Alex Kilb, Geschäftsführer House Of Music, meint, dass die „Relevanz der Dance-Charts abgenommen hat. Deshalb ist die Idee einer einziger Charts mit hohem Aussagewert im Prinzip nicht verkehrt. Und die von Media Control herausgegebene ODC 40 als Spiegelbild des wirklichen Geschehens in den Clubs ist auf dem besten Weg dorthin. Die Charts, die nicht von neutralen Redaktionen erstellt werden, also von Firmen, die einen buchbaren Pool führen und über diesen selbst Dienstleistungen anbieten, dürften nur unter notarieller Aufsicht auswerten und veröffentlichen. Dadurch würde diese offizielle Liste im Gegensatz zu den von Privatfirmen mit eigenen Interessen veröffentlichten Listen auch glaubwürdig sein. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich, wie solche Privat-Charts beeinflussbar sind. Da wird wegen langjähriger, persönlicher Beziehungen der eine oder andere Titel höher getippt, während ein Konkurrenzprodukt nicht so hoch kommt.
Aus meiner Sicht werden irrelevant gewordene Chart-Systeme wie die DJ Top 40 verfälscht. Wenn man dort mit einem Rechtsanwalt und einer Verfügung käme, würde man wohl so manches entdecken. Denn meine Hauptkritik richtet sich nicht gegen die Anzahl der Charts, sondern die Art und Weise, wie diese ermittelt werden. Wir müssen alle darauf hinarbeiten, dass solche Charts verschwinden, denn damit würde auch der Bemusterungswahnsinn ein Ende haben. Auch die DDC haben ihren Trendcharakter verloren, weil sie nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen kommerzieller geworden sind. Noch vor ein paar Jahren hätte eine Single von Klubbingman dort keine Chance gehabt. Und eine Top-Platzierung in den DDC ist heute nicht mehr automatisch der Schlüssel zur Videorotation bei Viva.
Kritisch sehe ich an der ODC 40 noch, dass nicht alle DJs ausgewertet werden und Media Control auf ein Losverfahren zurückgreift. Denn auch damit ist eine Verfälschung der Ergebnisse gegeben. Alle DJs müssten jede Woche gewertet werden. Wenn man dadurch irgendwann diese DJs selbst im Pool hat, entscheidet eben der sportliche Wettkampf, wer den größten Einfluss auf diese Tipper hat. Die Hinzunahme der Vinylverkäufe macht nur dann Sinn, wenn man die Auslandsabsätze nicht mit hinzurechnet, denn schließlich werden dort bis zu 70 Prozent einer Vinylauflage verkauft. Allerdings ist der Vinylverkauf für mich nur relativ gering aussagekräftig, da viele Labels grundsätzlich mehr verkaufen, weil sie einen Sammlerwert oder ein Underground-Standing genießen. Deswegen kaufen die Fans nicht nur diese eine bestimmte Platte, sondern kaufen auch den Namen des Labels mit. Nicht immer ist dann eine Platte, die mehr als 5000 Vinyle verkauft, gleich ein Riesenverkaufshit auf CD.
Julia Hendewerk, Head of Marketing Zeitgeist Polydor, sieht ein Relevanzgefälle bei den Dance-Charts: „Es heißt doch so schön,die Geister, die ich rief‘. Dieses Motto könnte man auch auf die zahlreichen Dance Charts projezieren. Allerdings sind nur drei Charts wirklich relevant und spiegeln die Situation im Club einigermaßen wider, jedoch auf unterschiedliche Weise. Die DDC sind die Trendcharts, die neue Trends aufweisen wollen. GDP und ODC dagegen sind kommerzieller ausgerichtet. All diese Charts geben eine Richtung an, was aber längst nicht bedeutet, dass man Hit oder Flop vorhersehen kann. Und das bedeutet auch nicht, dass man deshalb die Platten so breit bemustern muss, dass jeder DJ im schlimmsten Fall die Platte dreimal bekommt.“
Gottfried Engels, Geschäftsführer Gang Go Music, vertritt weiterhin seine Idee einer kumulierten Dance-Charts: „Für mich ist die Promotion über Vinyl-Platten die billigste Art von Promotion, im Gegensatz zu den teuren Rock- und Pop-Themen. Das Problem liegt jedoch darin, dass einige Promotion-Firmen meinen, sie alleine hätten die Macht, Dance-Charts zu erstellen. Das sollte zugunsten einer Mega Dance Top 50 abgeschafft werden, die sich nach englischem Vorbild aus allen fünf Dance-Charts kumuliert, also ODC, DJ Top 40, GDP, DDC und DMC. Das wäre das reale Bild zwischen Hype und dem, was wirklich gespielt wird. Handel, Radio und TV können hieraus eine reale und glaubwürdige Orientierung aus der kumulierten Charts beziehen. Dazu gehört auch eine Regelung, nach der alte Titel wie bei der ODC nach vier Wochen in den Sales-Charts herausfallen.
Dieses Modell von mir haben in der Branche erst sehr viele bejaht, aber plötzlich spricht keiner mehr davon – weil das einigen Herren und einigen Promotion-Firmen nicht passt. Dabei wäre die Umsetzung dieser Mega Dance-Charts sehr realistisch, denn die Promotion-Firmen sind abhängig von unseren Aufträgen, so dass keine abspringen könnte. Diese Firmen sollten – wieder nach englischem Vorbild – promoten, das heißt, die Platten den deutschen DJs näher bringen. Promotion bedeutet für mich, dass ein DJ eine Platte spielt, worauf sie den Hörern so ins Ohr geht, dass sie in den Laden gehen, um den Hit zu kaufen. Auch eine Aufwertung der ODC 40 macht keinen Sinn, da hier niemand weiß, wer hier wirklich promotet wird oder versucht, Platten besser zu machen, als sie wirklich sind. Und auch die Anzahl der Charts zu verringern, bringt nichts, da man sich dann doch viel stärker in die Hand der übriggebliebenen Promotion-Firmen gibt, die für den Job, den einige hier machen, eh viel zu teuer sind.“
Dirk Dreyer, Head Of Sony Dance Division, betont die Wichtigkeit der Charts als Promotion-Instrumente: „Um Clubhits ganz nach oben in die Charts zu bringen, müssen Clubgänger mit breitgefächertem Pop-Marketing und Promotion auch jenseits von DJ-Promotion in die Stores gelockt werden. Dance-Charts allein dienen als Indikator für Resonanz aus den Clubs und als Argument für die weitere Schritte in Richtung Video und Kampagne. Darüber hinaus muss der Vertrieb bei Releases anderer Genres ohne dieses wertvolle Verkaufsargument auskommen. Eine großzügige DJ-Promotion mit direktem Feedback ist immer noch die preiswerteste aller Setup-Investitionen. Ob eine Dance-Charts allein den Spagat zwischen Trendbarometer und Indikator von Mainstream-Dancefloorfillern leisten kann, würde davon abhängen, ob man sie richtig interpretieren kann. Momentan sind die GDP, ODC 40 und DDC die relevanten Dance-Charts.“



