Meinung nach utopisch und in ihrer theoretischen Größe und Detailiertheit nicht machbar. Zudem ist abseits der ODC jede Dance Charts auch an einen Bemusterungsservice angeschlossen, das heißt die Charts spiegeln natürlich auch die Leistungen der jeweiligen Bemusterungsdienste wider. Beliebt ist auch das sogenannte,Pluggen‘, also das Nachtelefonieren für bestimmte Titel, damit sie bevorzugt getippt werden. Hier stellt sich dann natürlich nicht nur die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Charts, sondern auch der Tipper: Tippt der DJ wirklich die Hits oder Trends oder eher das, was er gesagt bekommt?

Eine solche Dance Charts müsste sich zuallererst über dieses System erheben und zudem eigentlich alle DJs im Pool haben, sei es nun DJs aus kommerziellen Großraumdiscotheken, trendige Club-DJs, mobile Discotheken oder Booking-DJs etc., um dann gleichzeitig den Ist- und den Was wird-Zustand in der Clublandschaft deutlich erkennbar zu machen. Das scheint uns jedoch in dieser Form nicht machbar zu sein. Vielmehr ergibt sich der Umstand, dass man erst einmal mit dem vorhandenen System weiterarbeitet, und zwar abseits der Frage, ob es vernünftig ist oder nicht. Denn die Dance Charts kontrollieren sich in unserem Sinne gegenseitig. Das Hitpotenzial eines Produktes erhält seine Glaubwürdigkeit durch die Positionen in mehreren Dance Charts und nicht in nur einer. Somit ist das bestehende System nicht schlecht, in Details allerdings verbesserungswürdig.“

Axel Lünebach, Geschäftsführer Silly Spider, zweifelt die Machbarkeit einer einzigen Charts an: „Sicher wäre eine einzige, objektive und repräsentative Dance-Charts wünschenswert, auch um den ausgeuferten Bemusterungskosten Einhalt zu gebieten. Hier sollten auch die tatsächlichen 12″-Vinyl-Verkäufe mit einfließen. Ob das jemals Realität wird, scheint jedoch fraglich. Die ODC zumindest erfüllen dies nicht ausreichend. Neben diesen sind für uns GDP und DDC relevant.“