Musik

Umfrage zur Relevanz der Dance-Charts (Teil 2)

Statements von Sascha Ritter, Jens Thele, Erik May, Bernd Breiter

Eine einzige Charts reicht nicht aus, sagt Sascha Ritter, stellvertretende Leitung A&R Pop/Rock/Dance bei BMG Ariola München: „Die Styles in dem Segment sind für nur eine Dance-Charts einfach zu grundverschieden. Wir alle wünschen uns neben den Dance-Charts wieder mehr DJs mit Eiern, die neue Stile und Sounds nach vorne bringen und mehr Raum für Experimente schaffen, um Veröffentlichungen wieder mehr Zeit zur Entwicklung zu lassen. Kommerzieller Indikator sind für uns die GDP, ODC und die DDC – und zwar genau in dieser Reihenfolge. Generell muss man fette Clubtracks von kommerziellen Crossover-Titeln unterscheiden. Alle darauf folgenden Maßnahmen, Video, TV-Werbung etc. müssen dann dreimal abgewogen werden, was verdammt schwer ist. Eine Top 5-Platzierung durch alle Charts hinweg ist leider kein klares Indiz mehr für einen wirtschaftlichen Erfolg. Und die Zeiten, als eine Nummer eins in den DDC eine Viva-N1-Playlist und eine Gold-Verleihung bedeutete, sind auch passé.“

Jens Thele, Kontor-Chef, zeigt sich ratlos: „Dance-Charts sind für uns ein Brief mit sieben Siegeln – auch wir verstehen sie manchmal nicht. Trotzdem haben alle ihre Berechtigung. Wir arbeiten mehr mit bestimmten Charts zusammen, andere Firmen mit anderen. Und wenn man die Top Ten von allen abschneidet und dort Titel findet, die in allen Listen präsent sind, ergibt das schon einen gewissen Aussagewert. Dennoch ist die Relevanz der Dance-Charts insgesamt gesunken. Die große Gefahr sehe ich darin, wenn künstlich hochgehypte Titel ganz oben landen, die dann in den Verkaufs-Charts keine Chance haben. Wirtschaftlich ist das ganze System der verschiedenen Dance-Charts langfristig nicht mehr tragbar. Aber eine Patentlösung, wie wir dem entkommen können, weiß ich auch nicht.“

Drei Charts reichen für Erik May, Marketing/Promotion bei Kosmo Music: „Ich bin mit dem momentan bestehenden System aus den drei relevanten Dance-Charts DDC, ODC 40 und GDP eigentlich ganz zufrieden. Diese drei Charts spiegeln für mich die in den Clubs vorherrschenden Trends sehr gut wieder. Die restlichen Charts sind meiner Meinung nach mehr oder weniger vernachlässigbar. Wir haben unsere Bemusterungsgepflogenheiten den wirtschaftlichen Umstände angepasst und bemustern derzeit weniger Platten denn je. Unser Pool zusammen mit Ministry Of Sound funktioniert so gut, dass wir nur noch jeweils eine freie Promotion Agentur zusätzlich einschalten. Grundsätzlich sollte aber von allen Charts-Erstellern versucht werden, die Tipper-Pools so klein wie möglich zu halten, um die Materialschlacht zu beenden. Die best-promotete Platte ist auf jeden Fall die, die sich ein DJ auf Vinyl kauft, weil er sie spielen will.“

Grundsätzliche Überlegungen stellt Bernd Breiter, Geschäftsführer Overdose, an: „Zuerst muss man sich die Frage stellen, ob die diese Dance Charts überhaupt versuchen, das Geschehen widerzuspiegeln oder ob das Geschehen dem wirtschaftlichen Eigeninteresse – gerade in unserer jetzigen Situation – des Unternehmens vorangestellt wird. Handeln diese Unternehmen denn im Sinne des Musikgeschehens oder wollen diese Unternehmen das Musikgeschehen durch ihre und bei manchen extremst perfekt ausgearbeiteten) Netzwerke beeinflussen? Ist es der Geschmack des DJs der entscheidet oder die kostenlose Plattenlieferung? Zudem sollte es nur eine einzige Dance Charts geben – aber eine objektive Sales-Charts, so wie das bei unseren europäischen Nachbarn geschieht.

Wie würde es aussehen, wenn die Top 100 von Media Control durch die Befragung von Konsumentenmeinungen ermittelt werden würde? Frei dem überspitzen Motto: „Tippt doch bitte mal Eure Charts, dann schicken wir euch weiterhin kostenlos Musik in Haus“? Könnte man sich so eine von Media Control ermittelten Charts vorstellen? Nein, man würde sagen, sie sei nicht objektiv. Also warum kann man es dann im Dance? Die Promotion-Agenturen haben auf jeden Fall ihren Stellenwert – aber sie sollten sich aufs Promoten der Musik konzentrieren – nicht aufs Promoten der eigenen Charts. Eine einzige unabhängige Verkaufscharta ist die einzige Möglichkeit, um das eingangs beschriebene Marktgeschehen widerzuspiegeln.“